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Ich war einmal dort. Drei Jahre ist das inzwischen her, und es war der erste Tag in der Stadt, in dieser Region überhaupt. Der Sommer begann auch im eher kühlen Norden, am Eingang in den finnischen Meerbusen zu glühen. Die Hauptstadt der kleinen baltischen Republik hatte ihren hanseatischen Kern für die Touristen fein herausgeputzt. An manchen Häusern wurde gebaut, saniert, rekonstruiert; andere strahlten bereits nichtssagend neu, trugen ihr Alter als Schminke auf der Fassade und lockten mit irgendwelchen Shops und kleinen Boutiquen. Die kopfsteingepflasterten Straßen der Innenstadt wurden von auslandenden Holzplattformen gesäumt, auf denen unter Sonnen- oder wahlweise Regenschirmen verborgene Cafétische die zahlreichen Schlenderer zum Bleiben anregten, was viele in Anspruch nahmen.
Ich weiß nicht mehr, durch welche Pforte ich diesem Museum entkam. Die Gasse verbreiterte sich, links ragte der Domberg auf, vor mir lag ein kleiner Park, und über die Straße hinweg erspähte ich jenes Gebäude.
Wie viele Bahnhöfe hat man schon in seinem Leben gesehen? Manch prunkvolle Halle, in der sich eine immense Masse Metall wie schützend über die zahllosen, in Bewegung befindlichen Menschen und ihre Geschwindigkeit spannt; oder auch eine einfache Plattform, ein nackter oder überdachter Bahnsteig, an dem dreimal täglich ein Zug hält. Immer scheinen diese Orte im Einklang mit sich, mit ihrer Funktion zu sein.
Nicht so dieser Bahnhof. Ich erinnere mich, wie ich verzweifelt einen Eingang suchte. Wie ich um das Gebäude, einen mit hellen Steinplatten verkleideten Kasten, herumstrich und durch die großen Fensterflächen lugte und dabei wie zufällig auf ein paar unebene Gleise stieß. War das ein Zug, der stand? Ein weißes wackliges und hörbar dieselgetriebenes Fahrzeug mit drei leeren Waggons, das im Licht der sinkenden Sonne gemütlich vor sich hinknatterte? Die übrigen Gleise wirkten verlassen, in meiner Erinnerung wuchert Unkraut zwischen den Schienen. Endlich finde ich einen Eingang in das Gebäude, das wie tot daliegt. Ein verschlossener Schalter hinter speckigen Gardinen in einem Ensemble aus stumpfen dunklen Granitplatten – sicherlich spielt mir meine Erinnerung einen Streich, aber so ist es bei mir hängen geblieben. Irgendwo hängt dort auch ein Fahrplan, doch die Namen von überregionalen Großstädten suche ich vergebens. Eine riesige Provinz scheint sich vor den Toren der Stadt auszudehnen, und ich sehe kleine verlassene Dieseltriebwagen ausschwärmen, die es zwei-, dreimal am Tag in einen entfernteren Vorort schaffen. Die Landesgrenzen bekommen sie so gut wie nie zu Gesicht. –
Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Karte – retuschiert und nachkoloriert, ganz im Stil der englischen John Hinde Studios. Darauf ist ein helles Gebäude mit dunklen Fensterfronten zu sehen. Formschön und modern, kompakt und schnieke steht es da so in der Sonne. Altmodische Autos parken davor, Karosserien, wie sie in den 60er Jahren üblich waren. Ein Bus hält am Baldachin eines Eingangsportals. Menschen warten an einem Taxistand. Eingerahmt wird das Bild von Bäumen, die eine lange schattige Allee andeuten, und zwei riesige Verkehrspfeile auf der Straße weisen einladend auf das Gebäude hin. Wer weiß, vielleicht knattert gleich ein James-Bond-Mobil in geheimer Mission heran?
Ich merke, ich kenne das Gebäude, ich war schon einmal dort. Es ist der Hauptbahnhof von Tallinn.



Baltischer Bahnhof Tallinn, Estnische SSR, Foto: G. German © Eesti Raamat 1978




Patrick Wilden, 24. April 2006
ID 2353






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