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BERLINALE

Resümée (3)

zur Preisvergabe



Die internationale Jury der diesjährigen Berlinale unter Vorsitz des US-Regisseurs Darren Aronovsky hat alles richtig entschieden. Sie hat sich bei der Vergabe des Goldenen und der meisten Silbernen Bären für Filme mit politischen Inhalten entschieden - aber dabei nicht ausschließlich politisch, sondern auch nach künstlerischen Gesichtspunkten.

Deshalb ist die Wahl von Taxi als Bester Film des Wettbewerbs zu begrüßen. Es ist ein Kammerspiel, das fast nur in einem Auto spielt und in dem Dialog vorherrscht; ein Film, der die Unzufriedenheit und die Wut vieler Menschen im heutigen Iran wiederspiegelt, ohne Verbitterung zu verbreiten. Es ist vor allem der dritte Spielfilm, den der in seinem Heimatland Iran unter Arrest stehende Regisseur Jafar Pahani ohne offizielle Genehmigung gedreht und außer Landes geschmuggelt hat. Pahani lebt sehr gefährdet und unter dem Damoklesschwert eines 20jährigen Berufsverbots, das an ihm zu exerzieren den persischen Behörden angesichts des Goldenen Bären, einer international renommierten Auszeichnung, zumindest schwieriger wird. Vermutlich ist es den Machthabern und Zensoren völlig gleichgültig, ob einer ihrer begabtesten Künstler sich im Ausland Meriten erwirbt - ihn weiterhin totzuschweigen (oder gar Schlimmeres) wird ihnen kaum mehr gelingen.

Aus deutscher Sicht mag es betrüblich sein, dass weder der neue Film von Andreas Dresen, die Literaturverfilmung Als wir träumten, noch der in einer einzigen Einstellung gedrehte Berlin-Thriller Victoria des Schauspielers Sebastian Schipper "große" Preise erhalten haben (immerhin erhielt die furiose Leistung von Schippers dänischem Kameramann einen Silbernen Bären als „herausragende Einzelleistung“). Aber beide Filme werden auch ohne diesen Rückenwind ihr Publikum finden. Dass der Preis für die jeweils beste weibliche und männliche Darstellung an die Altstars Charlotte Rampling und Tom Courtenay gingen, die Preise eigentlich nicht mehr nötig haben, ist ebenfalls gerechtfertigt. Denn es gab schlicht keinen anderen Wettbewerbsfilm, der so sehr von seinen Schauspielleistungen lebte wie der englische 45 Years – ein konzentriertes, subtiles und wahrhaftig wirkendes Drama um ein altes Ehepaar, das kurz vor seinem 45. Hochzeitstag in eine Krise gerät.

Viele Bären wurde ex aequo auf zwei Gewinner geteilt, so auch der Bär für die Beste Regie. Die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska sorgte im Wettbewerb für hintersinnigen, schwarzen Humor mit ihrer Esoterik-Groteske Body, der fast beiläufig existentielle Fragen verhandelte. Und einen dramatischen historischen Balkan-Western wie Aferim! (vom rumänischen Regisseur Radu Jude) sieht man auch nicht alle Tage.

Das lateinamerikanische Kino war diesmal stark und überzeugend vertreten (stärker als das nordamerikanische und das asiatische). Daher gönnt man dem ersten Film, der je aus dem mittelamerikanischen Guatemala zur Berlinale eingeladen war, Ixancul von Jayro Bustamante, den Silbernen Bären als innovativstem Film ebenso seinen Preis wie dem chilenischen Dokumentarfilm The Pearl Button von Patricio Guzmán (Chile) und dem Spielfilm El Club des Autorenfilmers Pablo Larraín (eine Breitseite gegen die Heimlichtuerei der katholischen Kirche; ebenfalls aus Chile). Drei Filme mit wichtigen Anliegen, die ihre Themen nicht verschenkten, sondern dramaturgisch geschickt und emotional vermittelten.

Eine Preisvergabe nach Gießkannenprinzip? Mag sein, aber in diesem Jahr hatte es volle Berechtigung. Und dass diesmal kaum europäische oder US-amerikanische Filme Bären gewonnen haben, fiel gar nicht auf.
Max-Peter Heyne - 17. Februar 2015 (2)
ID 8445
Weitere Infos siehe auch: https://www.berlinale.de


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