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Manchmal, nach einer langen Heizperiode, wenn der Wintermuff
alle Poren des Körpers durchdringt, wird mir ein wenig mulmig
in der Magengrube, dann fahre ich auf eine Insel am Meer. Sonst
lebe ich nicht am Meer, und das ist wahrscheinlich der Grund,
warum ich es sehr gern habe, lieber jedenfalls als die Hügel
meiner täglichen Umgebung. Hinter diesen Hügeln - ich wage nicht,
von Bergen zu sprechen - hält sich bekanntlich der Muff viel
länger als an der Küste, wo steter Wind die weite Welt in Form
von Krabbenkuttern und vielen vielen bunten Feriengästen
vorbeiweht.
Über Ostern war es wieder soweit. Ich seilte mich aus dem
Gefängnis meines verschwitzten Alltags ab, setzte die
Rennfahrermütze auf und zog in einer langen Karawane über die
Autobahn den Nordseedeichen entgegen. Und ich hielt nicht eher
inne, als bis ich nicht den salzigen Geschmack auf der Zunge
und die klare Luft im Gesicht spürte, von der ich mich tüchtig
durchpusten lassen würde.
Ein steifer Wind trieb mir die übers Watt peitschende Gischt in
die Augen, als ich an einem betonierten Fährhäuschen auf meine
Verschiffung auf die Insel warte. Die Überfahrt, während der
meterhohe Wellen über unser Schiffchen schlugen, regte erste
Zweifel an meinem Entschluß, für den beschränkten Zeitraum
eines Osterwochenendes Insulaner zu werden. Doch nach einer
knappen halben Stunde erklang bereits der lange Hupton, mit
dem unsere baldige Ankunft angekündigt wurde, und meine
zahlreichen Begleiter, vornehmlich vielköpfige, breitärschige
Familien, die mit aschfahlen Gesichtern ihre Kotztüten vor sich
hertrugen, drängelten zum Ausstiegsschott.
Kampfjets stiegen auf, als wir über eine frisch gepflasterte
Rampe zur Inselbahn getrieben wurden, ein würgender und
plärrender Troß von Goretex-Jackenträgern, der sich, das
Ferienglück zum Greifen nahe, willig von den diensttuenden
Seebären in ein primitives Züglein drängen ließ, das uns zum
Inselort bringen sollte. Mir kam es merkwürdig vor, daß die
häßlichen Düsenvögel eine schwarze Qualmwolke hinter sich
herzogen, und ich sah in diesem herabrieselnden Rauch, der sich
als farbloser salziger Grind sofort in unsere Hautporen setzte,
und der Tatsache, daß der Wind augenblicklich kalt und
unbarmherzig unter mein Ölzeug kroch, durchaus einen Zusammenhang.
Für Sekunden erhaschte ich über die Schulter einen Blick. Dicht
über dem Festlandssockel, vom Schiff und vom Fährhaus unsichtbar,
erhoben sich Windräder, ja ein ganzer Wald aus gigantischen
Propellern rührte da in unmittelbarer Nähe zum Ozean durch die
Luft, so daß uns das Sausen nicht mehr aus den Ohren und das
Bibbern nicht mehr aus den Knochen ging.
Sollte das die berüchtigte Lüftwaffe sein, von der ich schon
verschiedentlich hatte munkeln hören? Die neue Geheimwaffe der
Tourismusindustrie, mit der die Urlauber in teuere Ferienwohnungen
getrieben werden, statt romantisch in den Dünen zu kampieren,
und in kostspielige, altmodische Lokale, statt sich das
tägliche Mahl über dem offenen Lagerfeuer zu bereiten?
Doch bevor ich noch darüber nachdenken konnte, welche
Konsequenzen ich aus meiner Erkenntnis ziehen sollte, wurde ich
bereits von einem der örtlichen Seebären am Schlafittchen gepackt
und unter Pfiffen aus der Trillerpfeife zum Zug geschleift.
Gerade hatte ich noch Zeit, den kleinen olivgrünen Aufnäher auf
dem Ärmel meines Bewachers zu bemerken, auf dem in feinstem
Amerikanisch \"LUEFTWAFFESTUTZPUNCKT\" zu lesen war, da ruckte
das Gefährt bereits an und trieb uns unserem Inselglück
entgegen.
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Patrick Wilden, 15. April 2004 ID 950
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