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Pokot



Janina Duszejko (Agnieszka Mandat), die ihren Vornamen hasst und nur Duszejko genannt werden will, ist pensionierte Brückenbau-Ingenieurin und passionierte Astrologin. Die resolute ältere Frau, radikale Tierschützerin prangert grade heraus Unrecht an Tieren und Menschen an.

Sie lebt allein mit ihren zwei Hündinnen in einem Bergdorf an der polnisch-tschechischen Grenze. Die Sudenten verbinden hier das Erzgebirge mit den Karpaten. Der einsame verwunschene Landstrich mit vielen wilden Tieren ist ein Paradies für Jäger, die sich hemmungslos gebärden können, denn, der örtliche Polizeichef ist der leidenschaftlichste unter ihnen. So ist das ganze Jahr Jagdsaison, weil er auch im eigenen Interesse die Übertretung der Jagdgesetze deckt.

Ihre Hunde sind ihr Ein und Alles, „ihre Mädchen“. In der Dorfschule hilft sie als Englischlehrerin aus. Die Kinder hängen ihr am Rockzipfel. Deren Eltern sind über ihre unkonventionelle Art zu unterrichten eher verärgert.

Als sie eines Tages aus dem Dorf zurückkommt, sind die beiden Tiere verschwunden.

Verschroben und sonderbar, unbeugsam und aggressiv, wie sich Duszejko benimmt, sind die Menschen im Dorf zumeist belustigt über ihre „Auftritte“. Jeden fragt sie nach seinem Geburtsdatum, um ihm das Horoskop zu erstellen und um seine zu erwartende Todesart heraus zu lesen. Oder aber sie sind genervt, wie die Polizeibeamten, wenn sie sich wieder einmal über ein grausam zugerichtetes Tier, ein Jagdvergehen, beschwert und dabei die Fassung verliert und laut wird.

Duszejko stolpert in einer verschneiten Winternacht über ihren toten Nachbarn, den Wilderer. Sie hatte ihn bereits deswegen angezeigt. Auch nach der zweiten männlichen Leiche mit Tierspuren nebendran wird sie auf dem Präsidium nicht für voll genommen, als sie sagt, die Tiere rächen sich an den Menschen.
Eigenständig stellt sie Nachforschungen an.

*

Agnieszka Holland ist mit Pokot ein spannender, tiefgründiger und amüsanter Film gelungen. Die polnische Schauspielerin Agnieszka Mandat, Jahrgang 1953, geboren in Krakau, verkörpert die Rolle der Duszejko, einer eigenbrötlerischen, aber sympathischen Außenseiterin, mehr Anarchistin als angepasst, auf wunderbare Weise. Agnieszka Holland lässt kein Thema wie Tierschutz, Liebe und Sex im Alter, Feminismus, Umweltschutz und Gleichberechtigung aus und bleibt in allem modern, moderat und witzig. Ein Öko-Krimi? Ein Thriller-Liebesfilm? Ein Märchen? Die polnische Bestsellerautorin Olga Tokarczuk hat mit ihrem Roman Der Gesang der Fledermäuse eine gruslige Vorlage geliefert, die Agnieszka Holland mit ihr zum Drehbuch für Pokot verarbeitet hat.

Duzenkjo führt einen einsamen Kampf gegen die Gewalt an Tieren und Frauen. Doch sie ist nicht ganz allein. Es gibt noch mehr schrullige, auch junge, Menschen in dem Film. Da sind ihr ehemaliger Schüler Dyzio, dessen große Leidenschaft es ist, Gedichte von William Blake zu übersetzen, und sie hilft ihm dabei. Ist es Zufall, dass William Blake auch am 28. November geboren wurde wie Agnieszka Holland?

Da gibt es „Gute Nachricht“, die junge Frau aus dem Laden, die von einem Goldkettenträger abhängig ist und ihm stets zu Diensten sein muss.

Ihr anderer Nachbar, Matoga, der „Testeron-Autist“, macht ihr Avancen.

Da gibt es die Natur, die so schön anzusehen ist, dass einem der Atem stockt - und viele Tierarten, die sich frei und wild in ihr bewegen.

In Pokot dreht sich alles um die Tiere des Waldes, ihre Jäger und Duszejko`s Widerstand gegen die Jagd.

Duszejko geht zur Beichte, legt sich aber mit dem Pfarrer an. Es wären ja nur Tiere, sagt der Priester, sie solle beten und sich nicht versündigen, als sie meinte, auch Tiere hätten eine Seele.

Am Hubertustag, dem Schutzpatron der Hunde wie der Jagd, begleiten wir sie in den Gottesdienst. Eine Hubertus-Messe wird gelesen, ein fettes Wildschwein liegt aufgebahrt vor dem Altar, die Kinder tragen Tierkostüme, und der Knabenchor singt süß und feierlich - ein Jagdlied.

Dazwischen findet Alltag statt. Duzenkjo zeigt Lebensfreude, geht wandern, lernt im tiefsten Wald einen Insektenforscher kennen, auch einer von den knorrigen Kerlen; sie verlieben sich, er bleibt bei ihr.

Über das ganze Jahr kommen immer mehr Männer aus dem Dorf um, allesamt Jäger und grausame Männer. Immer werden daneben Tierspuren gefunden. Die Elite des Dorfes stirbt: der Bürgermeister, der Polizeichef, der Kommisar, Wnętrzak, der brutale Betreiber der unheimlichen Fuchsfarm mitten im Wald. Die Rache der Tiere? Früher oder später gerät Duzenkjo in Mord-Verdacht.

* *

Mit seinen modernen Öko-Botschaften und einer fiesen Heiterkeit ist Agnieszka Holland ein Film gelungen, der modern und vergnüglich inmitten der stumpfen Realität der polnischen Provinz spielt - und das bis über seinen Schluss hinaus. Er ist ein Feuerwerk der Ideen und kommt so anarchistisch daher wie seine Heldin und so altersweise wie seine Regisseurin.






Pokot | (C) Robert Paêka

Hilde Meier - 19. Februar 2017
ID 9855
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


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