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Dokumentarfilm


Der Dokumentarfilm Cinema Jenin zeigt, wie ein einzelnes Kino zum Symbol trotziger Friedenssehnsucht wurde




Der Filmemacher als Kulturpolitiker

Nur wenigen Regisseuren ist es vergönnt, mit ihren Filmen die Welt nicht nur zu verändern, sondern auch zu verbessern. Der deutsche Dokumentarfilmer Marcus Vetter indes hat es geschafft – und zwar unabhängig davon, wie viel Beachtung sein neuer Film ab jetzt erfahren wird. Denn Cinema Jenin ist nicht nur ein Film, sondern Teil eines entwicklungs- und kulturpolitischen work-in-progress, eines Projekts, wie es so vielleicht nur im Nahen Osten möglich ist, wo die scheinbar unüberwindlichen politischen Verstrickungen entweder zur totalen Resignation führen – oder aber dazu, dass man ihnen mit sturer Entschlossenheit konstruktive Alternativen entgegenstellt. Regisseur Marcus Vetter bringt diese Sturheit und Unbeirrbarkeit offenkundig mit, die es ihm ermöglicht, über jedes noch so große Hindernis zumindest zeitweise hinwegzusehen.

Zweimal hatte sich Vetter in den vergangenen Jahren bereits mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt filmisch beschäftigt: In dem Kino-Dokumentarfilm Das Herz von Jenin (2005) und der TV-Reportage Nach der Stille (2008) zeigte er, wie Menschen, deren Angehörige Opfer von palästinensischen Terroranschlägen oder der Gewalt der israelischen Armee wurden, um aktive Versöhnung zwischen Verursachern und Opfern warben: In einem Fall spendete der Palästinenser Ismail Khatib das Herz seines im Flüchtlingslager von Jenin von einer Kugel der israelischen Armee tödlich getroffenen elfjährigen Sohnes einem israelischen Kind. Insofern dokumentieren Vetters Filme zwei extreme Ausnahmefälle schier übermenschlicher Großherzigkeit, aber sie zeigen, dass trotz der scheinbar unaufhörlichen Gewaltspirale aktive Vergebung möglich ist. Und das nicht nur Gewalt, sondern auch positive Taten sich fortsetzen und multiplizieren können. Bei Marcus Vetter führte bislang ein Film zum anderen – und schließlich zu Cinema Jenin: Als der Regisseur bei einem der Spaziergänge durch Jenin vor Jahren ein heruntergekommenes Kino entdeckt, das seit dem Ausbruch der ersten Intifada im Jahr 1987 geschlossen wurde, beschließt er, es nicht mehr mit dem Dokumentieren zu belassen, sondern selbst einen Beitrag zur dauerhaften Befriedung der umkämpften Region zu leisten:

Zusammen mit seinen Mitstreitern, den Jeninern Ismael Khatib, Held des Films Das Herz von Jenin und Fahkri Hamad, eigentlich Dolmetscher, entschließt sich Vetter, das einst so bedeutende Kino zu renovieren, wiederzueröffnen und zu einem kulturellen Zentrum Jenins und der gesamten Region auszubauen. Wer die politisch-ideologischen, aber auch logistischen Verhältnisse im Westjordanland und in der Westbank kennt, weiß, mit welchen Schwierigkeiten Vetter & Co zu kämpfen hatten. Denn aktives Kulturschaffen als Hilfe zur Selbsthilfe, als Mittel gegen politische und soziale Perspektiv- und Trostlosigkeit – diese heren Ziele werden keineswegs von allen Schichten und Gruppen der palästinensischen Bevölkerung unterstützt. In einer Szene des Films, in der die Gruppe der mutigen Wiederaufbauhelfer zusammen sitzt, macht einer, der die Verhältnisse vor Ort gut kennt, deutlich, dass es drei Gruppen gibt, mit denen zu rechnen sei: die klaren Gegner des Projekts (Terroristen, Ideologen), die korrupten schwerfälligen Verhinderer und schließlich die Indifferenten, die lieber abwarten, was dabei herauskommt. „Und das sind die schlimmsten“, sagt der Palästinenser, denn sie könnten blitzschnell auf die andere Seite wechseln, wenn ihnen der Plan zu anrüchig erscheint.

Die Initiatoren des Projekts ließen sich davon nicht abschrecken, ebenso wenig wie von dem wiederaufflammenden Krieg zwischen Hamas und israelischer Armee, die während der Dreharbeiten nur wenige Kilometer entfernt viele Opfer forderte. Vetter führte, wie er selbst sagt, „noch nie so wenig Regie“ wie in diesem Fall, wo er vom Beobachter zum Akteur wurde. Das Hauptproblem war immer das knappe Geld, aber in entscheidenden Momenten sprangen die Bundeskulturstiftung, das deutsche Auswärtige Amt, das Goethe-Institut, Roger Waters von „Pink Floyd“ oder – spät, aber dann doch – die palästinensische Autonomiebehörde mit Beträgen ein. Mitunter bedurfte es mehr oder weniger sanften Drucks bzw. eines Machtwortes eines palästinensischen Regierungsbeamten (der den widerspenstigen Besitzern des Kinogebäudes nur halb im Scherz mit handstreichartiger Enteignung droht), vor allem aber unendlicher Geduld – und eben Sturheit. Marcus Vetter ließ sogar ein Gästehaus für die aus Deutschland und vielen anderen Ländern eingeflogenen Handwerker und Helfer herrichten, die er mit seiner Mischung aus diplomatischem Pragmatismus und Abenteuerlust bei Laune hielt.

Die vielen Probleme und gruppendynamischen Prozesse deutet der Film in 90 Minuten nur an. Auch ist es für den Zuschauer gut, durch die politischen Dimensionen nicht erdrückt zu werden, die elegant in die Chronologie des aberwitzigen Projektes verwoben sind. Neben dem Filmbewertungsprädikat „Besonders wertvoll“ erhielt Cinema Jenin auf dem Filmfest München 2011 den „Bernhard Wicki Friedenspreis des Deutschen Films“ und jüngst die Cutterin Saskia Metten den Deutschen Kamerapreis für den Schnitt. Ihr sei es gelungen „durch gekonnte Rhythmuswechsel den schwierigen Balanceakt zwischen Unbeschwertheit und Dramatik zu schaffen“, sagt die Jury. Wie dramatisch es nach wie vor in Jenin zugeht, zeigt das Beispiel des israelischen Friedensaktivisten und Theaterdirektors Juliano Mer Khamis, der im Flüchtlingslager Jenin ein „Theatre of Freedom“ initiiert und geleitet hatte: Er wurde am 4. 4. 2011 auf offener Straße erschossen, offensichtlich nicht trotz, sondern weil er kulturelle Aussöhnung betrieb. Khamis war einer von Vetters Unterstützern.

Das Cinema Jenin wurde mit viel medialer Aufmerksamkeit am 5. 8. 2010 eröffnet, womit die Initiatoren angesichts der andauernden Unwägbarkeiten selbst nicht gerechnet hatten. Marcus Vetter übergab es seinen palästinensischen Unterstützern in eine ungewisse Zukunft. Das Projekt Cinema Jenin geht weiter, als eine trotzige Behauptung, dass ein Weg ist wo denn auch ein Wille ist.




Foto © Cinema Jenin Association Palestine & Cinema Jenin e.V. Germany


Gabriele Leidloff / Max-Peter Heyne - 30. Juni 2012
ID 6066

Weitere Infos siehe auch: http://www.cinemajenin.org


Siehe auch: Ein Kino zwischen zwei Welten von Helga Fitzner



 

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