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Out Stealing Horses



Regisseur Hans Petter Moland hat im Moment einige Sorgen wegen umstrittenen Äußerungen seines Hauptdarstellers Liam Neeson, die als rassisstisch aufgefasst werden könnten. Dadurch verzögerte sich der amerikanische Kinostart der Neuverfilmung seines eigenen Werks Einer nach dem anderen (2014), die den deutschen Titel Hard Powder trägt. Unmittelbar nach diesem Schlamassel erschien Moland mit seinem bevorzugten Schauspieler Stellan Skarsgård auf der Berlinale, und beide präsentierten ihren neuesten gemeinsamen Film. Out Stealing Horses ist das bisher ausgetüftelste und reifste Werke Molands, der mit grandiosen Bildern (Kamera: Thomas Hardmeier und Rasmus Videbæk) und epischem Atem von 2 Stunden 15 Minuten exixtentielle Themen anspricht.

Man merkt an diesem beeindruckend durchkomponierten Werk, dass Moland viele Jahre ein äußerst erfolgreicher Werbefilmregisseur in Norwegen war, bevor er zum langen Format wechselte. Bei der Gestaltung der Sets und Szenen haben Moland und sein Team nichts dem Zufall überlassen oder Motive achtlos abgedreht. Man merkt, dass sich über jedes Bild und jede Dialogzeile Gedanken gemacht wurde. Thematisch begibt sich Moland mit diesem melancholisch-nachdenklichen Film über die Lebenserinnerungen eines alten Mannes in bewusste Nähe zum großen Ingmar Bergmann und dessen Meisterwerk Wilde Erdbeeren von 1957 – allerdings ohne dessen Hang zum Symbolischen zu imitieren. Bei Hans Petter Moland liegen die Geheimnisse nicht in den Bildern, die hier Natur und Menschen so zeigen, wie sie sind, sondern in den Köpfen der Menschen.

Im Kopf von Trond Sander, der auf die 70 zugeht, spuken vor allem die schrecklichen Bilder eines abendlichen Autounfalls herum, in dessen Folge seine Ehefrau verstorben ist. Nun, im Dezember 1999, hat sich Sander eine Waldhütte im Norden Norwegen gekauft, wo er nahe der Grenze zu Schweden und zum kommenden Jahrtausend die innere Ruhe wiederfinden will. Mit dem Auftauchen des eigenbrötlerischen Lars (Bjørn Floberg) stellen sich bei Sander jedoch nach und nach Erinnerungen an seine Jugendzeit ein, als er ebenfalls in einer entlegenen Hütte die Sommerferien mit seinem Vater (unverschämt attraktiv: Tobias Santelmann) verbrachte. Eine Tragödie in der Nachbarschaft, in die Sanders neuer Nachbar Lars verwickelt war, hinterließ tiefe Spuren.

In teils mehrfach verschachtelten Rückblenden erzählt Trond Sander (als Off-Stimme) von diesem und weiteren Erlebnissen, die ihn als Teenager schlagartig in Richtung Erwachsenenwelt katapultieren. Die Erzählweise entspricht dem adaptierten Roman des norwegischen Schriftstellers Per Petterson, der als Pferde stehlen 2006 auch ins Deutsche übersetzt wurde (Hanser Verlag). Moland bebildert die mäandernde Erzählung mit einem Fokus auf die Eigenheiten der Natur, wie Berge, Weiden und Wasserläufe die Menschen dominieren, die ihrerseits von der Feldarbeit, dem Baumfällen und dem Umgang mit Holzstämmen geprägt sind. Wie Störfaktoren in einem natürlich gewachsenen, autarken System wirken die kreatürlichen, menschlichen Unzulänglichkeiten und Leidenschaften, die im wörtlichen Sinne die Dinge ins Rutschen bringen.

Die Bilder der norwegischen Wälder, des skandinavischen Gebirges, aber auch von Baumkronen sowie Großaufnahmen von Gewächsen, Raubvögeln und Pflanzen korrespondieren oder stehen im Kontrast zu jenen, die die Menschen durch ihre Hemmungslosigkeit oder Aggressivität produzieren. So geht es immer wieder auch um lebenslange Traumata und Schuldgefühle, die durch vermeintliche Nichtigkeiten wie den falschen Handgriff, Blicke des Begehrens oder nicht verwischte Fußspuren im Schnee ausgelöst werden können. Die Tragödien und Unfälle in diesem Film haben meist lapidare Ursprünge, aber die Wucht der Naturerfahrung gemahnt an das Chaos und die Willkür, die zur Evolution auch dazugehören.

Bewertung:    



Ut og stjæle hester | Out Stealing Horses | Pferde stehlen | (C) 4 1/2 Film

Max-Peter Heyne - 12. Februar 2019
ID 11217
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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