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Chi-Raq / Junction 48



Die Berlinale mag manchen Berlinern wie ein Raumschiff erscheinen, das in Berlins Mitte niedergeht und deren Besatzung den Potsdamer Platz für 12 Tage kapert. Doch was auf den Leinwänden gezeigt wird, holt die Zuschauer stets in die Realität des Lebens auf unserem Planeten zurück. Dafür sorgt schon die schiere Fülle an Filmen aus aller Welt. Wie aber kann sich ein Filmemacher heutzutage mit den Folgen von Bürgerkriegen, Terrorismus, Rassismus und Diskriminierung, Armut und sozialen Unterschieden beschäftigen, ohne stereotype Geschichten und Bilder zu verwenden, die ebenso stereotype Ohnmacht, Wut und Traurigkeit verbreiten wie zahllose Sozialdramen zuvor?

Nun, der Afroamerikaner Spike Lee und sein israelischer Kollege Udo Aloni setzen auf viel zeitgenössische Musik, einen Stil- und Genre-Mix und Frauenpower. Obwohl ihre Filme Chi-Raq und Junction 48 wieder einmal hochpolitische Filme mit dem Hang zum Pamphlet sind, gehörten sie zu den innovativsten und unterhaltsamsten der gesamten Berlinale.

* *

Spike Lee war immer schon für Überraschungen gut. Seinen neuen Film Chi-Raq finanzierte einer der digitalen Branchennewcomer im US-Filmgeschäft, nämlich der Versandriese Amazon. Ob dies einer der Gründe ist, dass Lees Film bei der Nominierung der Oscars ignoriert wurde? Lees Stil hat die Kooperation jedenfalls gut getan, denn seine Regie wirkt wie entfesselt. Ohne Scheu vor Genregrenzen wechselt der mittlerweile 58jährige Vertreter des New Black Cinema nach einem dramatischen Auftakt zu Musicaleinlagen, zur Medien- und Politsatire, zu Sozialkritik und zur Situationskomik. Der besondere Clou von Lee ist die Anlehnung seiner Story an die klassische griechische Komödie Lysistrata des antiken Dichters Aristophanes: Dessen Titelheldin ruft die Frauen Spartas und Athens dazu auf, sich sexuell ihren Männern zu verweigern, damit diese Frieden schließen. Die Filmfiguren tragen die Namen antiker Charaktere, immer wieder bilden sich Chöre und der wie ein Ghettozuhälter gekleidete Samuel L. Jackson kommentiert wie ein antiker Erzähler mitten in der Szenerie den Weitergang der Handlung.

Die Handlung wiederum ist zwar bis zu einem gewissen Grad in der afroamerikanischen Community in den Großstadtghettos der USA angedockt. Aber nach einem tragischen Auftakt löst sich Lee rasch von dem Diktat des Authentischen, um der wilden Mixtur von Elementen verschiedener populärer Genres Platz zu schaffen. Am Beginn findet eine der unzähligen Schießereien zwischen zwei rivalisierenden Ghettogangs statt, bei denen in Chicago mittlerweile pro Jahr mehr Menschen getötet werden als bei den Einsätzen der US-Armee in Afghanistan und Irak. Entsprechend ist der Slang-Ausdruck des südlichen Chicagos die Mischung aus Chicago und Irak, Chi-Raq. Der ebenso charismatische wie egoistische Bandenanführer Chi-Raq (Nick Cannon) erschießt dabei versehentlich ein kleines Mädchen aus der Nachbarschaft.

Dessen etwas naive Freundin Lysistrata (schärfer als die Digitaltechnik erlaubt: Teyonah Parris) hat dieses wichtige Detail des Schusswechsels nicht gesehen und hält zunächst zu ihrem Geliebten. Dann aber öffnet ihr die sozial engagierte Miss Helen (Angela Basett) die Augen: Ohne eine aktive Rolle der Frauen und Mütter im Neigbourhood wird es keine Überwindung der Gewalt und der Bandenkriege geben. Ihr Rezept: „No Peace, no pussy.“ Tatsächlich kostet es der postmodernen, afroamerikanischen Lysistrata einige Mühe, die Freundinnen der anderen Bandenmitglieder und die Huren des Viertels zu überzeugen, dass die Enthaltsamkeit die Männer weichkochen wird. Doch die Frauen stellen ihre eigenen Bedürfnisse nach Nähe und Sex zurück und ziehen ihren Plan konsequent durch.

Das führt nicht nur zu erheblichem sexuellem Notstand bei den Ghettogangs, sondern findet auch weibliche Nachahmer in der ganzen Welt, wie die Nachrichtensendungen vermelden. Der eigentliche Kriegsschauplatz der Geschlechter bleibt aber stets das südliche Chicago, in dem die lokale Polizei, bald aber auch das US-Militär versucht, den eisernen Willen der Amazonen zu brechen. Selbst vor dem lautstarken Einsatz schmalziger Herz-Schmerz-Soulhits der Siebziger schrecken die Machotruppen nicht zurück. Doch dank Ohrstöpseln überstehen die unwilligen Weibsbilder auch diese Hinterlist. Anführerin Lysistrata kapert sogar die örtliche Militärbasis. Denn sie weiß nur zu gut, dass ein verknöcherter, rassistischer General (mit Konföderierten-Armeeflagge im Büro!) ihrem Sexappeal und der Aussicht auf schwarz-weiße Sado-Maso-Spiele nicht widerstehen kann.

Wer meint, derlei Slapstick sei mit anderen Szenen nicht vereinbar, in denen z.B. der weiße Priester des Ghettos (John Cusack) flammende Appelle an seine Gemeinde richtet, sie dürfe nicht der fremdbestimmten Armut und selbstgewählten Selbstzerstörung anheimfallen, der argumentiert mit veralteten Begriffen. Wo heutzutage Internetnutzer mit einem Klick von einem audiovisuellen Angebot zum nächsten damit auch die Stile und Formate wechseln, ist Spike Lees Nummernrevue auf der Höhe der Zeit. Lee verwurstet nicht beliebig alle Themen, sondern verfolgt überzeugend ein innovatives und intelligentes Konzept. Dazu zählt auch, dass der ordinäre Ghettoslang durchgängig in gereimter Form gesprochen wird. An Lees jugendaffiner, politisch und sozial relevanter Komik können sich die Fuck ju, Göte-Autoren jedenfalls eine ganz dicke Scheibe abschneiden.





Chi-Raq | (C) Parrish Lewis


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Auch Friedensaktivist Udi Aloni (57) war schon mehrfach bei der Berlinale zu Gast. Er hat sich für seinen neuen Film Junction 48, der in der Sektion Panorama lief, für eine Story entschieden, die in einem jugendlichen Milieu spielt, in dem Musik eine große Bedeutung hat: die Welt der israelisch-arabischer Rapper. Diese sind nicht nur Bürger zweiter Klasse, sondern haben per se Probleme mit der Polizei und Justiz der Mehrheitsgesellschaft, weil sie statt Religion, Ideologie und Tradition eher Lust auf Sex, Drugs und Rap n‘ Roll verspüren. Deswegen besteht auch zu den eigenen Eltern kein reibungsloses Verhältnis.

Hauptpersonen in dem temporeichen, musikalisch rhythmisierten Film sind der Rapper Kareem (Tamer Nafar) und seine Freundesclique, zu der auch sein älterer Bruder Hussam (Fayed Adel) und seine attraktive Dauerfreundin Manar (Samar Qupty) gehören. Aus der Konfrontation mit der israelischen Anti-Drogen-Polizei gewinnen Kareem und Co ihre Inspirationen für ihre Hip-Hop-Texte, die deswegen um einige Umdrehungen authentischer klingen als der Möchtergern-Anarchorap ihrer jüdisch-israelischen Counterparts. Diese sind nur vermeintliche Brüder im Geiste – im Zweifelsfall dreschen sie genauso rassistisch zu wie die Polizei.

Die im engeren Sinne politischen Themen hält Udo Aloni zunächst dezent zurück. Stattdessen müssen Kareem und seine Freunde private Schicksalsschläge verkraften: Kareems Vater stirbt bei einem Verkehrsunfall, die gelähmte Mutter meint, eine Wunderheilerin zu sein. Doch nach und nach drängen auch die sozialen und politischen Probleme der israelischen Gesellschaft wie Rassismus, Sexismus, religiöse Intoleranz und juristische Ungleichbehandlung in die Geschichte hinein. Dass Junction 48 kein schwerblütiges oder aufdringliches Politdrama ist, liegt an den authentischen, ausdifferenzierten Charakteren (Hauptdarsteller und Ko-Drehbuchautor Tamer Nafar ist Frontmann von DAM, der ersten palästinensischen Rap-Gruppe), der energiegeladenen Regie und dem mitreißenden Soundtrack.

Am Ende der überwiegend aus der Perspektive der männlichen Figuren erzählten Story kommt die engelsgleiche Sängerin Manar in den stärksten Gewissenkonflikt: Sie muss sich entschieden, ob sie mit ihren Freunden in der Öffentlichkeit auftritt und damit in den Augen ihrer bigotten Sippschaft ihre Ehre (und vermutlich auch das Recht auf das Weiterleben) verliert. In Chi-Raq werden die drängenden gesellschaftspolitischen Probleme auf aberwitzige und fantasievolle Weise durch Frauenpower gelöst. Den Frauen und den mit ihnen kollaborierenden jungen Männern in Junction 48 ist ein derartiger Erfolg nicht vergönnt – aber Udi Aloni und seine Drehbuchautoren lassen auch Gründe für eine optimistische Perspektive zu.

Die fiebrige Atmosphäre, der frech-anarchische Humor und die sichtliche Spielfreude der Darsteller und Darstellerinnen fügen sich zu einem der besten Filme in Udi Alonis Karriere. Auf keinen Fall verpassen, sollten Junction 48 und Chi-Raq den Weg in unsere Kinos schaffen!





Junction 48 | (C) Amnon Zalait

Max-Peter Heyne - 20. Februar 2016
ID 9157
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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