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Dokumentarfilm


Im essayistischen Film Jaurès formen sich scheinbar beiläufig gefilmte Alltagsbeobachtungen zu einer ästhetischen und politischen Botschaft




Der Blick auf die Anderen

Dass ein formell ebenso ungewöhnlicher wie mutiger Essayfilm wie Jaurès, einer der Highlights des BERLINALE-Forums 2012, noch den Weg in unsere Kinos findet, ist ein kleines Wunder und dem deutschen Verleih (arsenal institut, dem Hausverleih des Berliner Kinemathekskinos) hoch anzurechnen. Denn non-fiktionale Filme, die sich stilistisch einer leichten Konsumierbarkeit verweigern und sich nicht klar kategorisieren lassen, haben es heutzutage im durchformatisierten, auf Quote fixierten Fernsehen, aber auch im überladenen Kinoalltag sehr schwer. Der Dokumentarfilmer und -Ausbilder Thorolf Lipp hat in seinem aktuellen Einführungswerk Spielarten des Dokumentarischen (Schüren Verlag) die deprimierenden Fakten genannt: Im deutschen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der insgesamt über neun Milliarden Euro Jahresetat und rund 30.000 festangestellte Mitarbeiter verfügt, wird keinem einzigen festangestellten Dokumentarfilmer mehr die Chance gegeben, über Jahre hinweg eine eigene filmische Form zu entwickeln.


* * *


Das Besondere an Jaurès ist die thematische Vielschichtigkeit, die sich quasi wie nebenbei aus einem sehr privaten Blick ergibt: dem Blick aus dem Fenster. Zu sehen ist eine Abfolge kurzer Ausschnitte mit Asylsuchenden aus Afghanistan und afrikanischen Ländern, die sich am Ufer eines Seine-Kanals in der Nähe der Pariser Metrostation Jaurès Tag für Tag zusammenfanden, illegal kampierten, herumlungerten, beteten, bettelten, von der Polizei kontrolliert wurden und dabei um ihre Würde und Existenz rangen. Aufgenommen hat der Regisseur Vincent Dieutre die Szenen aus dem Fenster der Wohnung seines ehemaligen Lebensgefährten, und zwar solange die intensive Männerbeziehung anhielt: meist mit Zoom, über mehrere Jahreszeiten hinweg. Niemals hat Dieutre mit der Kamera die Wohnung des Freundes verlassen und damit die unsichtbare Schranke zwischen den Menschen unten und dem Paar oben zu überwinden versucht.

Während der Regisseur unbekannte Schicksale regelmäßig, aber quasi nebenbei dokumentierte, schwand die Intensität in seiner Beziehung. Dieutre stellt bilanzierend fest, dass er beiden Phänomenen eine Zeit lang hilflos gegenüberstand. Dies alles berichtet der Filmemacher einer guten Freundin, Eva Truffaut, während beide in einem Tonstudio sitzen, wo sie die Kommentare zu den Aufnahmen einsprechen. So erfährt der Zuschauer nicht nur Details über das alte Filmmaterial, sondern auch wie daraus das, was er auf der Leinwand sieht, entsteht. Zusätzlich wendet Dieutre mehrere Mittel der Verfremdung an, darunter punktuelle Animationen, anhand derer die Entstehung seines filmischen Essays selbst zum Thema wird. Indem Dieutre die privaten Erlebnisse (über die nur gesprochen wird) und die Beobachtungen im öffentlichen Raum (die tonlos zu sehen sind) zu einer neuen Einheit zusammenfügt, gewinnt er als Künstler im Prozess des Filmemachens auch seine private Souveränität wieder.

Der Blick auf das, was in einer Großstadt häufig verdrängt wird, das traurige Schicksal der relativ rechtlosen Migranten, wird in Jaurès beiläufig, aber eben auch unverfälscht wiedergegeben: aus der Perspektive eines Distanzierten, Privilegierten, dem die Menschen dennoch nicht egal sind. Durch die Verknüpfung seines eigenen Schicksals mit denen der Anderen überwindet Dieutre die formale Beschränkung und lädt die Zuschauer dazu ein, die eigenen Standpunkte (im buchstäblichen Sinne) bei der Beobachtung und Bewertung des Alltags kritisch zu hinterfragen.



Jaurès - Foto (C) arsenal institut Distribution



Bewertung:    


Max-Peter Heyne - 11. August 2013 (2)
ID 7044


Post an Max-Peter Heyne



 

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