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Rezension


Der Fernsehfilm Ein weites Herz erzählt davon, wie schwer es Andersdenkende in Nazideutschland hatten - eine Biografie seiner Heldin Isa Vermehren ist er nur ansatzweise



Nadja Uhl als Isa Vermehren in Ein weites Herz - Foto (C) ZDF


Das wahre Leben der Isa Vermehren?

„Vom Kabarett ins Kloster: Die Reise einer leidenschaftlichen, mutigen Frau, die in Kriegszeiten die Courage bewahrt, ihre Familie zusammenhält und dafür beinahe mit dem Leben bezahlen muss.“ So bringt die Eigenwerbung des ZDF das Schicksal Isa Vermehrens (1918-2009) auf den Punkt, und selbst diese kurze Beschreibung lässt erahnen, was für ein Potential in dieser Lebensgeschichte steckt. Der ehemalige Rowohlt-Verleger Matthias Wegner hat den Weg Isa Vermehrens, Tochter aus großbürgerlich-hanseatischem, politisch liberal geprägtem Hause in der 2004 erschienenen Biografie Ein weites Herz (List Verlag, € 9,99) respektvoll nacherzählt, die eine aufschlussreiche Ergänzung zu Vermehrens eigenen Erinnerungen war.

Die junge Lübecker Anwaltstochter war nach dem Umzug der Familie nach Berlin Anfang der 1930er Jahre dank ihres Talentes als Entertainerin eine Attraktion im renommiertesten Kabarett der Reichshauptstadt, „Die Katakombe“, wo sie auf unnachahmliche Weise deftige Seemanns- und andere Lieder zum Besten gab. Anders als ihre Kolleginnen und Kollegen - wie etwa der legendäre Werner Finck - wurde Isa Vermehren von der Gestapo nicht wegen ihrer „Katakomben“-Auftritte verhaftet, sondern erst, nachdem einer ihrer Brüder, Erich, 1944 als Diplomat zu den Briten übergelaufen war. Die gesamte Familie kam im Zuge der „Sippenhaft“ in Konzentrationslager, Isa zunächst nach Ravensbrück, am Ende des Krieges nach Buchenwald und Dachau, bis sie mit anderen Sippenhäftlingen im Mai 1945 in Südtirol in die Freiheit gelangte.

Schon vor diesen Erlebnissen war Vermehren zum Katholizismus konvertiert, dem sie trotz einer kurzen Karriere als Filmschauspielerin nach dem Krieg ausschließlich widmete, indem sie Ordensschwester wurde. 1951 trat sie in das Herz-Jesu-Kloster in Beuel-Pützchen in der Nähe von Bonn ein, wo sie im Sankt-Adelheid-Gymnasium ebenso wie in der Sophie-Barat-Schule in Hamburg als charismatische, engagierte und nachdenkliche Lehrerin bleibenden Eindruck bei ihren Schülerinnen hinterließ. Einem breiten Publikum wurde sie durch das „Wort zum Sonntag“ bekannt, das Vermehren zwischen 1983-1995 in der ARD häufig sprach.

* * *

Die Macher des Fernsehfilms Ein weites Herz hatten also einen gehaltvollen und abwechslungsreichen Stoff vor sich, der nach einer Verfilmung geradezu schreit und von Matthias Wegner bereits chronologisch und in einem lebendigen Stil literarisch verarbeitet worden war. Umso sonderbarer mutet es daher an, dass sich die versierte Fernsehautorin Annette Hess zusammen mit Ko-Autorin Franziska Gerstenberg und Ko-Autor und Regisseur Thomas Berger für das Drehbuch ausgerechnet jene Aspekte ausgelassen hat, die – nicht im Detail, aber in der Summe – die spektakulärsten der Vermehren-Biografie sind. Wie originell die Auftritte der Autodidaktin mit ihrem Schifferklavier in der Berliner Kabarettszene tatsächlich waren, streift der Film nur sträflich kurz, obwohl mit Nadja Uhl eine Schauspielerin zur Verfügung stand, die die kumpelhaft-dreiste Bühnenpräsenz Vermehrens gut vermittelt. Was die Nonne, Lehrerin und Fernsehpredigerin Vermehren ausgezeichnet hatte, wurde gänzlich gestrichen.

„Kabarett und Kloster“ bietet der Film also kaum, stattdessen eine Art Buddenbrookiade (obgleich auch die Lübecker Jugend Vermehrens komplett fehlt), in der die Eheprobleme und der Geschwisterneid im Mittelpunkt stehen. Diese Konflikte wirken allerdings im Vergleich zu den politischen Hintergründen dramatisch undramatisch. Außerdem sind die Vermehrens weder die Windsors noch die Kennedys, sodass der Film in seiner ersten Hälfte beim unbeleckten Zuschauer viel Mühe, Zeit und Geduld abfordern muss, um das Personenpersonal der Vermehrens draufzukriegen. Produzentin Jutta Lieck-Klenke, die Isa Vermehren als Hamburger Schülerin noch erlebt hat und deren Verdienst es ist, dass der Stoff überhaupt verfilmt wurde, rechtfertigt im Interview diesen Ansatz damit, dass man „kein ganzes Leben, sondern die Geschichte des Findens der Religion und des Glaubens“ der Protagonistin erzählen wollte, die „dramaturgisch von der Examensablehnung bis zum Eintritt ins Kloster eine abgeschlossene Entwicklung ist“.

Eine Alternative wäre z.B. gewesen, die gealterte, nachdenkliche, aber im Glauben feste Ordensschwester und TV-Predigerin in kurzen Rückblicken auf ihr Leben zurückzuschauen zu lassen, sodass die jeweiligen Miniaturen thematisch stellvertretend für einen Zeit- oder Lebensabschnitt hätten stehen können. Stattdessen wird der Terror der Nationalsozialisten bilderbuchmäßig abgeklappert (Drohungen, Pöbeleien, Schlägereien), was den Szenen wie oft in solchen Fällen wegen ihres Verschleißfaktors die historische, aber auch dramaturgische Schärfe nimmt. Und war es die Zusage der Quoten-Zugpferde Berben und von Thun, dass deren Parts als Eltern ein stärkeres Gewicht haben als die dramaturgisch attraktivere Entwicklung der Heldin von einer aufmüpfigen Kabarettistin zur überzeugten Christin? Der Film hat jedenfalls seine stärksten Momente, wenn er ganz bei seiner Protagonistin verweilt und zeigt, wie sie ihre inneren Überzeugungen gewinnt und dank ihrer moralischen Integrität äußeren Bedrängungen widersteht.

Der Hunger der jungen Isa nach Spiritualität und Moral inmitten einer familiär zerrütteten und politisch hoffnungslosen Zeit ist nachvollziehbar dargestellt, wenn z.B. die in Sachen Beten noch unerfahrene Bürgerstochter sich quasi ins Gebet einer Kirchgängerin einklinkt. Szenen, die Vermehren als Verhöropfer und KZ-Häftling zeigen, sind zweifellos wirkungsvoll inszeniert und lassen in der zweiten Hälfte des Films Spannung und Anteilnahme aufkommen, müssen sich aber den Vergleich mit noch intensiveren Filmen wie Sophie Scholl gefallen lassen. Und die vielen Freiheiten, die sich das Drehbuch (oft unnötigerweise) gegenüber biografischen Fakten nimmt, wirkt in Bezug auf das homoerotische Knistern zwischen Isa und ihrer Schwägerin, Elisabeth Gräfin Plettenberg, am legitimsten.

Dadurch, dass eine solche Anziehung „als Deutung möglich ist“ und hier „als Frage-, nicht als Ausrufungszeichen“ (so Biograf Wegner), aber dennoch unmissverständlich dargestellt wird, kennzeichnet es die Vermehren in der Tat als besonders moderne und gleichzeitig nach Distinguiertheit strebende Frau, die ihr das konservativ-adelige Umfeld der Plettenbergs und später das Kloster bietet. Der Mut, den die Autoren mit der angedeuteten Dreiecksgeschichte bewiesen haben, wirkt in vielen anderen Fällen deplatziert, vor allem, weil die Schwerpunkte zu sehr von der Heldin und ihrem psychologischen Profil wegführen. Insofern muss das wahre Leben der Isa Vermehren doch erst noch verfilmt werden.




Zwischen Isa Vermehren (Nadja Uhl) und der jungen Gräfin Plettenberg (Peri Baumeister) knistert es heftiger, als es wohl im wahren Leben der beiden ausgelebt wurde - Foto (C) ZDF


Max-Peter Heyne - 1. April 2013
ID 6653
EIN WEITES HERZ (ZDF, 01.04.2013, 20.15 Uhr)
Regie: Thomas Berger
Drehbuch: Annette Hess, Franziska Gerstenberg und Thomas Berger
Produktion: Jutta Lieck-Klenke und Dr. Dietrich Kluge
Mit: Nadja Uhl, Iris Berben, Friedrich von Thun, Max von Thun, Alexander Khuon, Peri Baumeister, Elena Uhlig, Hedi Kriegeskotte, Hinnerk Schönemann u. a.


Weitere Infos siehe auch: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/


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