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Bald ist es wieder soweit: jemand wechselt den Familienstand, und ich bin eingeladen. Wenn mir doch nur irgendetwas dazu einfiele! Ich hatte ja mal in meiner grenzenlosen Naivität angenommen, daß sich das mit dem Heiraten inzwischen überlebt hätte. Gut, gut, man paart sich, mit oder ohne Erfolg, d.h. Nachfolger, zieht ein bißchen ein, zwei süße Kindlein auf oder geht mit den Hundchen Gassi, feiert auch ein paar Feste, damit die anderen was davon haben, und lebt sein Leben – in guten wie in schlechten Zeiten; irgendwann, Jahrzehnte später, schleppt man sich ohnehin in ein Altenheim und verschwindet irgendwann zwischen den Zeilen der Lokalblättchen – oder nicht mal das. Ich gebe zu: diese Aussicht ist auch nicht viel heller als das Foto vom Haus des Buches der Stadt L., das mir ein Freund unlängst zum Geburtstag überreichte und das nun deutlich sichtbar über meinem Schreibtisch hängt.
Dennoch wohnt der gesetzten, dunklen, ja der realistischen Sicht auf so ein eigenes Leben ein irres Funkeln inne, das die Konturen deutlich hervortreten läßt und viele, wenn nicht gar heiße Sehnsüchte wecken kann. Und was tut die tingelnde, aber inzwischen nicht mehr ganz so junge Jugend aus meiner Alterskohorte ringsumher? Ehelicht, ehelicht, ehelicht. Dabei wissen wir doch seit den hedonistischen Anwandlungen des altklugen Dr. Maxwell Jordan aus Woody Allens „Midsummer Night Sex Comedy“ längst, daß die Ehe der Tod der Hoffnung ist. („Hoffung – worauf?“ ließe sich fragen, aber das ist eine andere Geschichte.) Doch offensichtlich gibt man heute nichts mehr auf freudianisch aufgeklärte, humoreske Kinokultur der 70er Jahre.
Ob des gesellschaftlichen Eventcharakters treten die Künftigen wieder in die Kirche ein, deren Steuerzahlung sie lange zuvor vielleicht wegen des rausgeschmissenen Geldes einstellten, einzig damit die Braut weiß eingekleidet und unter Glockengeläut durch das Portal eines Gotteshauses ziehen kann, besungen, beklatscht, von Blümchen beworfen. Unter der Dresdner Frauenkirche oder der Wilhelmshöher Schloßkapelle als Aufführungsort tun sie’s denn auch nicht, um anschließend auf einem Weingut für die Verwandten und Bekannten ein Essen aufzufahren und sich von all den Lieben bespaßen zu lassen – wenigstens einen Tag im Leben! Klosteranlagen sind für solche Feierlichkeiten ebenfalls ziemlich in Mode gekommen, schon weil sie viel Platz bieten und weil die Mönche, zumindest in südlichen Lagen, schon immer ihre Wirtschaft mit Weinkeltern (oder eben Bierbrauen) aufbesserten. Die bodenständigeren, realistischeren unter den zu Behaubenden sind auch mit dem Kirchlein im Nachbardorf und dem Karnevalsgasthof ums Eck zufrieden, und auf spielt dort dann der DJ, der schon die Nächte in der Hinterzimmerdisco beschallt hat, in der die Bräutlinge ihre wilde Jugend vertanzten, und es wird eine lange, lange Nacht werden.
Aber was stöhn ich hier herum – sollte ich mich nicht eher darauf besinnen, ebenfalls meine gesellschaftliche Pflicht zu erfüllen, und endlich all die Duos dazu einladen, auf deren Hochzeiten ich selbst schon getanzt hab? Nun – ich kann nicht, und das liegt einfach daran, daß mir, wenn mir der Zeremonienmeister, wedding planner oder Koordinator im voraus immer seine kreativen Ideen zu Hochzeitstischen, Geldgeschenken, Präsentkörben, Kochbüchern, Anekdotensammlungen, Gesangsdarbietungen, Kasperletheatervorstellungen, Knittelversrezitationen usw. per E-Mail schickt, nichts mehr einfällt.
Aber was soll’s. Bald ist es wieder soweit. Und es wird gewiß eine Superparty!


Patrick Wilden, 1. September 2006
ID 2631






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