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Feuilleton

25. FilmFestival Cottbus

Fazit des Spielfilmwettbewerbs


Die immer noch tiefsitzenden Wunden des schrecklichen Bürgerkriegs zwischen den Nationen des ehemaligen Jugoslawiens waren auch in diesem Jahr auf dem FilmFestival Cottbus wieder Thema vieler Produktionen aus den Ländern der Balkanregion. Was sich auch im Wettbewerb Spielfilm mit Beiträgen aus Kroatien, Slowenien und Serbien niederschlug. Hierbei wurden vor allem die immerhin über 20 Jahre verdrängten Traumata der Menschen durch die Erlebnisse des Krieges aufgearbeitet.

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So etwa in dem kroatischen Spielfilm Sauerkirschen (The Ungiven). Regisseur Branko Schmidt erzählt in ruhigen kammerspielartigen Szenen die Rückkehr eines alten Ehepaars in ihr vom Krieg zerstörtes Dorf. Der Alltag besteht aus immer wiederkehrenden Handlungen wie Wasserholen, Feuer machen und Kaffee trinken. Er fängt an das Dach der Scheune zu reparieren, sie träumt von einer neuen Kuh und einem Kirschbaum. Aber das Alltagsleben der beiden spielt sich nicht mehr richtig ein. Der Neuanfang wird durch die zunehmende Vergesslichkeit der Frau und die herrischen Reaktionen des Mannes darauf gestört. Das alte Paar ist unfähig sich neu aufeinander einzustellen und miteinander zu reden. Einzige Erinnerungen sind Fotos aus einer früheren, schöneren Zeit. Für dieses stille, überschattete Altersportrait bekam der Film den Preis der Ökumenischen Jury.



Zvizdan (Mittagssonne) | (C) FilmFestival Cottbus


Auch der Hauptpreis des Spielfilmwettbewerbs ging an eine kroatisch-slowenisch-serbische Koproduktion. Der Film Mittagssonne (Zvizdan) des kroatischen Regisseurs Dalibor Matanić spannte in drei Episoden einen Bogen vom Beginn des kroatisch-serbischen Kriegs 1991 bis 2011 und erzählt dabei drei Liebesgeschichten zwischen einer jungen serbischen Frau und einem jungen kroatischen Mann. Dramatische Bilder des aufkommenden Hasses vor dem Krieg wechseln mit unsicheren Annäherungsversuchen nach dem Ende bei der Rückkehr in ein zerstörtes Dorf und enden mit einer traumatischen Beziehung, die an den seelischen Verletzungen, die der Krieg den Menschen zugefügt hat, zu scheitern droht. Der Regisseur hat in allen drei Episoden mit den gleichen Schauspielern gearbeitet. Für die Verkörperung der drei unterschiedlichen Frauenrollen bekam Tihana Lazović den Preis für eine herausragende Darstellerin.

Ein Preis, der sicher auch den durchweg guten Darstellerinnen in den Filmen Drei Tage im September (Mazedonien, Kosovo), Chemo (Polen), Mittwochskind (Ungarn, Deutschland) oder Das Land von Oz (Russland) gut zu Gesicht gestanden hätte. Alle diese Beiträge beschäftigen sich mit der Rolle der Frau in der osteuropäischen Gesellschaft, die sich nach der Wende nicht unbedingt immer nur zum Besten gewandelt hat. Machismen, brutale Männergewalt, der tägliche Kampf für ein selbstbestimmtes Bestreiten des Lebensunterhalts oder das Kämpfen für unbedingte Liebe und gegen eine tödliche Krankheit sind die Themen. Wirklich überzeugen konnte dabei allerdings nur Mittwochskind von der ungarischen Regisseurin Lili Horváth. Ein Film über eine junge Frau, die sich mit einem Mikrokredit ein eigenständiges Geschäft aufbauen will, um ihrem im Kinderheim lebenden Sohn eine bessere Zukunft bieten zu können. Dafür gab es den Spezialpreis für die beste Regie.

Den Darstellerpreis erhielt Karel Roden für seine Rolle als Vater in dem tschechischen Wettbewerbsbeitrag Familienfilm (Rodinný Film). Der Film bietet das traurige Bild des Zerfalls einer gutsituierten Prager Mittelstandsfamilie, die bei dem Versuch zwei einschneidender Ereignisse in ihrem Leben zu verarbeiten, auseinanderbricht. Verlorenes Vertrauen, fehlende Liebe, wohlstandsverwahrloste Kinder und ein Abenteuerurlaubstrip der Eltern in die Südsee, der im Chaos endet. Der Firnis der Zivilisation ist schnell ab. Man hat sich über die Jahre auseinandergelebt. Die Lüftung eines wohlbehüteten Geheimnisses gibt der Beziehung der Eltern den Rest. Leider verliert sich der Film des jungen Regisseurs Olmo Omerzu zunehmend in ästhetischen, symbolbeladen Bildern mit Hund Otto.



Fair Play | FilmFestival Cottbus


Dass der tschechische Film nach einer kleinen Durststrecke dennoch in Cottbus zurück ist, zeigt auch die tschechisch-slowakisch-deutsche Koproduktion Fair Play der Regisseurin Andrea Sedláčková. Hier geht es wie in den Beiträgen des Balkans um die Aufarbeitung der Vergangenheit, genauer gesagt um das systematische Doping junger Sportler im ehemaligen Ostblock. Die 200-Metter-Läuferin Anna will nach einem Zusammenbruch die Anabolika absetzen. Ihre Mutter, eine ehemalige Tennisspielerin, die nach der Teilnahme am Prager Frühling ihre Karriere beenden musste, sieht aber in der Teilnahme an der Olympiade 1984 in Los Angeles die Möglichkeit der Flucht für ihre Tochter und gibt ihr das Mittel als Vitamin B getarnt weiter. Ein System aus Angst, Misstrauen und Erpressung durch die Staatssicherheit, das sich bis in die Familien hinein auswirkt.

Einige Wettbewerbsfilme versuchten sich dann noch mit mehr oder weniger Erfolg am Genre Komödie. Den Publikumspreis des Filmfestivals erhielt hier der in Cottbus bestens bekannte slowenische Regisseur Jan Cvitkovič mit seinem witzigen Buddy-Movie Šiska deluxe über drei liebenswert durchgeknallte Looser, die in einem runtergekommen Plattenbauviertel von Lublijana eine Pizzeria der anderen Art eröffnen und sich bis zum Happy End mit den Unwägbarkeiten von Leben und Geschäft herumschlagen müssen. Leer ging dagegen das hochpromotetet und in Ungarn bereits mit ansehnlichem Publikumsresonanz gestartete, schwarzhumorig bunte Filmmärchen Liza, die Fuchsfee (Liza, a Rókatündér) aus. Eine etwas überproduzierte Story im 1970er Jahre Outfit um eine graue Maus, die sich durch das Lesen von fernöstlichen Groschenromanen in ihren Gedanken in eine dämonische Fuchsfee verwandelt. Aber selbst acht bizarre Todesfälle, japanische Schlager und ein abenteuerliches Showdown Happy End ließen die Spielfilmjury unberührt.



Demon | (C) FilmFestival Cottbus


Auch der polnische Wettbewerbsbeitrag Dämon (Demon) ist eine Mischung aus Genre und den Problemen aus unbewältigter Vergangenheit. Nachdem ein junger Mann mit seiner Braut in das ehemalige Haus einer jüdischen Familie zieht, fährt der Geist eines toten Mädchens in ihn und lässt in einer polnischen Hochzeitfeier alte Ressentiments und Judenhass ausbrechen. Ein andauernder Regen lässt die Toten der Vergangenheit aus dem Matsch auferstehen. Die alte Legende über den jüdischen Totengeist Dibbuk aus einem polnischen Theaterstück in der modernen polnischen Gesellschaft. Zumindest ruhige, poetische Bilder von unberührter Natur im Einklang mit dem Menschen gab es noch im Film des kirgisischen Regisseurs Mirlan Abdykalykov - Nomaden des Himmels (Nomads of Heaven). Ein weiterer gelungener Beitrag über die voranschreitende Zerstörung der Landschaft, Traditionen und Familienbande in der postsowjetischen Zeit.


Stefan Bock - 8. November 2015
ID 8971
Weitere Infos siehe auch: http://www.filmfestivalcottbus.de


Post an Stefan Bock

blog.theater-nachtgedanken.de

25. FilmFestival Cottbus
Politische Dokumentarfilme



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