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The Party / In Zeiten des abnehmenden Lichts



Von der britischen Regisseurin Sally Potter ist der erfahrene Festivalbesucher schon gewohnt, dass sie sich jahrelang Zeit zwischen ihren Filmen lässt, dies aber leider nicht immer zu herausragenden Ergebnissen führt wie bei ihrem Debüt von 1992, der eigenwilligen und kongenialen Virginia-Woolf-Verfilmung Orlando. Potters achter Spielfilm wirkt wie die Verfilmung eines turbulenten Boulevardstücks, in dem das siebenköpfige Ensemble in einer einzigen Kulisse – einer großzügigen Londoner Erdgeschosswohnung – sich Wortgefechte liefert, kreischt, schimpft und Türen knallen lässt. Doch weit gefehlt: The Party basiert auf einem Originaldrehbuch Potters und nimmt die bourgeoise Selbstgefälligkeit und die Lebenslügen des linksliberalen Milieus der englischen Gesellschaft aufs Korn. Offensichtlich, um ein bierernstes Drama zu vermeiden, wählte Sally Potter die dialoggetriebene, temporeiche Form einer burlesken Komödie.

Ausgangssituation ist eine kleine Feier, zu der ein gut situiertes Ehepaar einige Familienangehörige und Freundinnen geladen hat. Feiern will man die bevorstehende Übernahme eines Ministeramtes durch die Ehefrau, die sich über Jahre hinweg für eine soziale Gesundheitspolitik in ihrer Partei eingesetzt hat. Gespielt wird das ungleich wirkende Paar von der energisch auftrumpfenden Kristin Scott Thomas und dem behäbig auftretenden, erschreckend abgemagerten Timothy Spall. Noch ungleicher ist das befreundete Ehepaar, die als erste auf der "Bühne" erscheinen: die snobistisch-zynische Patricia Clarkson mit ihrem esoterisch durchdrungenen deutschen Mann, Bruno Ganz. Weiter treten auf: ein lesbisches Paar (Cherry Jones, Emily Mortimer), von denen die jüngere Frau dank künstlicher Befruchtung Drillinge erwartet, und der junge Ehemann (Cillian Murphy) einer weiteren Freundin der Hausherrin – ein arroganter Börsenmakler, der nicht nur wegen seines exzessivem Kokainkonsums vollkommen kopflos wirkt. Seine Frau glänzt durch Abwesenheit.

Aber als nun alle anderen versammelt sind, lässt der Hausherr die Bombe platzen und berichtet von seinem krankheitsbedingten baldigen Ableben. Überraschung No 2: Die ihm verbleibende Zeit möchte er nicht mit seiner jüngeren Ehefrau verbringen (die ihn ohnehin betrügt, was er aber nicht weiß) sondern seiner noch jüngeren Geliebten. Die habe sich in den vergangenen Jahren besser um ihn gekümmert, während seiner Angetraute nix als Politik im Kopf hatte. Und on top ist die Geliebte ausgerechnet die Frau des jungen Maklers, also eine gute Freundin der Hausherrin. Die sieht denn auch sogleich ihre Felle davonschwimmen, d.h. die Karriere mit der Ehe am Ende. Nun erklärt sich auch der enorme Druck, unter dem der junge Makler steht, der kurz zuvor vom Betrug seiner Ehefrau erfahren hat. Er schlägt den Hausherrn ins Koma, was dem deutschen Esoteriker Gelegenheit gibt, deeskalierende Maßnahmen und Massagen auszuprobieren. Angesichts der aufgeheizten Atmosphäre brennen so manchem der Gäste die Sicherungen durch und das Essen im Ofen an.

Das Problem an diesem Film sind weniger seine ins klischeehaft kippenden Charaktere und die bisweilen bemüht wirkenden Witze, die von den erfahrenen Schauspielern leidlich aufgefangen werden. Die mangelnde Überzeugungskraft der Handlung ergibt sich aus der falschen Wahl des Mediums: Als Boulevardstück (aka "Komödie aus dem Englischen") wirkte die Behandlung gesellschaftspolitischer und milieubezogener Themen sicherlich weniger holzschnittartig und oberflächlich, sondern schneidig und dynamisch. Aber es ist nun mal ein Film, dessen künstliche Verknappung auf ein Setting und eine Handlung, die in Echtzeit abläuft, viele Anspielungen wie gewollte Sottisen wirken lässt.

Gezwungen und unglaubwürdig erscheint vor allem, dass sich alle Figuren ihre Geheimnisse und Gemeinheiten im Akkord um die Ohren hauen. Partystimmung kommt beim Zuschauen nicht auf, wenngleich das spielfreudige Ensemble und das Tempo der Handlung helfen, über manche dramaturgische Holprigkeit hinwegzusehen. Applaus daher von vielen Zuschauern, die sich vielleicht auch ein bisschen in der Doppelmoral der Figuren wiedererkannt haben. Prost!





The Party | (C) Adventure Pictures Limited 2017


*

Nicht minder abstrus als Potters The Party liegt der Fall des 90. Geburtstages eines Altstalinisten im deutschen Beitrag In Zeiten des abnehmenden Lichts [auf dem BERLINALE-Special]. Auch in dieser deutschen Produktion spielt Bruno wieder Ganz den Alten, bei dem der Dogmatismus in Altersstarrsinn übergegangen ist. Man schreibt den Herbst des Jahres 1989, und die DDR steht vor dem Zerfall. Wilhelm Powileit, Kommunist der allerersten Stunde und gestählt durch mexikanisches Exil in den 1940er Jahren, ist hingegen noch rüstig. Wilhelms Frau Charlotte leidet am meisten unter den Macken und Fiesheiten ihres Mannes, dessen Sympathien inzwischen der propperen Haushaltshilfe gelten. Wilhelms Party wird beileibe kein Dinner vor One, denn zahlreiche Honoratioren der verschiedenen Ebenen der DDR-SED-Bürokratie sowie Freunde und Verwandte tauchen auf. Der Enkel allerdings (Alexander Fehling) hat wie so viele DDR-Bürger in jenem Schicksalsjahr dem sozialistischen Deutschland den Rücken gekehrt. Die Republikflucht will der pragmatisch denkende Sohn (Sylvester Groth) dem grantigen Jubilar lieber vorenthalten, während seine russischstämmige Frau (Evgenia Dodina) sich mit Wodka Verstand weg- und Stimmung antrinkt. Nur angestrengt kann die Feiergesellschaft die ohnehin gedämpfte Stimmung bis zum Abend des Geburtstages aufrechterhalten. Und auch Regisseur Matti Geschonneck hat so seine Mühe, den unentschieden zwischen melancholischem Abgesang und satirischer Komödie schwankenden Film über die Runden zu retten.

Nun muss ich zugeben, den zugrundeliegenden Roman vom Autor und Übersetzer Eugen Ruge (Jahrgang 1954) nicht zu kennen, für den er 2011 den Deutschen Buchpreis erhielt. Ich vermute aber, dass es die Qualitäten der literarischen Vorlage in keiner Weise mindert, dass melancholische wie komische, realistische wie groteske Passagen einander abwechseln. Denn ein Roman hat Zeit dafür und muss nicht einen so dicken roten Faden knüpfen wie ein Filmskript, das in 90 Minuten einen runden Eindruck hinterlassen muss (wenn es sich nicht um einen essayistischen oder experimentellen Film handelt). Umso bedauerlicher ist es, dass es selbst einem der besten deutschen Drehbuchautoren, nämlich Wolfgang Kohlhaase (Berlin Ecke Schönhauser, Sommer vorm Balkon), nicht gelungen ist, diesen Faden herzustellen und die divergierenden Stimmungen der Vorlage überzeugend zu verflechten. Natürlich blitzt immer wieder Kohlhaases Witz auf, wenn er die Bonzen in ihrer Hilflosigkeit und Phrasendrescherei vorführt oder die Schwächen der diversen Charaktere liebevoll aufs Korn nimmt.

Doch insgesamt dominiert nicht schwarzer Humor oder ätzende Satire, sondern ein melancholischer, wehmütiger Tonfall, der im Verlauf der turbulenten Handlung und mit zunehmender Anzahl der Figuren schwerfällig und klebrig wirkt. Es ist verständlich und auch honorig, an die Schicksale jener verfolgten, kommunistischen Gründergeneration zu erinnern, die mit der Etablierung der DDR ein besseres, nämlich gerechteres und friedlicheres Deutschland aufbauen wollten (zu der Kohlhaase selbst zählt). Auch die Tragik, dass weder diese Generation selbst noch ihre Nachkommen in der Lage waren, dieses Erbe zum Wohle der Menschen verantwortungsvoll zu transformieren – sofern diese Quadratur des Kreises überhaupt möglich gewesen wäre –, sollte gesagt werden. Aber das ändert nichts daran, dass die Ausgangskonstellation des Films mit ihrer Symbolkraft (letzte Party vor der Ausfahrt) nach einer grimmigen Satire oder Komödie verlangt.

Leider nutz auch der Regisseur Matti Geschonneck viele Möglichkeiten nicht, kraftvollere Bilder zu inszenieren als sie nun im Film zu sehen sind. So wird z.B. der noch aus Nazizeiten stammende Ausziehtisch, auf dem das Büffet kredenzt werden soll, vom Jubilar mit wilder Entschlossenheit zusammengenagelt, bricht aber zusammen, als der Urenkel das letzte Würstchen von den leergefressenen Tellern angeln will. Was für ein Symbol mit historischer Dimension! Und was ließe sich inszenatorisch daraus machen! Bei Geschonneck bleibt es beim bloßen Krach-Bumm, beim kurzfristigen, unverbundenen Effekt. So bleiben die anderen Filme, die vor mehr als einer Dekade das Ende der DDR zwischen Tragik und Komödie verhandelt haben, wie Good-Bye, Lenin! oder Sonnenallee unerreicht.





In Zeiten des abnehmenden Lichts | (C) Hannes Hubach

Max-Peter Heyne - 17. Februar 2017
ID 9846
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


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