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Der Goldene Handschuh



Der Hamburger Filmemacher Fatih Akin hatte 2004 auf der Berlinale mit Gegen die Wand seinen ersten großen Erfolg. Der Film erhielt den Goldenen Bären. Danach zeigte Akin seine Arbeiten meist in Cannes oder Venedig. Nun ist er mit seinem neuesten Werk mal wieder zu Gast im Berlinale-Wettbewerb. Akin hat dafür den Bestseller Der Goldene Handschuh von Heinz Strunk adaptiert. Der Roman war 2016 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und erhielt den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis. Strunk hat sein Buch 2018 am Deutschen Schauspielhaus Hamburg selbst vertheatert. Das war nicht seine erste Arbeit mit dem Künstlertrio „Studio Braun“ für die Bühne. Die Filmrechte an Strunks Buch sicherte sich Fatih Akin schon sehr früh. Er wuchs selbst in den 1970er Jahren in Altona auf, sozusagen in unmittelbarer Nähe zum Kiez von St. Pauli, wo Strunks Roman über den vierfachen Frauenmörder Fritz Honka spielt. In Verbindung mit einem weiteren Handlungsstrang um eine reiche Reederfamilie bildet der Roman eine gute Sozial- und Gesellschaftsstudie der damaligen Hansestadt.

Auch der Film spielt die meiste Zeit in der Kneipe Der Goldene Handschuh, wo sich eine verkomme Trinkerdynastie geordnet nach einer speziellen Spitznamenhierarchie („Soldaten-Norbert“, „Doornkaat-Willy“, „Fanta-Rolf“, „Tampon-Günther“) den Platz am Tresen teilt und beim Saufen zotige Witze reißt. Zu ihnen gehört auch der Hilfsarbeiter und Alkoholiker Fritz Honka (Jonas Dassler), sein Lieblingsgetränk ist Fanta-Korn, genannt „Fako“, sein Lieblingszeitvertreib das Abschleppen von betrunkenen Gelegenheitsprostituierten. Beschrieben als kleiner, schiefer Mann mit eingedrücktem Gesicht, den alle nur Fiete nennen, bleiben dem an mächtigem Triebstau Leidenden nur die in der Gossenordnung noch weit unter ihm rangierenden älteren, ebenfalls stark alkoholsüchtigen Frauen. Was im Film nur am Rande mal in einer Sauf-Szene mit dem Bruder Siggi (Ex-Volksbühnen-Schauspieler Marc Hosemann) angedeutet wird, hatte der aus Leipzig stammende Honka eine nicht gerade wohlbehütete Kindheit und nach seiner Flucht nach Hamburg auch einen harten Leidensweg hinter sich, was sich nun in übermäßigem Suff und äußerst brutalem Frauenhass manifestiert.

In der Hamburger Kneipenwelt ist man in dieser Zeit noch ganz unter Deutschen. Die ferne Welt dringt hier nur in den Schlagern von Heintje und Adamo ("Es geht eine Träne auf Reisen") vor. Den Gestank in seiner Wohnung schiebt Honka auf die mit Knoblauch kochende griechische Gastarbeiterfamilie (Akin-Schauspieler Adam Bousdoukos ist hier in einer Nebenrolle zu sehen). Da hat der Mann aus den Abseiten der deutschen Gesellschaft aber schon ein paar Frauen zersägt und jede Menge Leichenteile in der Abseite seiner Dachmansarde gehortet. Da helfen auch keine grünen Duftbäumchen mehr. Das Kammerspiel des Elends in einer versifften, mit Akt- und Pornobildchen austapezierten Bude wird in Kamerabildern, Ausstattung, Maske und Kostüm zum reinsten Horrortrip. Unfall, Alkoholentzug und eine neue Arbeit als Nachtwächter können Honka nur kurz Halt geben, bevor er wieder in die alten Trieb-Muster verfällt und sich an der Putzfrau Helga (Katja Studt) vergehen will. Als Zuschauer wird man zum Voyeur, der zwischen Faszination und Ekel dem Treiben Honkas, manchmal nur durch eine halbgeöffnete Tür verdeckt, zusehen muss.

So geht es wohl auch dem, aus der Nebenhandlung des Romans noch übriggebliebenen Jungspross der Reederfamilie aus Blankeneese (Tristan Göbel aus Akins Tschicks-Verfilmung), der um seiner Angebeteten zu imponieren erste Erfahrungen auf dem Kiez sammeln will, und vom Ex-SS-Mann Soldaten-Norbert (Dirk Böhling) auf dem Klo wie ein Pimpf abgefertigt und angepisst wird. Gruselig auch der Mord an einer ehemaligen KZ-Insassin und Zwangsprostituierten, die Honka zunächst noch Paroli bieten kann und dann doch von ihm brutal umgebracht wird. Den historischen und sozialkritischen Aspekt der Romanhandlung, verliert Fatih Akin bei seinem Anliegen, den Horror am Rande der Gesellschaft in seinen Filmbildern satt auszupinseln, aber etwas aus den Augen. So wird das Ganze zum bizarren, versifften Kiezpanoptikum, in dem allen voran natürlich der junge Gorki-Schauspieler Jonas Dassler als Horror-Honka (ein Meisterwerk der Maske) brillieren kann.

Bewertung:    



Der Goldene Handschuh | (C) Warner Bros. GmbH - Boris Laewen

pb - 11. Februar 2019
ID 11215
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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