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Websponsoring?


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D. hatte das entdeckt. Zunächst nur einen Link, aber wenn man darauf klickte, kam nach längerem, modemkeuchenden Laden eine Seite auf dem Bildschirm zur Ansicht, die sich bewegte. Eine Webcam, wie ich vergnügt feststellte. So etwas gibt es zwar schon länger, und mittlerweile hat das ja auch jeder pupsige kleine Badeort, aber ich finde es trotzdem immer wieder faszinierend. Es kommt natürlich darauf an, ob man lieber Wellenreitern in Heringsdorf oder Doppeldeckerbussen beim Umrunden des Piccadilly Circus zugucken will. Das Bild meiner Webcam zeigte verschwommen einen Platz, auf dem ein unförmiges, irgendwie gebückt zum Himmel strebendes – oder sollte ich sagen „zeugendes“? – Denkmal zu sehen war, hinter dem im Schrittempo Autos, Lastwagen, kleine Busse und andere wunderliche Gefährte eine schmale Straße entlang rutschten. Im Hintergrund schienen Häuser zu stehen, und ob vor oder auf dem Denkmal Leute herumtobten, vermochte ich dank der miesen Bildschirmauflösung nicht auszumachen. Ich war D. unendlich dankbar, denn ich wußte: an dieser Stelle würden wir auch bald stehen.

Was soll ich sagen? Wir standen dort, ein paar Tage später und rund tausend Kilometer bzw. siebenundzwanzig Zugstunden weiter östlich. Wir waren auf dem Platz, der im übrigen kein Platz war, sondern ein breiter Boulevard, „Prospekt“ geheißen und benannt nach der guten alten Freiheit. Völlig frei, fast allein und nur leicht mißtrauisch von zwei Milizangehörigen mit riesigen Schirmmützen beäugt standen wir an dem Denkmal, das einer libertinen ukrainischen Schriftstellerlegende geweiht ist, und versuchten uns vorzustellen, daß man uns nun anklicken konnte.
Ich finde, das kann man sich ruhig mal auf der Zunge zergehen lassen. Das Internet gilt ja nicht von ungefähr als ganz neuer Illusionsraum, nicht ohne Grund hat sich das Attribut „virtuell“ in den letzten Jahren zur Charakterisierung dieses Raumes eingebürgert. Aber schon geht es weiter, kann man von überall auf der Welt über dieses Internet zu günstigsten Tarifen telefonieren und Fernsehen schauen – und eben auch, wenn man will, uns in Echtzeit vor dem Schewtschenko-Monument der Stadt L’viv betrachten.
Unweigerlich rückt man trotz des einsetzenden Regens in Positur, wohl wissend, daß die Freunde und Bekannten, denen man früher vielleicht Urlaubsfotos gezeigt und Postkarten von diesem Ort geschickt hätte, uns nun tatsächlich beim Vor-dem-Monument-Herumstehen zuschauen können, uns vielleicht per SMS dazu auffordern zu winken, weil auch ihre Bildschirmauflösung nicht so hoch ist, wie es die Situation erwünschen ließ. Wie gebannt verfolgt man diese völlig neue Art der Kommunikation, hebt die Hand und winkt, während die herumstehenden Milizionäre sich kopfschüttelnd fragen mögen, wer um Himmels willen auf dem Dach der ehemaligen galizischen Sparkasse unsere Augen auf sich ziehen mag.

Es sind die Augen der Welt, die da auf einem ruhen – das möge man sich bitte vergegenwärtigen. Jeder Mensch hatte in diesem einen Moment Zugriff auf uns, und für diesen kleinen Moment rückten wir ins Rampenlicht der unbegrenzten Möglichkeiten.
„Seinesgleichen geschieht“, dachten wir und gingen ins Wiener Kaffeehaus gleich nebenan, um uns eine Melange servieren zu lassen.



Von wo aus man die Augen der Welt (Kuppeldach, Mitte) am besten sieht...




Patrick Wilden, 15. Juni 2006
ID 2449






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