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„Frankfurt ist eine Messe wert“, soll schon Henri Quatre gesagt haben. Am Ende schickte er dann aber doch seinen Namensvetter aus dem Hause Mann, von dem allerdings nicht überliefert ist, ob er je dort anlangte. Im Monat Oktober dreht sich bei den Bachmann-Epigonen und Wolf-Haas-Jägern, Grass-Rauchern und Pastioren-Söhnchen alles um diese eine Messe. Jeder weiß, welche gemeint ist. Jeder weiß auch, in welchem der beiden Frankfurts sie abgehalten wird – mögen sich auch eingefleischte Okzidentalgermanen darüber wundern, daß noch ein Ort dieses Namens innerhalb der Landesgrenzen liegt. Im oktöberlichen Literaturdeutschland, das sich klimatisch vorläufig weder für Kälte noch für Wärme entscheiden kann, geht es nur um das eine Frankfurt, dasjenige nämlich, welches die multilingualen ICE-Zugführer immer aggressiv als „Fränkfört Main Station“ ankündigen. Und wenn wir am Messemorgen kurz vor neun in den S-Bahn-Schacht dieser „Main Station“ hinabsteigen, treffen wir am Bahnsteig Numero 104 auf lauter individuell layoutete und gestylte Figuren, die sich mit ihren Rollköfferchen oder ihrem Anzug beschäftigen, den sie auf einem Bügel neben sich herumführen, oder die unverständliche Worte in ihre Handflächen murmeln, und erst auf den zweiten Blick erkennen wir, daß sich dort ein Mobiltelefon von erstaunlicher Kleinheit befindet. Aber das ist ja noch nicht alles. Betreten wir mit diesen Gestalten, Gleichgesinnten, die – comme toujours – einige Minuten verspätete S-Bahn, verdichtet sich gleichsam die Aura – und mit einem Mal will es uns scheinen, als handle es sich bei all den für sich sitzenden und stehenden Typen um uns herum um verdeckte Berühmtheiten: Hat nicht die dunkelhaarige Dreißigjährige mit der ausgeprägten Nase, die mit uns im Durchgang der Bahn steht, im vergangenen Jahr einen – zumindest von den professionellen Zeitungsblätterern – vielbeachteten Debütroman herausgebracht? Schlummert nicht in dem graumelierten Herrn im zerknitterten hellen Jackett, der, als eben die S-Bahn aus dem Tunnel tritt, melancholisch auf die verwitterten Fronten der Hinterhäuser blickt, der übernächste Büchner-Preis-Träger? Und werden wir nicht dem dunkelgesichtigen Herrn im Turban, der in einer nachbarlichen Sitzgruppe sitzend auf Hindi oder Sindhi, Urdu oder Gujarati, Tamil oder Telugu mit seiner Mutter oder seinem Agenten telefoniert, in Kürze auf einem der Interview-Sofas oder an einem der Signiertische wiederbegegnen? All das scheint greifbar nahe in dieser S-Bahn – und spätestens an diesem Punkt brechen wir in einen charakteristischen kalten Schweiß aus, der uns fortan auratisch mit all den anderen verbindet. Er sorgt sozusagen für das rechte Verhältnis von Nähe und Ferne der Abertausenden von Menschen auf dieser Messe, die alle gekommen sind, um einander zu begegnen, ohne sich nahe zu sein. Wir verlassen die S-Bahn an der übernächsten Haltestelle („Fränkfört Fäär“), um durch die engen Rolltreppenhäuser, Eingangsschleusen und Laufgänge der Messe ellbogenlos elegant und dennoch mit wohldosierter Durchsetzungsfähigkeit unseren unergründlichen Zielen zuzusteuern, alle zusammen und jeder für sich. Frankfurt ist eine Messe wert – das merken wir nun, und durch das geschickte Belüftungssystem in den Hallen werden wir so lange zusammengeschweißt, wie diese Messe dauert.
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Patrick Wilden, 6. Oktober 2006 ID 2712
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