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Kulturspaziergang

Luxemburg

Teil 1



„Harmonie zwischen Vergangenheit und Gegenwart“

Mit 46 Prozent verfügt das Großherzogtum Luxemburg über den mit Abstand höchsten Ausländeranteil in der EU und hat trotzdem einen ungebrochenen Zugang zur eigenen Kultur, verbunden mit einem offenbar sehr gesunden nationalen Selbstwertgefühl seiner Einheimischen. Daran mag die gemeinsame Sprache, das Lëtzebuergesch, einen Anteil haben, das seit 1984 neben der deutschen und französischen auch als Nationalsprache anerkannt ist, und der Katholizismus, die nahezu einzige Religion der hiesigen Bevölkerung. Ganz hervorragend sind auch die regionale Küche und die Weine aus den eigenen Anbaugebieten. Die Mannigfaltigkeit der lieblichen bis hin zur schroffen Landschaft spiegelt die Vielfalt des Landes wider. Über die Jahrtausende galt es mehrere Fremdherrschaften zu überstehen, trotzdem sind die etwas über 300.000 Luxemburger bei allem Traditionsbewusstsein weltoffen und gastfreundlich. Als Gründungsmitglied der EU und als ein bedeutender internationaler Finanzplatz ist das natürlich auch notwendig.

Ein Felsvorsprung, Bock genannt, und die tiefen Täler mit den Flüssen Petruß und Alzette waren ideale Voraussetzungen, hier eine Befestigungsanlage zu errichten, und so wurde die Stadt Luxemburg zum „Gibraltar des Nordens“, der stärksten Festung Nordeuropas. Heute bestehen nur noch rund 10 Prozent der riesigen Verteidigungsanlage, die über ein ausgedehntes Tunnelsystem verfügt. Die Bock-Kasematten gehören zum UNESCO-Weltkulturerbe und sind einer der Anziehungspunkte für Touristen. Kanonen, unterirdische Gänge, eine archäologische Krypta und fantastische Aussichtspunkte machen den Rundgang zu einem Erlebnis. Hier beginnt auch der Wenzelrundweg mit Blick auf die Altstadt, die Wenzelmauer und das Tal der Alzette. Wer nicht zu Fuß gehen will, kann eine Rad- oder Segwaytour machen, den „Hop-on Hop-off“-Bus nehmen oder den Pétrusse-Express. Corniche ist der „schönste Balkon Europas“ mit Blick auf die Heiliggeist-Zitadelle und die Unterstadt. Die Adolphe-Brücke mit ihren Steinbögen war lange nicht zu sehen, weil sie saniert wurde. Jetzt braucht es noch einige Zeit, um die vielen Gerüste zu entfernen, aber man kann die Brücke schon wieder erkennen.



Luxemburg war lange Zeit eine Festung. Die Bock-Kasematten sind noch zu 10 Prozent erhalten | Foto (C) Helga Fitzner


Das Casino in der Innenstadt wurde schon vor etlichen Jahren geschlossen und ein neues in Mondorf-les-Bains errichtet. Das alte Gebäude in der Rue Notre-Dame wurde umgebaut zu einem Forum für Gegenwartskunst, Forum d'art contemporain. In dessen BlackBox läuft bis zum 29. Mai 2017 noch die Installation Looking for the Clouds – Contemporary Photography in Time of Conflict. Darin setzen sich die Künstler Anush Hemzehian & Vittorio Mortarotti, Ibro Hasanovic und Sven Johne mit den Folgen der Anschläge vom 11. September 2001 auseinander. Die Kriege in Nahost führten zu einer Flüchtlingswelle, und viele Menschen kamen, die ihre große Hoffnung auf Europa setzten. Dort aber erwartete sie die Finanzkrise und Länder im Umbruch. Der Krieg gegen den Terror führte zu neuen Überwachungsstrategien und Kontrolle auch durchschnittlicher Bürger. Der Titel Looking for the Clouds spielt auf den kritischen Blick nach oben an, seit dem zunehmenden Einsatz von Drohnen. Wolkenbetrachtung ist für die Künstler kein romantischer Zeitvertreib mehr, sondern ein Ausdruck von Furcht. Je nach Herkunft und persönlichen Erfahrungen vermittelt jeder Künstler seine ganz eigenen Eindrücke.

Im selben Gebäude kann man sich im französischen Restaurant Ca(fe)sino kulinarisch mit saisonalen Köstlichkeiten verwöhnen lassen, derzeit gibt es wunderbaren Spargel. Quer durch die Mitte des Lokals zieht sich ein Neon-Kunstwerk von Claudia Passeri mit dem Titel Zeitgeist: Karl Cobain. Es handelt sich um die grafische Übertragung von Schallwellen des ersten Satzes aus dem Kommunistischen Manifest von Karl Marx „Es geht ein Gespenst um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“ und von Kurt Cobains Interpretation The Man Who Sold the World. Passeri führt hier zwei verschiedene Epochen und Ideologien zusammen und ist eine von mehreren Künstlern, die das ehemalige Casino umgestaltet haben.

Der junge und teilweise noch in der Entstehung befindliche Stadtteil Kirchberg ist unweit der Innenstadt Luxemburgs gelegen und besteht überwiegend aus Bürogebäuden und funktionaler Architektur. Es ist ein Versuch, den Verkehr im Zentrum zu beruhigen, und hier werden gerade Gleisanlagen für eine Straßenbahn und ein neuer Bahnhof für die vielen Pendler gebaut. Doch eng beieinander finden sich selbst hier ein paar architektonische Perlen.



Die Philharmonie Luxemburg wurde von Christian de Portzamparc erbaut | (C) Wade Zimmerman / Philharmonie Luxemburg


Die Philharmonie am Place de l'Europe am Kirchberg wurde von dem Franzosen Christian de Portzamparc erbaut. Im Sommer 2005 eröffnet, ist sie seitdem auch Heimat des Orchestre Philharmonique du Luxembourg (OPL). Die Form ist elliptisch, und 823 weiße Säulen geben dem Gebäude seine ungewöhnliche Form. Tagsüber kann man hinausschauen, aber nicht hinein, und am Abend leuchtet die Philharmonie von innen wie eine bunte Laterne. Das Haupt-Auditorium ist erstaunlicherweise sehr altmodisch wie ein Schuhkarton gebaut, mit Sitzen an den Seiten und der Loge für die großherzogliche Familie am weiten Ende gegenüber der Bühne. Die Akustik ist besonders gut, was auch daran liegt, dass sich der Architekt eine Klimaanlage der besonderen Art ausgedacht hat. Anstatt einer großen findet man unter jedem Sitz eine seltsame runde Vorrichtung. Das sind Hunderte von kleinen Mini-Klimaanlagen, die weder zu hören noch zu spüren sind, aber geräuschlos für gute Luft sorgen. - Das Programm ist bewusst sehr weit gefächert. Es gibt viele Begleitveranstaltungen und rund 180 Vorstellungen für Kinder und Jugendliche im Jahr.

Hinter der Philharmonie wurden 71 Bäume gepflanzt, 28 davon stehen für die Mitgliedstaaten der EU und sind entsprechend gekennzeichnet. Keine zwei Minuten zu Fuß entfernt, befindet sich das Hotel Meliá, das einzige Biosphärenhotel im Großherzogtum, dessen trapezförmiger Grundriss sich wunderbar in den Place de l'Europe anpasst.

Einer der führenden internationalen Bildhauer ist der aus Liverpool stammende Tony Cragg, der überwiegend in Wuppertal lebt, wo er den Skulpturenpark Waldfrieden erschuf. Ihm ist im angrenzenden Mudam, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, die Ausstellung Tony Cragg gewidmet, die noch bis zum 3. September 2017 zu sehen ist. Diese soll keine Retrospektive sein, sondern die Vielfalt und Dynamik seines umfangreichen Werkes beleuchten. Cragg benutzt so ziemlich alle Materialien, darunter Plastik- oder Holzabfälle, Baustoffe und Glas. Nach eigenen Angaben ist die Bildhauerei seine Art mit der Welt umzugehen, neue Formen zu finden und Fragen über die Wirklichkeit zu formulieren. „Wir haben eine derart schlechte körperliche Beziehung zu den Dingen und Materialien, die wir herstellen, dass es beinahe beschämend wirkt, das Metaphysische, das Poetische und das Mythologische in Betracht zu ziehen“, wird er auf der Webseite zitiert.



Musée d'Art Moderne Grand-Duc Jean, Mudam Luxemburg erbaut von Ieoh Ming Pei | (C) Christian Aschman


Der chinesisch-amerikanische Architekt Ieoh Ming Pei erbaute das Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, das auch ohne Exponate von Cragg oder anderen schon sensationell ist. Es sollte ursprünglich auf den Ruinen des Forts Thüngen erbaut werden, was aber von einer Bürgerinitiative verhindert wurde. Heute befindet sich dort das Musée Dräi Eechelen, und Ieoh Ming Pei hat das Mudam direkt an die Grundmauern der Festung gebaut. Sein Museum hat einen Turm, ähnlich einer Festung, nur dass der Turm und ein Teil des Dachs durchsichtig sind, was zu ständig wechselnden Lichtspiegelungen führt. So ist es gelungen, eine stilvolle Einheit von alt und neu zu erschaffen. Ieoh Ming Pei äußerte sich zu seiner Arbeit an dem 2006 eröffneten Museum: „Am meisten hat mich das Wechselspiel zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Vergangenheit und Zukunft fasziniert. Die Vergangenheit ist durch das Fort Thüngen mit den Drei Eicheln gegenwärtig... Was mich interessiert, ist die Frage, wie man eine Harmonie zwischen Vergangenheit und Gegenwart schaffen kann, in der sie sich gegenseitig verstärken.”

Diese Verbindung von Tradition und Moderne gelingt den Luxemburgern immer wieder, und wahrscheinlich resultiert daraus auch ihre Stärke.

[Weitere Ausflüge führen uns nach Belval, Vianden und in das Müllerthal.]


Helga Fitzner - 21. April 2017
ID 9978
Weitere Infos siehe auch: http://www.visitluxembourg.com/de


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