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Dokumentarfilm

Die trunkene Tochter

Ein bedrückender Dokumentarfilm über AMY (Winehouse)


Bewertung:    



Als ich vor einigen Jahren las, dass die britische Soulsängerin Amy Winehouse ständig auf Droge und unter Alkoholeinfluss sei, dachte ich mir: Sie verdient einfach zu viel Geld – deshalb kann sie sich das leisten. Der englische Dokumentarfilm über ihren kometenhaften Auf- und Abstieg, Amy, bestätigt diese Vermutung. Nachdem Winehouse mit dem legendären Back to Black-Album weltberühmt und wohlhabend geworden war, konnte sie ihren selbstzerstörerischen Trieb exzessiv ausleben, weil Geld keine Rolle mehr spielte. Nur woher kam der autoaggressive Impuls überhaupt, dem sich Amy Winehouse auf dem Höhepunkt ihrer Karriere so hemmungslos auslieferte?

Dazu liefert die Doku einige Indizien: frühe Scheidung der Eltern, der meist abwesende Vater, der Erfolgsdruck, die falschen Liebhaber. Aber unter solchen schlechten Vorzeichen wachsen Zehntausende auf, ohne dass sie sich zu Tode fixen oder saufen. Warum also nahmen ausgerechnet bei Amy Winehouse die seelischen Verletzungen so abgrundtiefe Dimensionen an, obgleich sie als Lyrikerin und Sängerin ein Jahrhunderttalent besaß, an dem sie sich hätte aufbauen und Kraft schöpfen können? Diese Frage kann letztlich auch der Film trotz aller spektakulären Bilder und etlicher Interviews nicht genau beantworten, was aber kein Mangel ist. Seine Stärke liegt gerade darin, dass er noch einmal vor Augen führt, wie groß Talent und Tragödie bei Amy gleichermaßen waren – und dies kaum vermittels der sattsam bekannten Fernseh-, sondern überwiegend anhand vieler eindrucksvoller Privataufnahmen.

Amy ist ein teils berührendes, teils bedrückendes Wiedersehen mit einer Frau, die schon als Teenie mit ihrer vollen, ungewöhnlichen Stimme und ihrem gleichsam intuitiven Wissen über Jazz- und Soulmusik beeindruckt. Denn im Gegensatz zu den meisten anderen Jugendlichen ihrer Generation war Amy Winehouse an elektronischer New-Wave-, Postpunk- oder Technomusik nicht interessiert. Ihre Vorbilder stammten aus den 1940er bis 1960er Jahren, als Soul, Jazz und klassisches Songwriting ihre Blütezeit hatten. Noch kurz vor ihrem Tod wurde für Amy ein Traum war, als der über 80jährige und immer noch fitte Jazzsänger Tony Bennett im Fernsehen den Gewinn ihrer Grammys verkündete, und sie wenig später für eine Aufnahme mit ihrem Idol sogar im Studio stand (Lady Gaga wurde in dieser Hinsicht ihre Nachfolgerin).

Das kurze Leben der Amy Winehouse zeigt Asif Kapadia sehr konzentriert, denn wie schon beim Porträt des brasilianischen Rennfahrers Ayrton Senna, Senna, ist die Auswahl des Materials erneut auf die Hauptperson verengt. Bis auf wenige Sekunden ist ausschließlich Amy Winehouse auf der Leinwand zu sehen, was dem Film trotz der unterschiedlichen Situationen, die er zeigt, eine klaustrophobische und manchmal eben auch voyeuristische Atmosphäre verleiht. Andere Personen sind meist nur aus dem Off zu hören, als seien sie im Grunde Staffage bei der Karriere und dem Selbstzerstörungstrip gewesen. So lassen sich in dem relativ schnell geschnittenen Film Stimmen und Namen nicht immer eindeutig zuordnen. Nur die zweifelhafte, ja verhängnisvolle Rolle des Vaters von Amy Winehouse ist unmissverständlich herauszufiltern. Erst als seine Tochter sich zum Goldesel gemausert (aber nicht ausreichend von ihren Eltern emanzipiert) hat und trunken durch ihr Leben stolpert, lässt er sich blicken, aber wiederum ohne sonderlich Konstruktives zu bewirken. Mitch Winehouse protestierte gegen den fertigen Film, den er zunächst unterstützte.

Ex-Ehemann Blake Fielder wiederum, der zusammen mit seiner Amy ein Duo Infernale in Sachen Drogenkonsum bildete, blickt irritierend abgefeimt (und wohl clean) auf seine Exzesse zurück, die ihn noch zu Winehouse‘ Lebzeiten in den Knast und Amy um den letzten Rest Selbstwürde brachten. Aber vielleicht sind all diese naheliegenden Schlussfolgerungen auch zu einfach gedacht und ebenso ungerecht wie es Winehouse‘ Schicksal insgesamt war. Auch wenn Amy sie im Rampenlicht ausgelebt hat, bleiben die Gründe für ihre Depressionen schwer durchschaubar.



Amy Winehouse | (C) Prokino

Max-Peter Heyne - 16. Juli 2015
ID 8765
Weitere Infos siehe auch: http://www.amy-derfilm.de


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