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BERLINALE

Härte (D 2015)

von Rosa von Praunheim


Bewertung:    



Härte, der neue Spiel-Dokumentarfilm von Rosa von Praunheim, zeigt die Lebens- und Leidensgeschichte des Karate-Champion Andreas Marquardt und seiner Partnerin Marion Erdmann. Schonungslos stellt Andreas Marquardt sein Leben in aller Öffentlichkeit aus, um ein Tabuthema anzusprechen: Sexuelle Gewalt, die Kindern angetan wird.

Andreas Marquardt, genannt Andy, ist alle Härte der Welt widerfahren: brutale, körperliche Gewalt durch einen grausamen Vater (da war Marquardt 2); sexuelle Gewalt durch die übergriffige Mutter (da war Marquardt 6). Jahrelang steckte er Schläge und Demütigungen ein. Er wurde Karatekämpfer. Verachtete sich und andere. Begann Frauen zu hassen und zu demütigen. Wurde brutal und teilte gnadenlos aus, bloß „um keine Puschmütze“ mehr zu sein. Als Zuhälter, als Krimineller. Jahrelang saß er im Knast.

Ehrlich und ungeschönt erzählt er von sich. Als Mensch, der sich ändern wollte und sich geändert hat. Und auch als der, der der Alte geblieben ist. Aus farbigen Interviewsequenzen und schwarz-weiß gedrehten Rückblenden schuf Rosa von Praunheim einen autobiografischen Spiel-Dokumentar-Film - eine Selbstreflexion von Andreas Marquardt.

Direkt und knallhart zeigt der Film, wie sexuelle und körperliche Gewalt ein Kind zerbricht und seine Seele zerstört. In Härte kann man Andreas Marquardt zusehen -quälend für alle Beteiligte - , wie dieser Prozess vonstatten geht und wieviel Willen und Kraft ein Mensch aufwenden muss, um trotz tiefer Verletzungen lebens- und liebesfähig zu werden. Man sieht, wie er an sich arbeitet, um auch als Mann Gefühle zu zeigen. Früher war ein eiskalter Typ, ein Block, "mir war alles scheißegal. Ich war eine Sau.“

Es fällt Andreas Marquardt nicht leicht, seine Geschichten zu erzählen, aber mit eisernem Willen arbeitet er daran aufzudecken, was hinter verschlossenen Türen passiert ist und immer noch passiert. Um in aller Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass man Kindern dieses Schicksal ersparen muss.

Seiner Mutter konnte Marquardt nicht verzeihen, und das versteht man auch. Kurz vor ihrem Tod besucht er sie und kann ihr nur sagen: „Du hast versagt, nicht ich. Eine Mutter macht sowas nicht.“ Zu tief sitzt der Hass auf sie. Als sie stirbt, ist er fast froh: „Jetzt ist das Aas endlich tot.“

Der Regisseur nahm sich des Themas „Kindesmissbrauch“ an und gewann die SchauspielerInnen Hanno Koffler (als jugendlicher Wüterich Andy) und Katy Karrenbauer (als Mutter) für sein Projekt. Das erste Mal, dass er mit professionellen SchauspielerInnen zusammenarbeitet. Er ist begeistert vom Ergebnis. Katy Karrenbauer sah die Herausforderung in der Rolle der Mutter: "Ich bin in dem Film keine Symphatieträgerin und ich spiele nackt, ich bin 52. Aber ich nehme Rollen an, die wichtige Themen erzählen.“

Marquardt entschuldigt sich bei allen Frauen, denen er Schmerz zugefügt hat. Für Marion Erdmann würde er sein Leben geben. Demnächst werden sie heiraten.

In all seinen Veränderungsprozessen fragt man sich irgendwann mit Unbehagen, was eigentlich mit Marion Erdmann los ist. Denn in allen Wandlungen von Andy/Andreas Marquardt ist sie konstant die immer ergebene kritiklose Frau, die zu ihm steht, ihn liebt und ihm den Rücken frei hält. Trotz allem, was er ihr angetan hat.

Ein halbes Jahr haben Andreas Marquardt und Marion Erdmann überlegt, ob sie den Film machen sollen. Sie hatten Angst, dass die Eltern der Kinder, die seine Karate-Schule besuchen, die Kinder nicht mehr zu ihm schicken würden. Doch die Eltern haben ihm diese Angst genommen und ihm eine zweite Chance gegeben.

Frieden mit sich hat er noch lange nicht geschlossen, von Alpträumen ist die Rede und schlaflosen Nächten. Nur seine Kämpfesstärke, die jetzt für das Engagement für Kinder zum Einsatz kommt, scheint seine seelischen Schmerzen zu lindern. Auf dieser Baustelle ist noch viel zu tun. „Solange ein Kind Schmerzen ertragen muss oder sexuell missbraucht wird, ist unsere Scheißwelt nicht in Ordnung“, sagt er.

Und alle glauben ihm, dass er sich so lange mit aller Kraft engagieren wird.



Hilde Meier - 12. Februar 2015
ID 8428
Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


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