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Die Politik ist gescheitert, denn ich blicke in einen verkaufsoffenen Sonntag. Kein Wort über Advent. Genauso gut könnte ich am Strand liegen und auf den Weißen Hai warten. Die Aussicht aus dem Fenster kann dabei helfen, nicht dauernd in den Haaren / Zähnen / Kiemen / schmutzigen Socken herumzuwühlen. Kleine Menschengruppen heben zum Spaziergang an. Das Wetter dazu ist nett – wie schon am vergangenen, dem Totensonntag, als die Friedhöfe zu großen Gärten, als Bockwürstchen gemampft und am Ende die Schatten immer länger wurden. Und die Menschen ziehen ausgestopfte Hundehandtaschen auf Stummelbeinchen hinter sich her, sehe ich beim flüchtigen Fensterblick. Was ist der Gestus der Kunst? Daß wir hipp sind und ihr Spießer seid? In einem Gebäude zwei Straßen weiter hat eine Stadtillustrierte ihren Sitz, die Spießer heißt. Lest sie, ihr Spießer! Fein, dann lesen wir sie mal, wir Spießer. Worin besteht die Kunst, Kunst zu machen? „Im Verfremden“, haucht es in mein Ohr. „Darin, die Dinge wörtlich zu nehmen“, haucht es ins andere. „Man muß zum Kern der Sache vordringen“, flüstert mir jemand in mein drittes Ohr. Gut. In Ausübung meiner Pflicht werde ich nun die Wolken zählen am ausnehmend blauen Himmel. Oder die Misteln an der nachbarlichen Birke. Oder, wie schon in früheren Texten, die Anzahl der Pflastersteine, die die vorübereilenden Pkw beim Vorübereilen berühren. Wenn sie nämlich in die Stadt fahren, zum verkaufsoffenen Sonntag. Heißen Wein wollen sie, aber Vorsicht: Alkohol am Steuer! Plätzchen und Holzspielzeug. Frühlingsluft atmen, einfach um etwas zu tun zu haben. (So viele Kursiven kann ich gar nicht setzen, wie mir einfallen.) Kann ein Auftrag der Kunst sein, sie / uns / euch von alledem abzuhalten? Also, drehn wir den Spieß mal rum, sitzen wir dann nur noch in protestantische Reflexionen vertieft auf unseren Zimmern, hören enthaltsam unsere ganz private kultige Musik und rufen gelegentlich ins Kopfkissen. Und wo bleibt dann der Mehrwert, den wir zu produzieren verdammt sind? Wo bleiben die Supermärkte und Chinaimbisse, von denen wir leben? Und wo bleiben wir, von denen sie leben? Wir könnten alle Texte schreiben – eine ganze große, superindividuelle Welt voller Verfasser von Texten, wie schön! Und jeder ißt dann, weil so wenig Brot auf Erden ist, die Bücher seines Nächsten. Aber ich fürchte, dann wäre Leningrad wirklich im permanenten Belagerungszustand. Der gesunde, schwäbische oder schwedische, Menschenverstand ist dagegen. Oder, um noch einmal auf den Anfang, die Genesis, zurückzukommen: wir liegen tatsächlich alle am Strand, wie damals 1974, und warten auf den Weißen Hai, oder auf die Vögel wie 1963. Die Kunst ist, sich und allen anderen den Spiegel vorzuhalten – die Spiegeltür im neuen Kleiderschrank zum Beispiel, oder den Spiegel, der beim Zahnarzt liegt, aber der wird ja auch immer schlechter. Also keinen Spiegel? Lieber Pfefferkuchen / Sonntagsspaziergänge / Strandurlaube / schöne, blonde Limousinen? Die Politik ist gescheitert, wir machen Kunst, kursiv oder recte. „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben – / Bewahret sie!“ Hoppla, Friedrich! „Poesis und Poesie – zum Verwechseln ähnlich ein Zustandekommen des mit Albernheit Behafteten, ohne das es keinen Wahn und keine Möglichkeiten gäbe: für den Gedanken wie er sich erwähnt.“ Na von wem das nun schon wieder stammt...


Patrick Wilden, 3. Dezember 2006
ID 2828






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