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BERLINALE

Was heißt hier Ende?
(D 2015)

von Dominik Graf


Bewertung:    



Freitagabend, Nähe Ku'damm: Die Berlinale geht in großen Schritten auf ihr Ende zu. Die meisten Filmstars sind längst abgereist, die wichtigsten Neuerscheinungen schon gezeigt worden, und wer einen Tag später welchen Preis verliehen bekommt, dürfte Eingeweihten auch bereits bekannt sein. Dann folgt nur noch der Publikumstag (die Stimmung vergleichbar mit dem Winterschlussverkauf), und schon ist Schluss. Das nächste gemeinsame Bier wird man in nur drei Monaten in einem wesentlich milderen Klima einnehmen; die meisten Hotels in Cannes sind schon seit langem ausgebucht.

Nun habe ich es versäumt, mir im Vorfeld eine Karte für Was heißt hier Ende? zu besorgen. Und denke (naiverweise), dies an der Abendkasse noch nachholen zu können. Ich kann mir schließlich nicht vorstellen, dass ein derartiger Nischenfilm, von dessen Titel bislang sogar Brancheninsider nichts gehört haben, derart nachgefragt sein könnte. Weit gefehlt: Filmbeginn ist in einer Stunde, doch die Schlange reicht jetzt schon bis weit vor die Eingangstüren. Im Foyer herrscht eine ungewöhnlich feierliche, zugleich familiäre Stimmung. Viele bekannte Kulturjournalisten sind anwesend. Es sind zum Teil die Gesichter, denen man kurze Zeit später auf der Leinwand wieder begegnen wird, als sie ihren Freund und Kollegen, den 2011 mit nur 48 Jahren verstorbenen Filmkritiker Michael Althen, zu Grabe tragen.

In Was heißt hier Ende? setzen Althens Weggefährten ihm ein Denkmal der besonderen Art. Dominik Graf erzählt das Leben Althens nach, indem er vor allem seine Freunde wie auch seine Angehörigen zu Wort kommen lässt. Entstanden ist ein zutiefst persönliches Porträt. Fast fühlt man sich als Eindringling, derart intim sind viele Aufnahmen. Die Interviewten lassen den Zuschauer allerdings auch an vielen komischen Momenten teilhaben; andernfalls wäre der Film in seiner Traurigkeit wohl kaum ertragbar. Die Ehefrau des Verstorbenen (selbst Journalistin) erzählt von ihrer ersten Begegnung mit Michael - im Kino natürlich, wo beide immer zu spät zu den Pressevorführungen kamen und deshalb nebeneinander saßen. Wir erfahren, dass Althens damaliger Chefredakteur bei der Süddeutschen Zeitung Althens Wechsel zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach Berlin um jeden Preis verhindern wollte: Er soll sogar zum Flughafen gefahren sein, um seinen Mitarbeiter von seiner Entscheidung abzuhalten. Dafür soll er Althen ein Spielzeugauto mitgebracht haben, das ihm dann (unterfüttert mit einer saftigen Gehaltserhöhung) „in echt“ als Dienstwagen zur Verfügung gestellt worden wäre. Nur hatte (was sein Chef nicht wusste) Althen gar keinen Führerschein! Althen ließ sich nicht von seinen Plänen abbringen, ging nach Berlin und erfreute künftig die Leser der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit seinen unverwechselbaren Filmkritiken.

Graf blendet immer wieder rezitierte Passagen aus Althens Texten ein. Einer seiner schönsten Sätze galt Audrey Hepburn, auf die er einen Nachruf schrieb: „So wurde sie zur zweiten Frau in der Menschheitsgeschichte, der man auch eine unbefleckte Empfängnis abgenommen hätte.“ Eine Welle der Begeisterung erfasst in diesem Augenblick den Kinosaal - das Publikum applaudiert entzückt. Sehr ergreifend sind auch die Szenen, die Althen bei der Arbeit zeigen. Als ihn ein Kamerateam in seinem Berliner Büro aufsucht, wirkt Althen unerwartet schüchtern und wortkarg - ausgerechnet er, der nie um ein Wort verlegen war, sieht nun aus wie ein Schuljunge, der ein Gedicht vortragen muss.

Dann kommen Althens Kinder, beide ungefähr Mitte zwanzig, zu Wort. Gefilmt wurden sie im Wohnzimmer der Familie, wo sie mit ihrem Vater nur einen Tag vor seinem Tod ihren letzten gemeinsamen Film ansahen. Seine Liebe zum Film hat er ihnen vererbt. Beide waren bei der Produktion von Was heißt hier Ende? als Regieassistenten tätig. Es ist ein sehr ergreifender Moment, als sie am Ende des Films zusammen mit dem Regisseur die Bühne betreten. Ein schöneres Abschiedsgeschenk hätten sie ihrem Vater nicht machen können.

So weit so gut. Hätte Althen einen anderen Beruf ausgeübt, gäbe es an dieser Stelle nichts weiter zu sagen. Interessant ist an Was heißt hier Ende? aber vor allem sein autoreferentielles Moment. Graf unterstreicht dies mit folgenden Worten: „Es ist schon etwas merkwürdig, dass ein Regisseur ein Film über einen Filmkritiker dreht.“ Dies tat er zum einen sicher aus tiefer Freundschaft und Respekt (Althen hatte mit Graf einen Film über dessen verstorbenen Vater, den Schauspieler Robert Graf, gedreht). Zum anderen hat Althen jedoch wahrhaft Besonderes geleistet. Alle in Was heißt hier Ende? zu Wort kommenden Experten sind sich einig: Althen war einer der Größten seiner Branche. Weil er es geschafft hat, seine Leidenschaft für Filme einem breiten Publikum zu übermitteln (heute keine Selbstverständlichkeit mehr), in einer einfachen, unprätentiösen, dennoch stets klugen, sehr persönlichen Sprache.

Dies gelang ihm vielleicht auch, weil er sich weigerte, Texte auf Vorrat zu produzieren. Ehefrau Bea berichtet, Michaels größte Angst sei es gewesen, der große italienische Filmregisseur Michelangelo Antonioni könnte just in dem Augenblick versterben, in dem Michael gerade im Urlaub sei, sodass sein Arbeitgeber dann einen Kollegen mit dem Nachruf betrauen müsste (wir sprechen hier noch von Zeiten, in denen man nicht immer und überall erreichbar war). Althen machte in diesem einen Fall also eine Ausnahme und produzierte den Nachruf auf Antonioni prophylaktisch in der Nacht vor Urlaubsbeginn. Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellen sollte: Antonioni verstarb am folgenden Tag.

Der bekannte deutsche Regisseur Christian Petzold, den Graf in Was heißt hier Ende? ebenfalls zu Wort kommen lässt, beklagt den Mangel an Leidenschaft in der aktuellen Filmberichterstattung. Früher hätte man sich als Regisseur vor den Kritikern gefürchtet, heute bestünden die Texte dagegen zu 80% aus kopierten Pressemeldungen. Der ZEIT-Journalist und enge Freund Althens Stephan Lebert gibt Petzold recht: Den Nachwuchsjournalisten fehle heutzutage der Drive.

Genau den hatte Althen. In der vielleicht schönsten Szene des gesamten Films erzählt er vom Höhepunkt seiner Karriere. Dieser sei für ihn erreicht gewesen, als er die Dame seiner Träume, den französischen Filmstar Jacqueline Bisset, interviewen durfte: „Natürlich wird man Filmkritiker, um leichter an schöne Frauen ranzukommen.“ Nach dem Interview habe ihm seine Angebetete eine Visitenkarte mit ihrer Telefonnummer überreicht. Althens überschwängliche Freude, als er diesen Moment nacherzählt, ist mit der eines Kindes vergleichbar: Man kann nicht anders, als sich von ihr anstecken zu lassen. Jede Zeile seines Texts spiegelt seine Begeisterung wider. Fast hat man den Eindruck, neben Althen auf der Couch gesessen und die Schweißperlen in seinen Handflächen gefühlt zu haben.



Lea Wagner - 16. Februar 2015
ID 8440
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


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