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BERLINALE


Die Retrospektive der BERLINALE 2013 widmet sich dem internationalen Einfluss des Kinos der Weimarer Republik




Erzwungener Export eines Kinos mit Weltgeltung

Das waren noch Zeiten, als die Babelsberger und andere deutsche Filmstudios neugierige und ehrgeizige Filmschaffende aus aller Welt anlockten, weil dort berühmte Regisseure wie Friedrich Wilhelm Murnau, Fritz Lang oder Josef von Sternberg Filme wie Nosferatu, Metropolis oder Der blaue Engel drehten. Die Weimarer Demokratie hatte im hohen Maße zur Professionalisierung und zugleich Experimentierlust der damaligen deutschen Filmindustrie beigetragen. Die diesjährige Retrospektive der BERLINALE widmet sich den Einflüssen des vielfältigen Weimarer Kinos auf das internationale Filmschaffen nach 1933 mit all seinen Kontinuitäten und Wechselwirkungen. Denn ein Stück von Weimar bzw. Babelsberg nahmen die mehr als 2000 Filmkünstler vor allem jüdischer Herkunft auf ihrem Weg ins Exil mit, in das sie nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten fliehen mussten.

Unter dem Titel "The Weimar Touch" werden während der Berlinale (7. - 17. 2.) 33 Filme gezeigt, die zwischen 1933-59 überwiegend außerhalb Deutschlands entstanden, aber erkennbar vom Filmschaffen der Weimarer Ära beeinflusst worden sind – sei es wegen des Themas oder des Stils, sei es wegen der Mitwirkenden. Da das deutsche Kino der zwanziger und frühen dreißiger Jahre sowohl für düstere Visionen à la Caligari (1920), raffinierte Kriminalfilme à la M (1931) oder frivole Komödien à la Viktor und Viktoria (1932) berühmt war, geht die filmhistorische Reise quer durch alle Genres. Unter der Überschrift „Rhythm and Laughter“ sind Filme versammelt, die an die Tonfilmoperette und den Musikfilm des Weimarer Kinos anknüpfen – Genres, die maßgeblich von jüdischen Künstlern geprägt wurden. Ein Film, der so gut wie nie in Deutschland zu sehen war, ist die musikalische, gleichwohl auch sozialkritische Komödie Peter von 1934. Darin wird die Weimarer Tradition fortgeführt, heikle Themen wie Arbeitslosigkeit, Armut, aber auch den Wandel der Geschlechterrollen auf eine leichte, heitere Art zu behandeln.




Peter (1934), Regie: Hermann Kosterlitz, mit Hans Jaray, Herta Natzler, Francisca Gaál - Fotoquelle: Deutsche Kinemathek, Berlin



Peter basiert nicht nur auf einem ungarischen Boulevardstück, sondern wurde vom Berliner Regisseur Hermann Kosterlitz auch in Budapest in deutscher Sprache gedreht. Seine Hoffnung, von dort bald in seine Heimatstadt zurückkehren zu können, erfüllte sich nicht. Kosterlitz emigrierte wie so viele Kollegen in die USA, wo er unter dem Namen Henry Koster ein berühmter Hollywoodregisseur wurde und weitere wunderbare Komödien wie Mein Freund Harvey (1950) inszenierte. Der Film mit dem unsichtbaren Hasen ist in der Retrospektive nicht zu sehen, wohl aber der überschäumende US-Kassenhit Manche mögen’s heiß von 1959, mit der Billy Wilder den frech-frivolen Humor des Weimarer Kinos noch einmal aufgegriffen hat.

Im Programmblock „Know Your Enemy“ (Kenne deinen Feind) laufen Filme, die gegen das NS-Regime Position bezogen haben. Abgesehen von der einzigen Komödie, To Be or Not to Be (Sein oder Nichtsein, USA 1942), bei dem die von Regisseur Ernst Lubitsch in Berlin entwickelte Handschrift offenkundig ist, muss der Filmhistoriker bei den anderen Filmen schon genauer hinschauen, um die Einflüsse des Films der Weimarer Ära noch wahrzunehmen. Gerade die US-Produktionen, mit deren Hilfe Exilanten das amerikanische Publikum ermuntern wollten, den Krieg gegen Nazi-Deutschland zu unterstützen, erfüllen eher den plakativen, Klischees nutzenden Hollywoodstil als den subversiven „Weimar Touch“.



Szene aus Ernst Lubitschs Film Sein oder Nichtsein - Fotoquelle: Deutsche Kinemathek



Besonders fällt dies bei Hitler’s Madman (1943) auf, einer von zwei Verfilmungen des tödlichen Attentats auf den Nazi-Statthalter Reinhard Heydrich vom 27. Mai 1942 durch tschechische Widerständler. Weil MGM-Chef Louis B. Mayer Konzessionen für das US-Publikum verlangt hatte, kam die vom Exil-Berliner Detlef Sierck (alias Douglas Sirk) inszenierte Version erst heraus, als die andere bereits eine Weile in den amerikanischen Kinos lief. Ein Wettlauf unter Emigranten, den Fritz Lang mit Auch Henker sterben unter künstlerischen wie ökonomischen Gesichtspunkten gewann. Ironie der Geschichte: Hitler‘ s Madman wurde zunächst nicht von der MGM, sondern vom jüdischen Produzenten Seymour Nebenzal produziert, dessen Berliner Firma Nero-Film 1931 Langs berühmtesten Film, M – eine Stadt sucht einen Mörder auf den Weg gebracht hatte.



Hitlers Madman, Regie: Douglas Sirk (Detlef Sierck), mit Patricia Morison und John Carradine (als SS-Statthalter Reinhard Heydrich) - Fotoquelle: museum of Modern Art, New York.



Zur BERLINALE wird Nebenzals Sohn Harold, selbst ehemaliger Produzent und inzwischen 90 Jahre alt, als Gast der Retrospektive mehrere Filme persönlich präsentieren. Nebenzal wird auch bei der Aufführung der Verfilmung des weltberühmten Musicals Cabaret (USA 1972; Regie: Bob Fosse) in der Spezialreihe „Berlinale Classics“ anwesend sein. Bei diesem Film, der für lange Zeit die filmische Darstellung des verruchten und dekadenten Berlins der frühen 1930er Jahre prägte, war Harold Nebenzal seinerzeit Associate Producer.

Kuratiert wurde die Retrospektive von Dr. Rainer Rother von der Deutschen Kinemathek am Potsdamer Platz, die erst vor wenigen Tagen ihr 50. Jubiläum feiern konnte.


Max-Peter Heyne - 4. Februar 2013 (2)
ID 6530

Weitere Infos siehe auch: http://www.berlinale.de


Post an Max-Peter Heyne



 

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