Das wuchernde Fleisch der Stimme oder wie Gehörtes sich verschreibt
Reflektionen eines Blinden zur Stimme Ingeborg Bachmanns
Text: Gerald Pirner Bilder: Rosmarie Burger
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Erstes Protokoll
Der Mund/ Ausscheidungsorgan dessen was Haut und sonstiges aufnehmen/, in Worten zusammengehalten/ dass es nicht gleich herausläuft/ in ihren Abfolgen die Zunge verkettet/ diesen undressierbaren Pfropfen gegen Geräusch und Gehauch/ und noch herausgeschnitten windet sie sich auf den Boden/ um die Worte loszuwerden/ wie der Mythos von Philomela erzählt… Schwelle der Artikulation/ spitz platzende Speichelblasen hinter Zähnen und dann raus/ dass bloß nichts röchelt/ zungenhügelgeschnittener Atem und immer die Drohung zu ersticken ohne Worte/ oder ohne dass Laute zu solchen gepresst/ herausgepresst… Dergestalt zu Sprechen gekommen in etwas/ das immer schon vorher/ vor der Stimme und ihr voraus/ sie erwartend an ihr etwas vollstreckend/ um es loszuwerden um sie loszuwerden die Stimme das Sprechen… Fleisch hörbar eindringend/ oder Gehörtes als solches hereingetreten/ von wem auch immer/ verspeichelte Muskelkontraktion/ trockenes Geschnalz freilich nur gewispert/ unterbricht´s und ein Moment die Ahnung von Schlund mundhöhlenweit/ dass sie gefesselt sei/ die Stimme/ sagt sie/ diese Stimme von ihr/ die da spricht/ etwas Spitzes/ vielleicht die Zähne/ flachgehalten/ in jedem Falle eine monotone Höhe/ dass immer etwas zurückgehalten/ das schon/ das war zu hören/ das war schon zu hören/ in diesen Geräuschen/ von diesen Geräuschen/ war das zu hören/ oder wenigstens zu ahnen/ dreht lauter … Einsetzen einer Stimme/ bildloser Hörvorgang wörtlich genommen/ Ein-Satz als Pfand auch/ und drauf gesetzt/ wer oder was auch immer/ zumindest dass sie gehört werde/ dass da wer/ der sie hört… Setzt also ein/ beginnt… Worte… Sprechen… Von einer/ die nichts zu sagen habe/ wie sie später sagen würde/ sagen sollte eher/ sie tat´s ja und sagte/ dass sie keine Ansichten vertrete und Worte noch das/ sie einsetzend/ mit ihnen einsetzend/ die Stimme setzt ein/ setzt sich ein/ sich selbst/ Einsatz/ ein Satz…
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Rosmarie Burger, Durch Rückzug einem Strudel entgangen. 1989
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Die Grenze und die Öffentlichkeit
„Wir sind übertragbar und müssen das Beste übertragen, es scheint so beschlossen zu sein…“
„mehr mit einer Chiffre als mit einem Namen ausgestattet…“
Dass das sprechende Ich abwesend, ausgesprochen von einer mit Namen an seiner Statt, den jeder an dieser Stimme sofort erkannt haben wollte, damals schon, als sie noch davon sprach, dass das sprechende Ich nicht fassbar, erst recht nicht wenn es, wie in der Aufnahme, physisch abwesend. Sie und die Stimme mit Bildern zugekleistert, dass, wo beides schon nicht zu begreifen, wenigstens erkannt werden könne und Mann wisse wovon er spreche, von einer «elfenhaften Erscheinung» etwa, von einer «zerbrechlichen Gestalt» – noch Hans Werner Henze, Komponist und brüderlicher Freund, glänzte in Verbreitung derlei fürsorglich bemächtigender Männerphantasmagorie…
Zwischen den Todestagen von Brecht und Benn erneut feinsinnige Eigenschaftsbelegungen der Stimme einer Schriftstellerin, deren achtzigsten Geburtstages gedacht und die in einem Interview, wenige Wochen vor ihrem Tod 1973, vom eigenen Werk gefasst und zerrissen zugleich zu werden schien – gehen ohne wiederzukommen… Ortloses Bleiben, die Stimme als Tasten vorgeschickt, dass doch vielleicht noch ein Winkel Halt… Samuel Becketts Der Namenlose sprach da auch irgendwo – die letzten Zeilen dieses Romanes hatte sie bei einer ihrer Frankfurter Poetikvorlesungen zitiert, zitiert sie digital noch immer, wiederholt dies Zitat zitierend, ihre Stimme, die Aufnahme ihrer Stimme aufgenommen, nicht enden könnende Schleife: «über mich muss ich jetzt sprechen, auch wenn ich es mit ihrer Sprache tue, es wird ein Anfang sein, ein Schritt zum Schweigen, zum Ende des Wahns sprechen zu müssen und es nicht zu können…»
Eine Stimme Bild angezogen, mehr denn andere tat sie das, wurde ihr angetan, so bloß wie sie, und im folgenden Text versucht, sie genauso nackt zu halten, so un-menschlich zu hören wie sie sprach, wie sie spricht und was da spricht, ohne erneut Wesensgründungen aufzuspüren, zu oft schon sie dazwischen exekutiert… Gesagtes hier nur genutzt, um ihr nachzuspüren, nachzustellen womöglich, kein Mensch vor ihr vorab, kein Geschlecht, Geschichtsschichtungen vertikal durchbohrt, wo Daten und Maße einer Person, dieser Person, Bild dieser Person nachlesbar, und ihr Los und ihr Ende und ihre Verzweiflung und ihr Schicksal und ihre Liebe und ihr Leben und so weiter…
Unmenschlich dieser Stimme nachgehört, nicht von Außen, eher da, wo der Hauch zwischen Bändern und Zunge in Laut- und Tonkraft gepresst…Unmenschlich dieser Stimme nachgehört, um so viel als möglich von ihr aufzunehmen, aufzusaugen, von ihrer Aufnahme, deren Einverleibung an ihr gebrochen wo weder sie mehr noch die Sprecherin, noch der, der sie hört als von Eigenem zu sprechen vermag, aller Wesenheit entkleidet, außer der eines Tonträgers und um ihn herum errichteter Maschinerie, Fleisch Blut und Speichel taktet die gleich mit aus in Zeichen, von denen freilich auch gesprochen werden kann…In solcher Weise sich Hören verschrieben, sucht der Text zwischen Schriftlichem und Mündlichem eine Stimme nochmals zu bergen, deren Sprecherin immer offengelassen „was da spricht“, nur eines war dies für sie nie: eine Frau namens Bachmann…
Im Folgenden also werden weder Texte paraphrasiert noch rezensiert noch eine Stimme in Akzidenzien eingelegt oder in Substanz verpackt…
In Anführungszeichen ihre Zitate und die Reste meines Schreibens Protokolle dort hin zu kommen, Vorschläge, Wegmarken, immer wieder von anderen Richtungen her ihrem Verstummen entgegen, dem Verstummen der Stimme in ihrer Schrift nachgehört, bevor sie geht „Ich geh ja schon“ wie Undine endgültig geht, die da spricht, die da schreibt, unwiederbringliches Sprechen, unwiederbringliches Schreiben, unwiederbringliches Hören…
Zweites Protokoll
geschminkt sei sie gewesen
die Lippen zumindest sehr auffällig
auch die Fingernägel
und dass sie eine Handtasche getragen
vor sich hergetragen wie zur Abwehr
sehr elegant gekleidet
überhörte was da gesagt oder tat so
als sei sie beschäftigt
in ihrer Handtasche nach etwas suchend
darin herumwühlend
als ob sie nicht hätte hören können was er gesagt
vielleicht hatte sie es gehört
wühlte deshalb in ihrer Handtasche herum
um es nicht gehört haben zu müssen
als sie da saßen nachdem sie hereingekommen
ganz elegant gekleidet
unangemeldet
und jetzt hätten sie da gesessen
noch in diesem Moment wie gesagt
saßen sie da
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Rosmarie Burger, Vor der Aufgreifschwelle. 2001
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Grenzen des Auftretens
„Soll sich doch einer den Kopf darüber zerbrechen, warum ich des Weges komme und ihn anhalte und ihn anschreie, und soll sich doch einer fragen, auf welchem Weg mit meinen Gedanken, ich noch stürzen werde, wenn ich wieder aufstehe nach diesem Fall…“
Die Bachmann weine ihre Gedichte, meinte da einer und ein anderer zu anderer Zeit fügte tränenlos hinzu und er horcht, hört die Stimme von der da gesprochen, zugesprochenen Eigenschaften entsprechend nach, horcht er hin und wiederholt gehört und gehorcht bis aufhört, was vorab sie vereignet… Bloß und kahl ohne Nähe und Ausdruck - eine Stimme, die in Schrift hineingehalten, buchstäblich befallen sie, mündliches Monoton zeilenlang ausgetaktet, allem als eigen Vermeintem wie ihren Gedichten fremd gegenüber und auf Distanz… Erbrochener Wände nach Gehör sich verschafft, Fluchtbildreflex eines Gesichtes so glatt abgezogen, dass selbst es daran Halt – einzig dem Erblindeten ist es längst mit anderen verlaufen und die Stimme löst da auch nichts mehr heraus… Dem, was widersteht eignet keine Gestalt woran es an sich ja bereits ausgehebelt – der Utopos ist wirklich Nicht-Ort und „über Grenzen sprechen“ behält solche ja gerade bei sich und das, wie zu hören, ganz wörtlich… Gleichförmiger Ton in keinen Ausdruck versperrt, offen gelassen das Sprechen, dass auch eindringe, was gewaltsam sonst sich Zugang verschaffte, Erinnerungsbilder etwa, wie die an den Einmarsch der Faschisten in Österreich „das war etwas so Entsetzliches, dass mit diesem Tag meine Erinnerung anfängt“.
In den Gedichten die Stimme von der Schrift imprägniert und durchlässig gehalten zugleich, wo aber wie in Interviews, sie ihr entzogen, reißt Momente lang Grauen etwas in Zeit, dessen Klaffen nicht mehr vergeht… Existenzabgründe gegen existente Gräuel ausgespielt, Verrat der Sprache darin, den auch das An-Lesen der Dichterin gegen ihn nicht zu verhindern vermochte - im Gegenteil: zur Dichterin schlechthin stilisiert (sprich verharmlost) durfte, so ihrem Schreiben sie im Ernst verfallen, Dichtung nicht mehr fortgeschrieben werden… Tatsächlich sollte der Anrufung des Großen Bären Jahre später nur noch Böhmen liegt am Meer…
Dichtung von der Autorin gelesen – auratische Konstruktion des Authentischen, haftet doch immer die Vorstellung letzt gültiger Interpretation an ihr und noch (paradox genug dies) an ihrer Aufnahme und deren technischen Reproduktion… Von Stimme versicherte Schrift und umgekehrt, in Bildern sie sprechend zu einer Zeit, da kein solches vor Auschwitz mehr hielt, diese Stimme, sie stieß sie auf, schritt ohne im Ausdruck sich ihnen zu nähern ganz blind durch sie durch, ihr Dunkel atmend, von dem sie geführt… In mehrerer Hinsicht ein gefährliches Unterfangen: nicht allein, dass die Schrift im Sprechen vom Leib ihr zu halten, sollte doch zugleich auch reiner Genuss in der kühlen Monokromie der Stimme weggesprochen werden, was gehörig misslang: denn gerade ihre Stimme schien das verfälschende Bild einer ins Innerliche gekehrten Schriftstellerin zu verfestigen, von der, und dies der höchste Verrat an Ingeborg Bachmann, zeit- und geschichtslose Dichtungskonsumtion im Nachkriegsdeutschland wieder hoffähig gemacht.
Viele Wandlungen sollten der Stimme Ingeborg Bachmanns von ihrem Schreiben angetan werden oder genauer: viele Stimmen lasen sich aus ihrer Schrift im Sprechen heraus… Ab-Gründe hierfür, wie auch für den Entschluss, nach Anrufung des Größen Bären keine Gedichte mehr zu schreiben, liegen nicht zuletzt in der Erfahrung, das dichterische Wort als Nicht-Ort, als Utopos sei allzu leicht in Gestalt zu verraten. Bemerkenswerterweise wurde Bachmanns Prosa im Gegensatz zu ihren Gedichten lange Zeit ignoriert. Lieber suhlte Mann sich in «todessüchtigen Bildern» von einer «zerbrechlichen Fee» vorgetragen, die oben drein «recht hübsch» gewesen sei und «hochgradig nervös» gerade so wie der Spießer Dichterinnen sich ausmalt. Von solchen Groschenheftklischees zwar entfernt, treibt das Bachmannbild aber auch noch 2006 manchem Mann die muntersten Phantasmen ins Hirn: wenn da etwa, und in einem Satz, vom «Covergirl» gesprochen, das die «deutsche Literatur befruchtete», purzelt immer noch zwischen Playboyhäschen und Besamerin alles Männermögliche durcheinander.
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Drittes Protokoll
Hörbar der Blick in ihrem Lesen/ die Hand vom Blatt zu sich gezogen und die streift knapp geschnitten drüber/ ausgeschlossen Vermeintes holt Körperteile geräuschbezeugt wieder rein/ den Kopf hoch für Seitenanfang/ ohne Veränderung die Stimme obschon versetzt markiert ins Geschriebene sofort/ Textmaterial beides/ in Teilen Körperaufbau zu hören gesucht/ schmeckt statt dessen Gesagtem nochmals nach so als höre sie mit dem Mund/ kein Wunder also dass Akustik Wissenschaft werden musste/ wie sonst würde man solch Gewucher wieder los… Lippen/ lauthegende Ich-Form abgepresst zu Verrat nicht gelungener Geräuschunterdrückung/ so dass Körper die Stimme von hinten überschwemmt und das Sprechen eher von anderen Organen besorgt wird… Speichel wie Luft/ zu wenig Halt so als ob sie abhauen/ nervös nannte man sie/ aber von Person ist da keine Rede/ wo Sich „zum Untersuchsfeld des Ich“ gemacht wird/ die körperliche Stimmproduktion/ von der Sprecherin auszuschließen versucht/ holt die Stimme solcher Art wieder ein/ und Schlucken als letzter Versuch einer Gegenwehr/ bleibt trocken am Gaumen hängen/ noch bevor es über Misslingen sich schiebt…
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Rosmarie Burger, Mals VIII. 1991
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Grenzen und Nicht-Orte„Grenzt hier ein Wort an mich, so laß ich’s grenzen.
[…]
Bin ich’s, so ist’s ein jeder, der ist so viel wie ich.
Ich will nichts mehr für mich. Ich will zu Grunde gehen…“
Sprache, was bleibt und gegen das angesprochen, was uns überlebt, unser Sterben bezeugt, wie unsere Ekstase und dass beides so nahe beieinander… Kein Über-Setzen der Schrift ins Mündliche, eher eine Verdoppelung um durch solcher Art Spiegel dem Geschriebenen zu entkommen… Buchstäblich vielstimmiges Lauern eines dionysischen Chores, den lautes Lesen wohl austreiben sollte, die Schrift, ihr Schweigen etwas Unheimliches seit der Antike, die Heraklit, der schweigend las, den Dunklen nannte… Der Ausdruck, Gestalt ihr, um sie zum tragischen Ende zu führen, weist der Stimme die Katastrophe zu, aber auch die verstummt, gehört sie nicht Orpheus, dessen Schädel -abgetrennt – singend durch die Gewässer treibt…
Unbeteiligte Distanz, mit keiner Expression die Bilder gereizt, von denen sie spricht, diese Stimme in deren gleichgültiger Monotonie sie erkalten… Entrückt märchenhafter Duktus, als hielten nur Kinder diese Bilder aus, und wenn sie von Indianern nicht wegzuspielen, berichtet es eine in Teilnahmslosigkeit gezurrte Stimme ohne Ton, die nichts erzählt um selbst nicht ins Erzählte gezogen zu werden. Hörbar die Zunge Worten nachgeleckt, dass nichts sonst über die Lippen, sie schluckt’s, trocknet es zu Härte und „O hätte ich nicht Todesfurcht!/ Hätt ich das Wort,/ (verfehlte ich’s nicht)“.
Das Sprechen an seinem Außen der Äußerung ledig, lässt buchstäblich die Schrift ein als seinen inneren Halt, den die Stimme blind zum Raum ihrer Behausung entleert. Dergestalt in Schrift zurückgezogen, verrät die Stimme der Bachmann kein Wesen. In der Tonhöhe kaum nach oben oder nach unten entglitten, so als begänne dort schon das, wovon sie spricht, duckt eng sie sich Zeile um Zeile an Schrift, die fremd wird dabei und fremder, um vor den eigenen Bildern die zu bewahren, die da spricht. Zurückgezogen in den Raum der Schrift, wo sie nichts verrät, durchquert unbeschadet sie Bilder des Todes und des Exzesses, die keiner hört, der ein «zerbrechliches Wesen» begafft. „Geh, Gedanke. Laß stehn, was steht, geh Gedanke!,/ von nichts andrem als unsrem Schmerz durchdrungen./ Entsprich uns ganz!“
Von solchem Inneren, das nichts mit Innerlichkeit gemein, und von dessen Grenze her geschrieben, war bereits in Bachmanns Wittgenstein-Essay zu spüren, wenn etwa davon gesprochen, dass „alles Denkbare, das das Undenkbare von Innen begrenzt“ auf das Unsagbare verweise. Die Stimme aber, weder in Ausdruck noch in Darstellung verschlossen, weder hin-gerichtete Priesterin noch beschwörend Mahnende, stößt, in die Schrift der Dichtung zurückgezogen, noch die Sprechende aus, lässt, derart geöffnet, an ihrer Statt ein Außen ein, das, gleichsam Sprache selbst, in ihr hörbar wird, ohne freilich bedeutbar zu sein: das Diktum Heideggers, über den die Bachmann promovierte, unausgesprochen erinnernd, dass nämlich «die Sprache spricht», und die Dichterin räumt ihr die Stimme leer. Zwischen solchem Schriftinneren und dem entleerten Sprechen aber, schiebt klingenscharf eine Grenze sich ein, von der in Vorträgen und Gedichten nur gesprochen, die in der schriftlich/mündlichen Verschränkung, in der Stimmwerdung des Geschriebenen einzig in Erscheinung tritt und das auch nur für Momente.
Wittgensteins Vorsatz schweigend zu philosophieren – im Sprechen der Dichtung solch Paradox zum Zerreißen lebendig, ohne alle Interpretation freilich und ohne alle Expression, die Stimme schriftgezügelt gegen sich gebrochen, buchstäblich ihren Gravuren nach in die Haut gepresst, ja geschnitten, dass da nichts entkomme, und schon gar keine Sprecherin: Körperreste von ihr hörbar, trocknes Atmen, den Mund noch mal auf, zungenverspeichelt und dass sie noch mal anhebt, stranglang gebändigter Laut, flach Atem durch die Nase und dann blendet man sie aus. „Wir aber wollen über Grenzen sprechen,/ und gehen auch Grenzen noch durch jedes Wort:/ wir werden sie vor Heimweh überschreiten“.
Viertes Protokoll
Sie spricht/ Verrat der Stimme in Worten/ sie sprechend/ aussprechend was sie verraten/ sobald sie nur zu sprechen anhebe Worte/ noch ihr Stammeln davon/ oder ein Schrei von dem man nichts wisse/ dass davon aber geschwiegen werden solle/ sie selbst damit einen zitierend/ einen anderen über den sie geschrieben/ gesprochen/ gelesen/ in anderem Zusammenhange sie hier zitiert/ nur ihr Sprechen hier wie gesagt/ und belegt noch/ eher aufgenommen/ dass sie das nicht sei/ auf dass sie es nicht mehr sei/ dass das aber vergessen/ so diese Stimme gehört/ zumal wenn die Sprecherin abwesend wie sie sagt/ jetzt zu hören davon sprechend/ dass die nicht anwesend/ die Sprecherin/ von solcher redend/ über sie aussagend/ die spricht ohne anwesend zu sein/ ihre Stimme/ das Gesprochene darauf verweisend/ dass sie nicht da ist/ nie wieder da sein wird/ aber und nicht nur dergestalt niemals anwesend war/ sagt sie/ die Stimme/ gehört/ ohne es allein herausgehört zu haben/ explizit ausgesprochen/ was er hörte/ gehört habe/ wiederholt es/ nochmals zu hören jeder Zeit/ er hört es/ hört sie/ diese Stimme einer Sprecherin/ darauf verweisend/ dass letztere immer schon abwesend/ wovon sie ja spreche/ und noch wo sie anwesend/ nicht da ist/ niemals da war
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Rosmarie Burger, Große Liegende. 1998
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Grenze des Flüssigen
„Wir stehen denken sprechen diesseits der Grenze, wir sind Grenze.“
„… denn bei allem was wir tun, denken und fühlen möchten wir manchmal bis zum Äußersten gehen. Der Wunsch wird in uns wach, die Grenzen zu überschreiten, die uns gesetzt sind.“
Die Stimme, schriftbesessen gefasst und von ihr noch Gedicht um Gedicht, als sei erst durch sie zu Hörbarem zusammengehalten wovon auch gesprochen werden konnte, wovon auch sie sprechen konnte, ins Sprechen zurückkommen konnte, die Autorin, die in Gesprächen freilich wieder alles Feste verlor, Worte hinunterschluckend, wo sie nicht passten, zwischen Speichel und Luft gestockt und dann doch wieder die Zunge, und dann doch wieder sprechen, und reden etwa davon, dass die Sprache den Schriftsteller erschrecke. „[Der Schriftsteller] muss im Rahmen der ihm gezogenen Grenzen ihre Zeichen fixieren und sie unter einem Ritual wieder lebendig machen.“ Kein Gedicht aber sollte der Stimme der Bachmann mehr ermöglichen, diesem „ Ich ohne Gewähr“ vom Nicht-Ort der Sprache her Grenz-Statt zu geben… Mit der Anweisung gegen sich Jetzt kein Gedicht mehr! schien das „Misstrauen gegen Sprache“ die Schrift aus dem Sprechen zu treiben, natürlich nicht in solchem Maße, wie in den Gesprächen, wo, aus ihr ganz zurückgezogen, die Stimme zwischen Flattern und Stolpern sich davon zu stehlen sucht und doch bleibt, weil sie dazu gezwungen, dazu verdammt zu sprechen.
In Undine geht etwa, einem Prosastück aus dem Erzählband Das Dreißigste Jahr bringt der Text die grammatikalische Position des Ich – unfassbar seit Benveniste – buchstäblich zum verschwinden und die Bachmann ordnet sich seinem Gesetz unter, indem ihre Stimme solch Verschwinden einfach wörtlich vollstreckt. Mündlich und Schriftlich sind hier nicht zu trennen, geschweige denn auf Stimme und Text verteilt. In seiner Endlosigkeit bedarf das Geschriebene der Stimme um zu verstummen, spricht es doch von nichts anderem, und ist doch nicht im Stande: der Satz Das steht da! lügt… Die Schrift hält nicht inne und nichts obendrein, inszeniert ihre ausgeschiedenen Reste als gerufener Raum und als Leib, der von dort ausgeht, oder hinausgeht wie Undine, die „keine Frau“, die vielmehr als Erscheinung des Exzesses gerufen werden will, und kommt, wenn ein Ort ihr gestaltfrei gelichtet: „Ich kam wenn ich kam, wenn ein Windhauch mich ankündigte, dann sprangt ihr auf und wusstet dass die Stunde nah war, die Schande, die Ausstoßung, das Verderben, das Unverständliche. Ruf zum Ende. Zum Ende […] Ihr Ungeheuer, dafür habe ich euch geliebt, dass ihr wusstet, was der Ruf bedeutet, dass ihr euch rufen ließt, dass ihr nie einverstanden wart mit euch selber.“
Bricht im Sprechen der Gedichte die Schrift im Mündlichen zu sich, scheidet in Undine geht der Text die Stimme und ihre Emotionalität gleichsam aus. Lösen aus der Enge des Text-Stimm-Gewebes sich die Bilder der Dichtung, da zwischen Schriftlichem und Mündlichem kein Platz mehr für sie, so entledigt sich in Undine geht das Geschriebene der Ich-Erzählerin in Gestalt eines grammatikalischen Terms, dem buchstäblich keinerlei Schwere an Bedeutung zukommt. Ich, nicht einmal mehr ein Anderer. Ich ist hier nichts und daran reflektiert alles an Welt, an Geschlecht, und an Verhältnissen und gerade so, dass es von ihm aus genichtet. Denn keine Handlung bleibt, und kein gerichteter Wille, eine im wahrsten Sinne bedingungslose Liebe ist dies Ich und wird von ihm eingefordert, gnadenloser Verrat, tiefste Einsamkeit und nur ein Wort „Komm“, von dem nie klar, wer es spricht, dies Ich oder Hans, denn so heißen sie alle, ein Name für den einen, den einzigen und den anderen und auch noch für den ganz anderen. Dies sprechende Ich begeht nur eine Handlung, die gar nicht begangen werden kann, es liebt und noch wo es davon spricht, ist nichts davon gesprochen, da niemand es hört, nur ein Wort : „Komm!“, das einzige und das einzig gemeinsame der Ungeheuer namens Hans und dessen, was in die Lichtung eintritt, etwa in einen ganz banal von einer kahlen Glühbirne „gelichteten“ Raum, so banal, dass er nicht mit Heideggers Seinslichtung zu verwechseln… Mensch als Mann und Ungeheuer im frauenausgepolsterten Handlungsraum, seinen Geschäften nach durchdekliniert des Tages „ihr mit eurem Wirtschaftsgeld“ - aber wenn sein Ruf gehört des Nachts und der „traurige Geist hervorgekehrt […], der von der Art, die zu keinem Gebrauch bestimmt ist. Weil Ich zu keinem Gebrauch bestimmt bin und ihr euch nicht zu einem Gebrauch bestimmt wusstet, war alles gut zwischen uns. Wir liebten einander.“
Undine ein Text um den Ruf, um das ungehörte Sprechen, im Zorn rückblickend die Stimme, die sie gehen lässt, das Erzählbare aufgezählt um das Ungestalte, Flüssige aus ihm sich ausschieben zu lassen, in Gestalt von „Ich liebte“ ein flüchtiges Subjekt hervorgebracht, um es in der Vergangenheitsform gleich wieder auszulöschen… Theatrale Inszenierung eines grammatikalischen Terms, zu sich Geschehen und Du rufend, ohne freilich etwas gesagt zu haben. Nur in Anwesenheit der zweiten Person ein provisorisches Da, kein er oder sie vermögen solches, wändengleich, durch die blindes Tasten fließt, solange von keinem Anderen angesprochen, er und sie von der Sprache selbst in Abwesenheit getrieben - und das immer schon - leisten solches nicht. Erst angesprochen erhält Ich Halt, für den Blinden der Moment wo einer oder eine sagt: Du bist! und vielleicht kommt dann ein Ort… Was also geht hier, wenn nicht der Text selbst, dem die Stimme und ihr Verstummen zum Ende verhilft, wenn nicht die Sprecherin… Anders aber als in den Gedichten, deren Rücknahme dort Schrift-Bilder in Einsamkeit gerufen, lässt Undine geht Welt, Geschlecht, Verhältnisse zurück die, aus Schrift ins Wirkliche getreten, Schrift-Wirklichkeit eigenem Fortbestand einverleiben. Insofern schreibt die Autorin vom eigenen Los, erschreibt dies Los sich, bringt es gar hervor, und den Fluch dieses Schreibens zutiefst gespürt: das, was vom Text gerufen, wird wahr. Stumm aber wehrt sich dagegen keine Schrift. Im Lesen sich zu entziehen versucht, hinterlässt sie auch da ihre Spuren. Auf solche Fährte gelockt, folgt auch das, was sie frisst: auch eine Bachmann ist eine Ware, zwischen Tausch- und Gebrauchswert vernutzt…
Ein letzter Versuch, verzweifelt er, und voller Zorn in der Stimme, die Schrift zum Schweigen zu bringen, dass mehr sie als nur stumm, dass sie aufhört, dass sie doch aufhöre, und so spricht diese Stimme erneut gegen ihr Geschriebenes, nur dieses Mal und nur noch dieses eine Mal, dass sie doch aufhöre, dass sie doch aufhöre weiter zu wuchern, dass sie doch aufhöre sich fortzupflanzen… Undine geht - und so wie die Stimme der Bachmann dies spricht - ging sie fortan nicht wieder. Etwas war vorüber und nicht nur die Dichtung.
Fünftes Protokoll
Auf ein Mal das Bild, es verdeckend, Hinterlassenes der Stimme, und darauf gelegt, hört eine Gestalt sich an. Erzählung darin zum Schweigen gebracht. Erst in Sprache wird es ertragbar – Zeit geworden darin, verdichtet in Beschreibung sein Rahmen sich, von dem lose es geschlossen, dass nicht alle anderen Bilder und auf einmal in es einstürzen, wie es dem Blinden geschieht, dem kein Bild ist, um sich der Bilder zu erwehren. Die ganze Haut ist ihm zu Auge geworden, und Gehörtes sucht vergeblich dessen Höhlen, Fleisch dabei endgültig freigebend, das nur in einem Bild zu Körper gehalten wird oder zu Organen, die Eingedrungenes so aufteilen, dass getan und gehandelt werden kann… Ob blind aber dann eine Stimme überhaupt hörbar? Natürlich sei sie das. Ein jeder Blinde, und auch der Autor dieser Zeilen - selbst vor Jahren erblindet – weiß dass er Stimmen hört, dass er auch diese Stimme hört, dass er viele Stimmen in dieser Stimme hört, das weiß er auch, dass all diese Stimmen von einem Namen gerufen, der sie allerdings weder halte noch ihnen Ort, der lediglich eine Markierung bezeichne, von der aus über sie zu sprechen, in Stimme, diese Stimme werdend ohne sie sich einzuverleiben, täte sie es auch gerne, diese schlingende, die Stimme in Stimme sich der Stimme entziehend, und vor allem der, die von ihr spricht, von ihr her spricht ohne dort hin zu kommen wovon her sie spricht. Einzig ein Bild also, sich ein Wort unterwerfend, hält die Stimme künstlich einzig…
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Rosmarie Burger, Am Wahrnehmungsrand. 1992
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Grenze und Bild
„Da das logische Bild aber der Gedanke ist, ist alles, was denkbar ist, auch möglich.“
Ohne Bild ist die Stimme nie in Einzahl. Wo aber ihr reines Hören angestrebt, bringt der vermeintlich notwendige Ausschluss des Bildes das Bild umso dringlicher in Erscheinung.
Von einem Lob der Blindheit und einer Befreiung vom Körper her suchte Rudolf Arnheim in den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mittels Rundfunk zur reinen Hörkunst vorzustoßen, die mit Blindheit als spezifischer Wirklichkeitsproduktion freilich nichts zu tun haben wollte, sie in der Askese des Werkes lediglich idealisierte: «Während also der Hörer beim Hörspiel das ruhige Gefühl hat, dass er den Vorgang vollständig auffasst, fühlt er sich vor der Übertragung als Krüppel.» Diesen «Krüppel», der, wie im richtigen Leben, «andere Leute nur hin- und hertrappeln hört», sucht der Autor in vollständig akustischer Austrocknung eines Studioraumes, aus welchem die Stimme «losgelöst von allem Körperlichen der Schallquelle durch den Lautsprecher» empfangen werden könne, loszuwerden. Abgesehen vom Movens eines Authentizitätswahns, zielt Arnheims Eliminierung der Produktionsgeräusche aus der Produktion auf die Austreibung des unerwünschten Bildes aus dem Hören, ist dessen Einbruch doch das, was unsere vollständige Wahrnehmung in seinen Augen «verkrüppelt». Einerseits wird da also das Hören an zu Erkennendes und an Sinn gebunden, dieser aber in seiner «Vollständigkeit» am Optischen gemessen, so dass einzig die Kunst zur Hervorbringung «reinen Hörens» und «vollständigen Hörens» geeignet erscheint. Die Trennung von Hören und Sehen wird hier nur scheinbar verfolgt, stellte sich sonst doch das Problem der «gegenseitigen Verkrüppelung» der Sinne erst gar nicht ein da beide - jeder für sich - eine ganz spezifische Wirklichkeit hervorbringen. Dem Sinn, dem Erkennen, der Wahrnehmung unterworfen richtet das Akustische wie das Optische gleichermaßen einen Hörenden oder einen Sehenden darauf ab, lediglich Referenzen zu bestätigen. Das «reine Hören» produzierte so erst die «Verkrüppelung» akustischer Kreativität, die eigentlich mit ihm vermieden werden sollte. Das nicht gewollte Geräusch bei Arnheim, das Bilder evoziert, stört ja nur deshalb, weil es die präzise Aussage verunmöglicht, und den Rezipienten zur Gehorsamsverweigerung gegenüber dem Künstler verleitet, indem es zu seiner Eigenständigkeit beiträgt.
Auf Bachmanns Lesungen ihrer Gedichte übertragen kann nach Arnheim nur von Scheitern gesprochen werden, und das ist auch gut so, denn im Gegensatz zu einer vorab bildabgedichteten Hörproduktion dringt im Lesen der Bachmann ein Außen ein, das sie immer und immer nur ins Scheitern treiben kann, und diesem Scheitern entzieht sie sich nicht. Wie oft war sie gescheitert, und gerade dadurch so lebendig, und gerade dadurch so körperlich, so letztlich unidealisierbar, so un-abbildbar.
Sechstes Protokoll
Sie zitiert/ aktiv passiv in einem/ vorgetragen wie dies sprechende Ich verschwinde/ verschwunden sei/ oder zum Verschwinden gebracht in Literatur/ und erst recht in technisch reproduzierter Lesung/ aber dass überhaupt dies Ich/ diese Myriaden von Partikeln/ diese Wahrheit/ oder dies als Wahrheit genauer zumutbar/ ob sie das meinte/ als sie davon sprach dass die Wahrheit den Menschen zumutbar/ dies sich Entziehen des Ich/ ja der Stimme noch/ obschon wiederholt sie gehört/ wiederholt sie zu hören/ wiederholt sie hörbar zu machen/ die Aufnahme nochmals/ dass sie zu erkennen/ dass sie aber nicht sei was da erkannt/ das war nicht sie/ dass das die Wahrheit als Frage an das was gesagt/ an das was gehört/ diese Wahrheit/ die sich zugleich auch entzog/ denn sie war es doch/ oder war sie es nicht/ was er da hörte/ diese Stimme aus dem Lautsprecher/ er erkannte sie doch/ obschon sie es nicht sei/ niemals gewesen sei/ und so niemals hätte gewesen sein können
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Rosmarie Burger, An Lehmbruck III. 2005
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Grenze und Körper
„Ein Geschöpf, über das die Boulevardpresse zu schweigen hat, weil jedes seiner Sätze, sein Atemholen, sein Weinen, seine Freude, seine Präzision, seine Lust daran Kunst zu machen ein Tragödie […] außerordentlich allein ihr Atemholen, ihr Aussprechen. […] sie wird nie vergessen machen, dass es Ich und Du gibt, dass es Schmerz gibt, Freude, sie ist groß im Hass, in der Liebe, in der Zartheit, in der Brutalität […] sie war groß in jeder Geste, in jedem Schrei, in jeder Bewegung […] Sie hat nicht Rollen gesungen, sondern auf der Rasierklinge gelebt, […] sie war immer die Kunst, sie war immer ein Mensch, immer die Ärmste, die Heimgesuchteste, die Traviata“
Anders als etwa Paul Celan, der die Tonhöhe im Sprechen seiner Gedichte dadurch zu wahren versteht, dass er sein Sprechen an der Grenze zum Singen ansiedelt – wo auch immer der Vortrag aufgenommen sie klingen wie einer – wird in Bachmanns Sprechen zwar der Wille zu Distanz und Monotonie hörbar, zugleich aber auch unterschiedliche Orte, an denen gesprochen, unterschiedlichste Verfassungen der Leserin und ob sie sitzt oder steht, wie der Kopf gewendet, ob er bewegt oder gehalten, ob im Studio gesprochen oder im Rahmen eines Vortrags: Räume, Akustik spielen sich ein, Geräusche des Publikums, unterschiedliche Nähe zum Mikrophon und unterschiedliche Nähe des Mikrophons zu verschiedenen Körpergeräuschen, der Lippen, der Nase, der Mundhöhle, der Hand, Kleidergeraschel, ein dumpfer Schlag … Vor allem aber die Tonhöhe – von Gedicht zu Gedicht ständig wechselnd erhält ein jedes von ihnen eine individuelle Prägung, die die Nähe des Sprechens zur Schrift auszutreiben beginnt. In solcher Heterogenität sucht die Schrift der Stimme sich zu entziehen, sie zu verwerfen, sie ins Haltlose zu treiben. Ungewollt und ohne dass solches überhaupt zu inszenieren, bricht in solchem Scheitern die Sprache erneut ein und bricht ein in der Wucht, in der alles Sprechen vor ihr zerbricht. Mündliches Schriftliches, zu ihrem Einlass fest verzurrt – ausgeborsten zu Fetzen, die nicht einmal an ihr Ende hinreichen…
Arnheims Konzept einer «akustischen Askese», im Digitalen heute möglich, triebe in der Tat Geräusch und Körper aus der Stimme der Bachmann und sie selbst zu akustischem Hochglanz. Was störend oder «verkrüppelnd» einbricht, den «Genuss» beschädigend – nichts als zu hören ist es. Bilder sieht nur der, der der Verstörung des Geräusches zu entkommen sucht. In unserem Sprechen vor der Sprache sind wir nichts als verstümmelt und die Bilder, von solchem Male hervorgerufen, beschädigt sind sie und ohne Rahmen, laut schreiend sich noch ins Hören der Blinden ergießend, unfassbar und von dem zeugend, was immer unfassbar bleibt: der Sprache im Sprechen. Ingeborg Bachmann las ihre Gedichte um dies zu bezeugen.
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Gerald Pirner - red / 19. Oktober 2006 (Bilder: Rosmarie Burger) ID 2743
Ingeborg Bachmann liest beim Hörverlag erschienen:
Ingeborg Bachmann
Erklär mir, Liebe
Gedichte 1948-1957
Autorisierte Lesefassung
Ingeborg Bachmann
Anrufung des Großen Bären
Gedichte und Prosa 1956 bis 1961
Ingeborg Bachmann
Todesarten
Gedichte und Prosa aus den Jahren 1964-1966
Autorisierte Lesefassung
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