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Festival

Cannes 2016

Drei Filme - ein Rückblick



Räumen wir gleich mal mit dem Mythos auf: Cannes macht keinen Spaß. Weder den Regisseuren, die hier ihre Filme vorstellen, noch den Menschen, die auf dem Festival anderen Jobs nachgehen: Journalisten, PR-Agenten, Filmverleiher, Produzenten, Sicherheitskräfte, Hostessen, Chauffeure und und und (allein die Zahl der Akkreditierten, d.h. Journalisten, Produzenten und Distributoren überstieg 2015 die 32.000). Sie alle arbeiten einer gigantischen Unterhaltungsindustrie zu. Denn Cannes ist ganz großes Business, das Festival nichts anderes als eine Messe. Nur dass hier nicht mit Autos, Computern oder Sanitäranlagen, sondern mit Filmrechten gedealt wird. Das ganze Tamtam drum herum - die Premieren, das Blitzlichtgewitter am roten Teppich, die Parties auf den Yachten - sind Teile des Geschäfts. Sie kurbeln den Verkauf an, indem sie durch Glamour Aufmerksamkeit erzeugen.

Und die Kunst? Steht Cannes nicht weltweit für das Höchstmaß an Filmkunst? Auch das ist ein Mythos. Die meisten Filme, die im Hauptwettbewerb laufen, sind vor allem eines: gut vermarktbar. Durch große Stars, große Gefühle und konventionelle Erzählstruktur wie filmische Umsetzung. Gewagtes findet sich, wenn überhaupt, eher in den Nebenreihen. Wer Experimentelles sucht, löst gleich ein Ticket für ein anderes Festival.

Cannes ist ein nahezu geschlossener Kreis, seit Jahren werden die gleichen Regisseure eingeladen (in der Mehrzahl alt und männlich). Wer nicht zur Familie gehört, hat nur geringe Chancen, dass sein Film angenommen wird. Das geschafft zu haben, gilt als Garantie für eine enorme Karrierebeschleunigung. Wer einmal in Cannes war, hat in der Regel keine Probleme mehr, Produzenten zu finden und Filmförderungen zu erhalten.

Eine junge texanische Regisseurin sagt, sie wolle ihren neuen Film lieber auf einem anderen Festival einreichen, Cannes sei ihr zu glatt und zu eingestaubt. Ihre Kunst sei rau und ungeschliffen und demnach nicht für ein Massenpublikum geeignet (auf das die meisten in Cannes laufenden Filme letztendlich abzielen, Arthouse hin oder her).

* * *

Wenn man allerdings lange genug sucht - oder viel Glück hat - findet man sogar in Cannes die Art von Filme, von der die texanische Regisseurin spricht. American Honey ist ein Beispiel dafür - und das, obwohl er im Hauptwettbewerb lief. Die britische Regisseurin Andrea Arnold hatte bereits 2009 mit Fish Tank überzeugt, einem Coming-of-Age-Drama, angesiedelt in der britischen Arbeiterklasse. Um Unterprivilegierte geht es auch in American Honey. Im Zentrum steht die achtzehnjährige Star. Die Mutter ist abgehauen, der Stiefvater missbraucht sie sexuell, und die zwei kleinen Geschwister wollen gefüttert werden - Star stochert im Müll nach abgelaufenen Lebensmitteln. Auf einem Walmart-Parkplatz bekommt sie die Chance, ihrem Leben zu entfliehen. Sie schließt sich einer Gruppe Jugendlicher an, die in einem Van durch den Mittleren Westen tourt und in guten Wohngegenden von Tür zu Tür geht, um mit allen möglichen Tricks Zeitschriften-Abos zu verkaufen. Abends machen sie Lagerfeuer, trinken, singen, tanzen, und alle paar Tage steigen sie wieder in den Bus und fahren weiter.

American Honey ist ein Road-Trip, der großen Spaß macht. Schon der Fotografie wegen: Kameramann Robbie Ryan hat die wilde Schönheit des Mittleren Westen gekonnt eingefangen: ein tiefblauer, wolkenloser Himmel, Maisfelder bis zum Horizont, schnurstracks verlaufende Straßen - und das alles von einer erbarmungslosen Sonne angestrahlt. Doch American Honey ist auch gelungen, weil man der Protagonistin Star sehr nahe kommt. Die Entwicklung, die ihre Figur durchmacht, ist glaubwürdig und treibt die Handlung an (sodass man dem Film seine knapp drei Stunden Laufzeit nicht anmerkt). Sasha Lane, die Star spielt, stand vorher noch nie vor einer Kamera. Mit ihren Freunden war sie gerade auf "Spring Break", als Andrea Arnold sie am Strand entdeckte und am selben Tag noch für ihren Film castete. Auch die anderen Schauspieler sind fast alle Laien. Arnold bat sie lediglich darum, „sie selbst zu sein“. Der Eindruck von Authentizität kommt auch durch den häufigen Einsatz von Handkameras zusammen. Die Bilder sind etwas verwackelt, strahlen dadurch aber eine große Umverkrampftheit und Lebendigkeit aus.



American Honey | © Parts & Labor LLC / Pulse Films Limited / The British Film Institute/ Channel Four Television Corporation


Ähnlich frech, wenn auch vollkommen anders komponiert, ist der Wettbewerbsfilm Juste La Fin Du Monde von Xavier Dolan, dem 27jährigen Kanadier, der schon mit Mommy und Tom à la Fermes für Aufsehen gesorgt hat. Juste La Fin Du Monde ist ein Kammerspiel. Kaum verwunderlich, schließlich beruht Dolans Drehbuch auf einem Theaterstück von Jean-Luc Lagarce. Der Protagonist Louis (Gaspar Ulliel) ist ein renommierter Autor. Zwölf Jahre war er nicht mehr in seiner Heimat, jetzt kehrt er zurück. Zuhause warten seine neurotische Mutter (Nathalie Baye), seine mittlerweile erwachsene Schwester (Léa Seydoux), die sich kaum an ihn erinnern kann, sein verbitterter, cholerischer Bruder (Vincent Cassel) und dessen unterdrückte Frau (Marion Cotillard). Bereits nach wenigen Minuten knallt es.

Der Film beschränkt sich auf die drei Stunden, die Louis bei seiner Familie verbringt und die für alle Beteiligten zur Hölle werden (man fühlt sich stark an Gott des Gemetzels und andere Stücke von Yasmina Reza erinnert). Wie bei Mommy besteht die Stärke von Juste La Fin Du Monde in der Innenperspektive. Der Zuschauer erlebt die Bedrücktheit der familiären Zusammenkunft aus Louis’ Sicht. Man hat das Gefühl, in seiner Haut zu stecken. In für ihn kaum noch auszuhaltenden Momenten wird die Musik immer lauter, irgendwann glaubt man, gleich platze einem das Trommelfell. Die Bilder verschwimmen dann, und sogar die in das düstere Haus einfallenden Sonnenstrahlen wirken aggressiv. Louis ist kurz vom Platzen. Irgendwann hält er es dann wirklich nicht mehr aus und schleicht sich davon. Ohne seine Mission erfüllt zu haben: Eigentlich war er gekommen, um seiner Familie mitzuteilen, dass er nicht mehr lange leben wird. Warum, löst Dolan nicht auf. Ratlos, verstört und mit dröhnendem Schädel verlässt der Zuschauer den Kinosaal. Und ist froh, doch nicht in Louis’ Haut zu stecken.



Juste La Fin Du Monde von Xavier Dolan | (C) Shayne Laverdière, courtesy of Sons of Manual


Nicht weniger aufwühlend geht es zu bei Chouf von Karim Dridi, einem französisch-tunesischen Regisseur. Auch sein Protagonist Sofiane ist ein Heimkehrer. Eingeschrieben ist er an einer Business-School in Lyon. In den Semesterferien fährt er zu seiner Familie in die Banlieue von Marseille. Was für ihn früher Alltag war, wirkt jetzt wie Krieg auf ihn. An jeder Ecke wird geschossen, all seine Freunde sind bewaffnet, keiner geht einer geregelten Arbeit nach. Alle leben sie vom Drogenhandel, der auch die Familien ernährt. Mütter nehmen von ihren dealenden Söhnen Geld entgegen, um das Kantinenessen für die jüngeren Geschwister zu bezahlen. Ohne mit der Wimper zu zucken. Auch Sofianes Bruder ist Teil der Gang. Die befindet sich im Bandenkrieg mit einer rivalisierenden Organisation. Sofianes Bruder fällt dem zum Opfer. Als die Schüsse fallen, sitzen Sofiane und seine Eltern bei geöffnetem Fenster beim Mittagessen. Ein Blick, und sie wissen, was los ist. Das ist für Sofiane der Wendepunkt. Er lässt seinen Zug nach Lyon sausen, schmeißt die Uni hin und beschließt, seinen Bruder zu rächen. Man ahnt: Es wird nicht gut für ihn enden. Tut es dann auch nicht.

Eigentlich ist der Ausgang des Films bereits nach fünf Minuten klar. Dennoch bleibt man die ganze Zeit über gebannt dabei. Denn auch Dridi gelingt es, eine große Nähe zwischen dem Zuschauer und Sofiane entstehen zu lassen. Immer wieder hält die Kamera sehr lange auf seine Augen, vor allem, wenn er vom Bandenchef gezwungen wird, einen engen Freund zu erschießen (früher oder später kämpft jeder gegen jeden). Diese Augen haben irgendwann zu viel gesehen, und Dridi rastet aus. Dazwischen geschnitten sind immer wieder brutale Aufnahmen der hässlichen Banlieue, einem Nicht-Ort, unterlegt von einem harten Rap-Soundtrack. Das erinnert sehr stark an La Haine, mit dem Mathieu Kassovitz 1995 der Pariser Banlieue ein Denkmal gesetzt hat, wenn auch kein gutes.



Chouf von Karim Dridi | (C) Pyramide Distribution


Für diese drei Filme [s.o.] hat sich Cannes gelohnt. Sie haben Eindrücke hinterlassen, die noch lange nachhallen werden. Ein guter Film funktioniert ja letztendlich nicht anders als ein guter Wein: Mit der Zeit wird er nur noch besser. Die Muße, Filme auf sich wirken zu lassen, fehlt allerdings in Cannes. Das beklagte auch Xavier Dolan auf der Pressekonferenz zu seinem Film. „Cannes needs to chill out a bit“ riet er den Anwesenden. Recht hat er.


Lea Wagner - 22. Mai 2016
ID 9325
Weitere Infos siehe auch: http://www.festival-cannes.fr/en.html


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