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Kulturspaziergang

Belle-Île-en-Mer


Insel der Superlative


Foto (C) Christa Blenk


Fünfzehn Kilometer vom Festland entfernt liegt eine der größeren bretonischen Atlantikinseln: Belle-Île-en-Mer. 45 Minuten dauert die Überfahrt mit der Fähre von Quiberon nach Le Palais, der Hauptstadt von Belle-Île mit ungefähr 2600 Einwohnern.

* * *

"Festung zu verkaufen – bitte mit dem Leuchtturmwächter Kontakt aufnehmen!"

Mitten in der Belle Epoque und auf dem Höhepunkt ihrer Karriere kam die 50jährige französische Schauspielerin Sarah Bernhardt 1894 nach langer Fahrt mit Zug, Schiff und Karren auf dieser wilden Insel an und entdeckte obiges Verkaufsangebot. Ein Coup de foudre, Liebe auf den ersten Blick, und eine Stunde später war sie stolze Besitzerin dieser unwirtlichen Festung am Ende der Welt zwischen Wind und Wolken und über spitzen, schroffen Felsen. „Das erste Mal als ich Belle-Île sah, habe ich einen Hafen, ein Paradies, ein Refugium gesehen. Am windigsten Zipfel der Insel stand sie, die Festung, ein Ort ausgesprochen schlecht zu erreichen, ausgesprochen unwirtlich, ausgesprochen unbequem und der mich doch so verzaubert hat." (Sarah Bernhardt)

Als erstes hat sie große Fenster einbauen lassen, um einen einmaligen Blick auf die sich öffnende Brandung zu haben. Im Laufe der Zeit entstanden acht Schlafzimmer, sehr klein zum Teil, Salons und ein großes Esszimmer. Von nun an sollte sie für den Rest ihres Lebens jeden Sommer mit ihrer Familie, mit Freunden und Künstlern dort verbringen und sich von ihren vielen Engagements erholen. Einmal kam sie nach einer 32monatigen Welttournee dort an. „Mich erholend, in dem ich mich ermüde“, war ihre Devise. Im Laufe der Jahre kaufte sie praktisch den kompletten Inselzipfel (ca. 45 Hektar), sogar ein Bauernhof war darunter, um immer frische Eier und Butter zu haben. "La ferme de Sarah" ist heute allerding ein Restaurant und das Clubhaus eines Golfplatzes. Während 30 bretonischen Sommermonaten war sie praktisch Selbstversorger. Es gab dort alles, Sardinen, Muscheln, Austern, Hummer, Fisch und Schafe soviel und so oft man wollte. Und wer lieber auf dem Land blieb und wem das Wasser zu stürmisch war, konnte sich auf dem hauseigenen Tennisplatz ertüchtigen.

Die Villa Des Cinq Parties du monde (Villa der fünf Kontinente) hat Sarah Bernhardts Sohn bauen lassen; heute ist darin ein ansprechendes, didaktisch-spielerisches Museum untergebracht. Man bekommt Kopfhörer, und Fanny Ardant erzählt Sarahs Leben ab dem Kauf dieses Objektes, lustige Anekdoten und interessante Begebenheiten über die Jahre hinweg. Die Enkelin von Sarah Bernhardt hat es aufgezeichnet und auch den traurigen Verkauf dokumentiert. Koffer, Accessoires, Theaterdekoration, ein Mongolfière, Fotos und sogar eine Filmaufnahme, Poster vom Jugendstilmaler Alfons Mucha, der seinen Erfolg übrigens ihr zu verdanken hatte, Familienfotos und das Gefäß, in dem sie sich mit der Butterproduktion versuchte, sind zu sehen. Es sind nicht unbedingt alles ihre Sachen, da sie vieles selber verkaufte, bevor sie nach einer Beinamputation in den 20er Jahren nach Paris zurückging, aber die Dinge sind sorgfältig und zeitgemäß zusammengesucht. Durch eine Hintertür gelangt man wieder ins Freie und geht bis zur Festung, zu ihrem Wohnhaus. Als ob sie gerade mal abwesend wäre, denkt man. Alles noch so wie vor knapp 100 Jahren. Ihre extravagante Kleidung, ihre Hüte, die Sofas mit plüschigen Kissen, eine voll ausgestatte Küche und viele Betten und Liegen, ein Klavier. Ob es wirklich ihre Sachen sind, ist nicht dokumentiert. Der Wind, die Brandung, die Pflanzen, die vielen Apfelsorten und das bezaubernde Licht sind allerdings immer noch echt!



Sarah Bernhardt´s Fort auf Belle-Île | Foto (C) Christa Blenk


Aber Sarah Bernhardt war nicht die erste, die Belle-Île (die "schöne Insel") entdeckte. 1886 im September machte sich Claude Monet auf eine Reise durch die Bretagne, die sich allerdings auf einen Aufenthalt auf der Belle-Île beschränkte. 10 Tage wollte er bleiben, aber es wurden 75 pausenlos und hart arbeitende Tage an der „wilden Küste“ daraus. Monet hatte sich in der Nähe des großen Leuchtturms von Port Goulphar eingemietet. Es entstanden 39 Bilder an vier unterschiedlichen Stellen, die alle zu ergehen sind. Sein Hauptmotiv allerdings waren die Aiguilles de Port Coton (Die Nadeln von Port Coton). Pyramide de Port Coton, mer sauvage hängt heute im Puschkin-Museum in Moskau. Er fand die Gegend bedrohlich, teuflisch und faszinierend und war überzeugt davon, hier etwas Einzigartiges vor sich zu haben. Monet war übrigens der erste Maler, der Belle-Île als Drehscheibe für die Künstler entdeckte. Heute hat sich eine regelrechte Künstlerkolonie dort angesiedelt, ob aber jemand Monet das Wasser reichen kann, wird die Zeit zeigen.



Klassisches Monet-Motiv auf Belle-Île | Foto (C) Christa Blenk


Anhand einer Karte und einem gut ausgebauten öffentlichen Bussystem erreicht man schnell und günstig diese Orte. Wenn man in Pointe des Poulains den Linienbus (2,50 Euro) verlässt, besucht man Haus und Museum von Sarah Bernhardt und kommt dann auf einem gut ausgebauten Fußweg immer an der felsigen Küste entlang bis Sauzon (ca. 2 Stunden mit guten Schuhen). Dort kann man wieder mit dem Bus nach Le Palais zurückfahren. Von Monets Betätigungsfeld an der Westküste kann man in ca. 3 Stunden die Insel Westen nach Osten durchqueren; mit dem Fahrrad weniger als eine Stunde. Die Busse fahren nicht sehr oft, aber genau nach Plan, deshalb kann man sich gut organisieren.

Ein weiterer Prominenter auf der Insel war Nicolas Fouquet, der Schatzmeister von Ludwig XIV. Ihm wurde sein Größenwahn zum Verhängnis, und er landete schließlich nach einer Verhaftung durch d’Artagnan im Kerker seines Schlosses Vaux le Vicomte. Vorher, 1658, kaufte er aber diese Insel und ließ 50 Kanonen dort aufstellen. Er war es auch, der 1683 die Festung von Le Palais vom Großbaumeister Vauban weiter ausbauen ließ. Diese thront majestätisch über dem Ort und ist das erste, was man von der Fähre aus sehen kann.

Wenn man vom südlichen Festland auf diese Insel will, kommt man gezwungenermaßen an Carnac und Locmariaquer vorbei und sollte diesen beiden Orten unbedingt wenigstens einen halben Tag schenken. Die kleine Stadt Carnac hat viel vom Neolithikum zu erzählen und ist bekannt für seine Steinreihen (Alignements de Carnac). Hunderte Menhire sind in gleichmäßigen Reihen aufgestellt (die beiden vor kurzem in Belle Île entdeckten Menhire, Jeanne und Jean, die man vom Bus aus beim Durchqueren der Insel gut sehen kann, sollen angeblich die Fortsetzung Carnacer-Steinreihe sein, obwohl heute 16 km Meer dazwischen liegen). In Locmariaquer hingegen steht der große Tumulus von Er Grah. Ein monumentaler und megalomaner Grabbau, der sich über ca. 100 Meter erstreckt. Er entstand noch vor dem sogenannten Kollektivgrab, Table des Marchands, aus der Jungsteinzeit (ca. 4500 v.C.). Gleich daneben liegt der Grand Menhir brisé (der "große zerbrochene Menhir" - ähnlich der hessischen Hinkelsteine). Mit seinen 20 Metern, die er irgendwann mal in den Himmel ragte, ist er der größte in dieser Gegend. Jetzt liegt er in vier Teilen am Boden. Die einen sagen, er wäre vor ein paar hundert Jahren vom Blitz getroffen worden, die anderen geben einem Erdbeben die Schuld. Vielleicht stand er aber auch nie. Vorstellen, wie er überhaupt dorthin kam, kann sich sowieso niemand. Mythen und Riten und viel Zauber, wie sich das in der Bretagne so gehört, versuchen Ursprung dieser sakralen, geheimnisumwitterten und faszinierenden Megalithen zu erklären.
Christa Blenk - 4. Juli 2016
ID 9415
Juni ist ein guter Reisemonat für Belle-Île-en-Mer, die Tage sind sehr lange und die Touristen noch nicht angekommen, und baden kann man auch im Juli/August nur mit viel Willensstärke oder einem Neopren-Anzug.

C.B.


Weitere Infos siehe auch: http://de.belle-ile.com


Post an Christa Blenk

eborja.unblog.fr

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