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Kulturspaziergang

Drei Hotspots

in Dublin

und Umgebung



Die Statue von Molly Malone in Dublin | Foto (C) Helga Fitzner


Das Gefängnismuseum Kilmainham Gaol

Wer irische Geschichte hautnah erleben will, geht in Dublin bevorzugt in den Knast. 1796 erbaut, beherbergte das Gefängnis Kilmainham Gaol so ziemlich alles, was an irischen Unabhängigkeitskämpfern Rang und Namen hatte, und viele unbekanntere Rebellen auch. Ab ungefähr 1790 verstärkte sich in Irland der Widerstand gegen die englische Vorherrschaft, was auch zunehmend gewalttätigere Formen annahm. Als in den Jahren 1845 bis 1852 die Große Hungersnot ausbrach, weil mehrere Jahre in Folge die Kartoffelernte durch Fäulnis vernichtet wurde, griffen die englischen Verwalter nicht ein, und es starben eine Million Iren an Hunger. Die Engländer verboten das Betteln, und das Stehlen von Brot wurde mit Gefängnis bestraft. Einer der jüngsten Brotdiebe in Kilmainham Gaol war fünf Jahre alt. Frauen und Kinder waren keine Seltenheit, denn die Mütter brachten ihre Säuglinge und Kleinkinder mit ins Gefängnis. Während der Großen Hungersnot ließen sich besonders viele Iren beim Stehlen erwischen, um verhaftet zu werden. Es bestand die gesetzliche Verpflichtung zu mindestens einer kleinen Mahlzeit pro Tag für die Häftlinge. Das war mehr, als es draußen zu essen gab und sicherte das Überleben. Die Haftbedingungen waren wegen der Überfüllung aber eine Katastrophe.

Waren zu Anfang etwa 90 Prozent der Insassen Kriminelle, änderte sich das im 20. Jahrhundert. Nach dem Osteraufstand von 1916 waren besonders viele Rebellen eingesperrt, und die Gefängnisregeln wurden verschärft. Die politischen Häftlinge befanden sich in Einzelhaft, und es bestand ein allgemeines Redeverbot. Wer nicht bereute und sich wieder Gott zuwandte, hatte drastische Strafmaßnahmen zu erwarten, zum Beispiel drei Tage Dunkelhaft. Die Haftbedingungen in den winzigen, kalten und feuchten „normalen“ Zellen müssen schon eine Tortur für sich gewesen sein.



Es gab Zeiten, da war der Aufenthalt in Kilmainham Gaol besser, als an Hunger zu sterben | Foto (C) Helga Fitzner


War die allgemeine öffentliche Meinung zu Anfang überwiegend auf Seiten der Engländer, änderte sich das nach dem für die Iren fehlgeschlagenen Osteraufstand 1916. Die massenhafte und brutale Hinrichtung von Widerstandskämpfern führte nicht so sehr zur Abschreckung, sondern zur Anteilnahme. Einer der Todeskandidaten lag sterbend im Krankenhaus und wurde ins Gefängnis verbracht. Weil er nicht stehen konnte, wurde er an einen Stuhl gebunden und hingerichtet. Man kann durchaus sagen, dass in Kilmainham Gaol Geschichte geschrieben wurde und mithalf, die Unabhängigkeit zu erlangen. 1924 wurde das Gefängnis geschlossen und verfiel. Eamon de Valera gehörte zu den letzten Insassen der Haftanstalt. Er wurde 1959 Präsident von Irland und weihte 1966 das restaurierte Kilmainham Gaol als Museum ein. Heute muss man wegen der großen Beliebtheit möglichst früh Tickets buchen, um überhaupt herein zu kommen (Brot stehlen nützt nichts mehr). Neben der Tour durch die Anlage gibt es auch ein Museum mit etlichen historischen Artefakten und ein modernes Café.

Eine der berühmtesten Insassinnen war die Politikerin und Frauenrechtlerin Gräfin Constance Markievicz. Deren Büste steht auch im wunderschönen Park St. Stephen's Green, der ebenfalls Schauplatz des Osteraufstands war, was dort an verschiedenen Stellen dokumentiert wird. Die irische Geschichte, die lange Zeit von den Engländern geschrieben wurde, ist in Dublin überall aus irischer Sicht dokumentiert. Auch die gälische Sprache ist auf Anzeigetafeln und im Stadtbild überall zu finden. In der Dublin City Hall, die in der Nähe des Dublin Castles zu finden ist, gibt es eine ansehnliche kostenfreie museale Ausstellung zur irischen Geschichte.



Teeling Distillery

Eine “Auseinandersetzung” der anderen Art ist die Vorherrschaft über den Whiskey. Sowohl die Schotten als auch die Iren beanspruchen die Erfindung des Gebräus für sich. Irgendwann haben Mönche, seien sie nun schottischer oder irischer Abstammung, im Orient die Kunst des Destillierens gelernt. Das haben sie dann auf ihr bis dahin bekanntes Gerstengetränk angewandt und den Whiskey erfunden.

Die Teeling Distillery ist seit 230 Jahren in dem wechselvollen Geschäft und gehört zu den Distillerien, die sich einem hohen Anspruch und der irischen Tradition verschrieben haben. So verwenden sie Gerste, die in Irland angebaut wird, produzieren aufwändig, teuer und gut. Bei Teelings hat die Qualität den Vorrang gegenüber der Menge. Sie haben einen Teil ihrer Produktion mitten in Dublin in der Nähe der St. Patrick's Cathedral. Damit ist die Teeling Distillery die einzige von mehreren in Dublin, bei der der Produktionsvorgang innerhalb von Dublin gezeigt wird, darunter die Fermentierungskessel und die drei riesigen Kupferkessel zum dreifachen Destillieren, die bei Teelings nach den drei Töchtern des Inhabers benannt wurden. Die Wärme und der würzige Duft, wenn man dort eintritt, sind einfach herrlich. Man kann das Brodeln beim Gärungsprozess der Gerste durch ein Glasfenster anschauen und bekommt einen lebhaften Eindruck von der sorgsamen und langwierigen Herstellung.



Für einen guten Whiskey braucht es mehrere Destillationsprozesse | Foto (C) Helga Fitzner


In einem weiteren Raum wird man eingeladen, mehrere Weinfässer zu beschnuppern. Je nachdem, welcher Wein vorher in den Fässern gelagert wurde, nimmt der Whiskey später dessen Aromen an. Die Tourleiter nehmen sich viel Zeit dafür, denn nachher beim Verkosten von drei Whiskeysorten wird das Erlernte praktisch angewandt. Die Besucher lernen, mit offenem Mund an den Gläsern zu riechen, um die verschiedenen Aromen zu identifizieren, die den Weinen ähnlich sind. Danach wird ein Schlückchen pur gekostet. Die besten Geschmackseindrücke erzielen gerade Anfänger, wenn man zwei Tropfen Wasser in den Whiskey gießt, dann entfaltet sich seine Vielfalt. Das geht von Fruchtaromen über Gewürze bishin zum Geschmack von dunkler Schokolade. Wer erfahren will, wie der Angel's share, der Engelsanteil zustande kommt, wie die benötigten Weinfässer besorgt werden und was für Voraussetzungen sie haben müssen, sollte auch hier rechtzeitig Tickets buchen.

Die Räumlichkeiten für die Whiskeyproben sind liebe- und stilvoll hergerichtet. Ein modernes Café serviert Snacks und kleinere Mahlzeiten. Teeling öffnete seine Pforten im Sommer 2015 und hat das Selbstbewusstsein, die irische Whiskeytradition neu zu beleben, ein Trend, der sich in den letzten Jahren landesweit fortgesetzt hat.

Um auf die Webseite zu kommen, muss man ein Geburtsdatum angeben, das oberhalb der Volljährigkeit liegt.



Newgrange

Einer der unvergesslichsten Momente einer Irlandreise ist die Begehung des Inneren von Newgrange. Das jungsteinzeitliche Hügelgrab liegt weniger als eine Stunde Fahrt von Dublin entfernt und ist eine der bedeutendsten Megalithanlagen der Welt. Das Alter wird auf ungefähr 5.200 Jahre geschätzt, und es zählt zum Weltkulturerbe. Heutzutage halten sich die Touristenführer mit Spekulationen über Sinn und Bedeutung eher zurück, denn beweisbare Erkenntnisse hat man nicht. Allgemein gehalten, geht man von einem vorzeitlichen Tempel aus, einem Ort von astrologischer und spiritueller Bedeutung, der als Grabstätte für Würdenträger diente und für Zeremonien genutzt wurde. Für Letzteres spricht eine Öffnung oberhalb des Eingangs, durch die an einem Tag im Jahr Licht eindringt, dem Tag der Wintersonnenwende. Diese markiert die längste Nacht des Jahres und der neue Morgen kennzeichnet die Rückkehr des Lichts, den Sieg des Lebens über den Tod.



Durch die Öffnung über dem Eingang von Newgrange dringt am Tag der Wintersonnenwende für einige Minuten Licht ein | Foto (C) Helga Fitzner


Der irische Prähistoriker Michael O'Kelly war in den 1970er Jahren mit der Rekonstruktion des Monuments beauftragt. Es war an der Vorderseite eingestürzt, und so konnte er teilweise nur Mutmaßungen anstellen, wie das Original ausgesehen hat. Da Newgrange begehbar sein sollte, musste er auch Betonstützen einfügen, was natürlich von der ursprünglichen Bauart abweicht, doch wenn man sieht, wie viele winzige Steinchen die großen massiveren halten, ist einem das auch sehr recht, wenn man im Innenraum steht. Das Fotografieren ist verboten, und das ist auch gut so. Den Besuchern ist nur ein Aufenthalt von 10 Minuten gestattet, und das würde das Erlebnis erheblich mindern. Für Klaustrophobiker ist die Anlage nicht geeignet, der Zugang zur Kammer ist sehr eng. Innen wird man mit einer hohen Decke belohnt und drei Kammern, die beleuchtet sind. Trotz der Kürze des Aufenthalts stellt der Touristenführer die Wintersonnenwende nach, indem er die Lampen löscht und mit einer Taschenlampe den Weg des Lichts simuliert. Hinweis für Architekten: Die neolithische Baukunst war hervorragend, durch das „Dach“ der Anlage hat es seit 5.000 Jahren nicht herein geregnet.

Der Zugang zum Grab ist streng reglementiert, aufgrund der geringen Größe ist die Nachfrage wesentlich höher als die Kapazität. Aber die Außenanlage ist zugänglich und in der wunderbaren Landschaft von Meath am geschichtsträchtigen Fluss Boyne gelegen. Es gibt einen Shuttlebus zum Newgrange Museum, eine hochmoderne Anlage, die über einen wunderschönen Spazierweg über den Fluss Boyne durch üppige Vegetation erreichbar ist. Dort gibt es einen Museumsshop, sanitäre Einrichtungen und ein Restaurant. Wer es schafft, sollte sich auf jeden Fall die Zeit für das Museum nehmen, das neben einem siebenminütigen Film viele Informationen und Schaustücke über die Gegend ausgestellt hat. Der Rückweg zum Parkplatz ist eine andere, kürzere Strecke, was offensichtlich dazu dient, den Besucherstrom zu entzerren.

In den Sommermonaten ist die nahegelegene New Grange Farm geöffnet, auf der man viele Tiere bewundern kann. Das ist besonders gut geeignet, wenn man ein kindgerechtes Programm einschieben möchte. Derzeit kann man mit ein bisschen Glück bei der Geburt eines Lamms dabei sein, auf jeden Fall sind viele kleine Lämmer zu bestaunen, die man auch streicheln darf.

Ebenfalls in der Nähe liegen die Tara Hills, wo sich weitere frühgeschichtliche Monumente befinden, der Ort, an dem die Hochkönige einst residierten und um den sich viele Mythen ranken.

* * *

Natürlich gibt es in Dublin selbst noch eine Vielzahl weiterer Sehenswürdigkeiten, wie die Statue von Molly Malone, das Guiness Storehouse, der Temple Bar Distrikt und viele weitere. Musik dringt aus vielen Pubs, vor allem aber gibt es hier die möglicherweise besten Straßenmusiker der Welt.

Dann gibt es noch das Little Museum of Dublin (direkt am St. Stephen's Green gelegen), das die Geschichte der Stadt erzählt. Als ganz besonderen Service vermittelt das Museum den Kontakt zu einem ehrenamtlichen „Botschafter“ Dublins. Bei einer Tasse Tee oder Kaffee gibt der Einheimische dem Touristen Insider-Tipps, die auch schon mal jenseits der normalen Touristenrouten liegen können. Ein im wahrsten Sinne des Wortes ausgezeichnetes Projekt.


Helga Fitzner - 2. April 2017
ID 9951
Weitere Infos siehe auch: https://dublin.ie


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