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Systemsprenger



In den ersten Einstellungen von Nora Fingscheidts Spielfilmdebüt Systemsprenger sieht man ein 9-jähriges, blondes Mädchen in einem Krankenhaus. Kein typisches Mädchen. Benni sieht jungenhaft aus und will auch Benni genannt werden, weil es sich nicht so tussihaft anhört wie Bernadette. Ihr Körper ist voller blauer Flecken und Schrammen.

In der Jugendhilfewohngruppe, in die sie gebracht wird, verweigert sie sich, wird aggressiv, es folgt ein Wutanfall, der sich gewaschen hat. Benni wird ausgesperrt – untragbar für die Einrichtung – und so beginnt der Zyklus ihrer Wut, Weißglut, Ausrasten, Blackout von Neuem. Alles rot. Sie zertrümmert draußen Roller und Kinderbagger und zuletzt eine Glastür mit Sicherheitsglas.

Dann folgt der ihr zu gut bekannte Reigen, Krankenwagen, Fixiertwerden auf der Trage, Spritzen zur Beruhigung, Ruhigstellung, Psychiatrie. Neues Wohnheim. Neue Wohngruppe. Neue Pflegemutter. Neue Schule. Sonderschule. Immer kurze Aufenthalte. Verletzung anderer, Selbstverletzung, Ausdrücke, Besuche der Mutter. Versprechen der Mutter Benni bald nach Hause zu holen. Versprechen, die die Mutter bricht. Enttäuschung und wieder Wutanfälle, Prügelattacken, Schuleschwänzen, Flucht aus der Wohngruppe. Nachts hat Benni Albträume und nässt ein.
Benni will nur zur Mutter. Dort will auch sie leben. Der gewalttätige Freund der Mutter und zwei kleinere Geschwister wohnen in der engen Wohnung. Für sie kein Platz. Das frustriert.

*

Nora Fingscheidt wurde 1983 in Braunschweig geboren. Sie hat die selbstorganisierte Filmschule filmArche in Berlin mit aufgebaut und ist im Vorstand. An der Filmakademie Baden-Württemberg studierte sie Szenische Regie. Fünf Jahre hat sie an dem Drehbuch von Systemsprenger geschrieben und dafür einige Drehbuchpreise gewonnen. Auf die Idee dazu kam sie während einer Dokumentation. In einem Wohnheim für wohnungslose Frauen lernte sie den Begriff "Systemsprenger" kennen. Er wird inoffiziell in der Jugendhilfe für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche verwendet. Dieser Begriff, so erklärt Nora Fingscheidt, steht für „Strudel an Wohnorten, fehlende Bezugspersonen“. So sind im Klartext "Systemsprenger" von Missbrauch und Gewalt zerstörte Kinder und Jugendliche, die keiner haben will, ständig den Wohnort wechseln müssen und hin und her geschubst werden. Nora Fingscheidt sagt selbst: „Diese Kinder und Jugendlichen zerstören kein funktionierendes System, es sind gescheiterte Systemprozesse, die dazu führen, dass sie nirgendwo ausgehalten werden und immer wieder neu aus ihrer Bahn geworfen werden. [...] Es ist ein schlechter Begriff.“

*

Umso weniger ist zu verstehen, warum sie ihn als Titel nimmt - außer einen reißerischen zu haben.

In satter Spielfilmlänge wird Bennis Lebensweg abgefilmt, der eine stete Schraube abwärts aufzeigt, vom Weg in die Jugendhilfeeinrichtung, in die Psychiatrie, und wahrscheinlich in den Jugendknast, in Straffälligkeit, oder in ein Heim für wohnungslose Frauen mit 14.

Die Behörden sind wohlwollend, aber hilflos. Eine Frau vom Jugendamt ist sehr rührig. Eine Ärztin in der Psychatrie sehr einfühlend. Sie können jedoch „nichts machen“. Die Katze beißt sich in den Schwanz. Ein frühkindliches Trauma hat Benni gezeichnet, eine Trauma-Therapie kann sie dann beginnen, wenn sie in einem stabilen Wohnumfeld lebt. Das ist jedoch nicht zu finden, überall bringt sie nur Schwierigkeiten und Stress in die Wohngruppen und wird schnell wieder abgeschoben.

Eine Erlebnis-Pädagogik genannte Therapiereise in den Wald mit dem Schulbetreuer Micha soll es richten. Sie baut Benni kurz auf, dann aber fixiert sie sich in ihrer Sehnsucht nach einer festen Bezugsperson absolut auf ihn. In einem Moment des Mitleids nimmt er sie mit zu sich nach Hause und hat gleich darauf das Nachsehen. Benni wünscht sich, er solle „ihr Vater“ werden, und als er das ablehnt, sagt sie kurzer Hand, sie könne Frau und Kind umbringen, dann wären sie allein zu zweit. Daraufhin schützt er sich durch einen feigen Rückzug, anstatt mit Benni zu reden, sich zu erklären.

Bennis Hoffnung und Zuneigung zu Micha schlagen in Hass, Wut und Enttäuschung um. Und wieder schreit sie und schlägt auf alles ein, was um sie herum ist. Und auf alle, die sich ihr in den Weg stellen. Das Hamsterrad dreht sich. Sie möchte mit ihrer Mutter Geburtstag feiern und sie bei den wichtigen Gesprächen verbindlich und anwesend sehen. Die Mutter weicht aus und lässt sie wiederholt im Stich.

Der Kampf von Benni ist sicher der Schrei nach Mutterliebe, nach Nestwärme, die ihr versagt wird, nach Nähe und Zuverlässigkeit der anderen. Je mehr Frust, desto mehr Wut, so lautet Bennis Strategie. Die der Behörden ist Achselzucken, Wegschauen und Wegschieben.

Einen Film über ein sehr wildes Mädchen wollte die Regisseurin machen. Mit der frischen, professionellen Hauptdarstellerin Benni (Helena Zengel) ist das auch gelungen. Traurig, sehr spannend, oft anrührend und manchmal sogar lustig zeigt uns Nora Fingscheidt eine Biografie eines rebellischen Mädchens. Doch die Zuschauerin, der Zuschauer sollte Benni nicht fürchten oder lieben, sondern wertfrei ihre missliche Lage betrachten. Und die Gesellschaft und die Behörden sollte diese Kinder und Jugendlichen nicht diskriminieren und kriminalisieren, sondern Möglichkeiten schaffen, die es diesen gequälten jungen Menschen möglich macht, angstfrei und sicher zu leben mit Stabilität im Wohnen, mit Therapie durch geschulte Bezugspersonen und wirklicher Hilfe, die anders ist, als die derzeitige von der Jugendhilfe.

Bewertung:    

Hilde Meier - 8. Februar 2019
ID 11200
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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