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Kulturspaziergang

Villa Adriana,

östlich von Rom

und Marguerite Yourcenars Buch über Kaiser Hadrian


Foto: Jean-Noël Petit



Latium ist die Gegend zwischen Tiber, den Sabiner Bergen und dem Tyrrhenischen Meer. Der Stamm der Latiner hat sich im 6. Jahrhundert v.Chr. genau dort angesiedelt. Im Zweiten Latinerkrieg (340-338 v.Chr.) wurden sie von den Römern überwältigt und somit Teil des Römischen Reiches.

Die Villa Adriana liegt mitten zwischen Tälern und Hügeln, versteckt und romantisch wild. Ein Landsitz aus der Antike, groß wie eine Stadt. Das Modell der Anlage direkt am Eingang, noch vor einer beeindruckenden Mauer, erklärt das Areal sehr gut.



Hinter dieser Mauer ist der Eingang zur antiken Villa Adriana | Foto: Jean-Noël Petit


Es gibt zwar einen Plan aber keine wirklich vorgegebenen Wege durch die Villa Adriana. Man lässt sich treiben von Gedanken und Pfaden. Begibt man sich an einem Tag unter der Woche und außerhalb der Saison dorthin, am besten im Spätherbst, kann man in der Zeit zurückgehen und so einiges hören und fühlen. Das ist sicher der jungen Marguerite Yourcenar im Jahre 1924 passiert. Ort und Geschichte haben sie dermaßen fasziniert, dass sie ein paar Jahrzehnte später ihren sehr erfolgreichen Roman in Briefform Ich zähmte die Wölfin über die letzte, schwere Zeit von Kaiser Hadrian (76-138 n.Chr.) verfasste.

Kaiser Hadrian verbrachte 12 von 20 Regierungsjahren auf Reisen. Römische Provinzen gab es viele über Europa und das Mittelmeer verstreut. Jede Reise dauerte eine Ewigkeit und war anstrengend. Jeder Aufenthaltsort von ihm verschob den Mittelpunkt der Macht, einmal war dieser an der Themse dann am Rhein oder in Ägypten.


„Ich kannte jede Meile unserer Straßen, dieses vielleicht schönsten Geschenks Roms an den Erdkreis.“


Besonders wohl fühlte der Kaiser sich im römischen Hinterland, wo er sich diese Villa zuerst nur als Sommerresidenz hat bauen lassen. Im Alter, alt und gebrochen, konnte er in seiner Villa endlich über den Wassertod im Nil des geliebten Jünglings Antinoos trauern.


„In den schlaflosen Nächten durchstreifte ich die Gänge der Villa, irrte von Saal zu Saal, störte hier und da einen Handwerker, der eben ein Mosaik befestigte. Im Vorbeigehen betrachtete ich einen Satyr des Praxiteles, blieb vor einer Statue des Toten stehen…"


Ursprünglich erstreckte sich die Villa Adriana - die seit 1999 UNESCO-Weltkulturerbe ist - über 120 Hektar, bestehend aus Wohngebäuden, Thermalbädern, Nymphäen, Pavillons, Theatern, Bibliotheken, Kasernen und Gärten mit ausgeklügelten Bewässerungsanlagen, großartigen Olivenhainen und Wasserspielen. Über ein unterirdisches Geflecht von Wegen waren die unterschiedlichen Bauwerke miteinander verbunden. Der Nachbau eines Kanals in Ägypten, der die Stadt Canopus mit Alexandria verband, hatte es Adrian besonders angetan. Er hat Canopo in der Villa Adriana nachbauen lassen. Die Anlage sollte den Eindruck von Grün und Frische vermitteln und es funktioniert immer noch!

Für Yourcenar begann Adrians Goldenes Zeitalter nach der Begegnung mit Antinoos.


„Alles war leicht geworden“, lässt Yourcenar den Kaiser schreiben, „eine göttliche Gemächlichkeit lohnte die Mühen von einst. Das Reisen war ein Spiel, ein wohlvorbereitetes, bedachtsam durchgeführtes Vergnügen. Die unablässige Arbeit empfand ich als Wohltat. Mein Leben, in dem alles so spät kam, die Macht und auch das Glück, sonnte sich im Glanz des hohen Tages, im vollen Licht der mittäglichen Ruhezeit, die jedes Ding vergoldet…. Ich hatte auf Antinoos nicht gewartet, um mich als Gott zu fühlen. Doch erst seit er in mein Leben getreten war, steigerte das Schicksal seine Gunst zu schwindelnder Höhe. Es schien, als wetteiferten die Jahreszeiten mit den Dichtern und Musikern, um unser Dasein zum olympischen Fest zu machen.“


Das Pantheon in Rom wurde in der Zeit von Adrian fertiggestellt. Die verschiedenen Betonkuppeln in der Villa Adriana erreichen zwar nicht die unglaublichen Ausmaße von knapp 44 Meter, aber das Serapeum am Ende von Canope hat knapp 18 m, das Sommer-Triclinium und Heliocaminus 12 m. Die Thermen und das Vestibül schaffen es auf 10 Meter. Direkt neben dem kaiserlichen Wohnpalast im Osten liegt der Prachthof (Piazza d’Oro). Wunderschön idyllisch auch das recht gut erhaltene Teatro maritimo.



Villa Adriana östlich von Rom | Foto: Jean-Noël Petit


"Der Bau der Villa war so weit vorgeschritten, dass ich meine Sammlungen, meine Musikinstrumente und die paar tausend Bücher, die ich im Laufe meiner Reise gekauft hatte, hinbringen lassen konnte. Ich gab dort eine Reihe von Festen. Alles war sorgsam durchdacht. [...] Ich bestand darauf, die Rechnungen der Küche und Lieferanten selbst zu prüfen; dass mein Großvater als geizig gegolten hatte, vergaß ich nicht. Obwohl das griechische Theater in der Villa eben so wenig fertig war wie das kaum größere Lateinische, ließ ich in Beiden Stücke aufführen. Man gab Tragödien und Pantomimen, Musikdramen und oskische Possen. Nicht zuletzt ergötzte mich das behende Leibesspiel des Tanzes; ich entdeckte meine Vorliebe für Kastagnetten, die an der Gegend von Gades und die ersten Vorführungen erinnerten, die ich als Kind sehen durfte. Mir gefiel das trockene Geräusch, der erhobene Arm, das enthüllende und wieder einhüllende Schleiergewoge der Tänzerinnen, die bald zum Vogel, bald zur Wolke wurden, bald zur Welle, bald zur Trireme, ja ich fasste zu einer dieser Kreaturen eine kurze Neigung."


Für die Realisierung des gewaltigen Projektes bediente man sich aus den Steinbrüchen in der Umgebung. Teilweise waren bis zu 40 000 Personen dort beschäftigt. Der Wasserverbrauch war hoch, dafür sorgten schon die Thermen und die künstlichen Wasserflächen und Ziehbrunnen. Die Gärten verbrauchten viel Wasser. Aber Wasser war kein Problem. Dafür sorgte die Aqua Marcia. Plinus der Ältere meinte dazu:


"...der großartigste aller Aquädukte in der ganzen Welt, das Höchste an Frische und Sauberkeit zum Ruhm der Stadt ist die Aqua Marcia, unter allen Geschenken, welche die Götter der Stadt gewährt haben.“


Nach Hadrians Tod profitierten die nachfolgenden Kaiser von der Villa Adriana. Ab 330 n.Chr. begannen unter Kaiser Konstantin I die ersten Verfallserscheinungen und die Ausschlachtung der Stätte. Der Weg zu einer Ruinen-Stadt hatte begonnen.

Über 1.000 Jahre später, unter Papst Alexander VI und einer neu erwachten Antiken-Verehrung, begannen im 16. Jahrhundert die Ausgrabungen. Plünderungen gehörten zum Tagesgeschehen. Ippolito II d’Este, der Bauherr der Villa d’Este in Tivoli, gab seinen Architekten grünes Licht zum Transfer von Baumaterial, Marmor, Pflastersteinen und Kunstwerken in die neue Villa ein paar Kilometer weiter oben. Unter Clemens XIV. wurden die Funde laut Dekret aufgeteilt zwischen dem Papst, der Apostolischen Kammer, den Besitzern des Grundstücks und dem Finanzier der Bauarbeiten. Der lukrative Handel mit antiken Gegenständen hatte begonnen und die Kunstgeschichte war geboren. Heute befinden sich die noch übrigen Kunstwerke teilweise in den Vatikanischen Museen.

1871 ging die Hadriansvilla in den Besitz der italienischen Regierung über.

*

Thomas Mann schreibt an Claire Goll:


„Ihr Frauen seid zuweilen erstaunlich. Da ist in New York eine französisch-schreibende Frau, eine gewisse Marguerite Yourcenar, die hat Memoiren des Kaisers Hadrian verfasst – von einer bis zur Vexation gehenden Echtheit der Fiktion, übrigens wissenschaftlich gewaltig fundiert. Kennen Sie das Buch? Es ist das Schönste, das mir seit langem vorgekommen.“


* *

Die Stadt Tivoli liegt ein paar Kilometer über der Villa Adriana und ist heute Sitz des römisch-katholischen Bistums Tivoli. Im Sommer diente und dient der Ort auf Grund der frischen Temperaturen den Römern als Rückzugs- und Erholungsort. Im Jahre 1560 erbaute Pirro Ligorio für Kardinal Ippolito d’Este die Villa d’Este. Als Inspirationsquelle für die beeindruckenden Gärten diente die Hadriansvilla. Die Ruinen mit ihrer zauberhaften Romantik und die Wasserspiele im Renaissance-Garten verzückten im Verlauf der Jahre viele Künstler.

Tivoli hieß in der Antike Tibur und war ein strategisch wichtiger Punkt für die Reisenden aus dem Osten auf dem Weg nach Rom. Goethe und viele andere Bildungsreisende im 18. und 19. Jahrhundert waren dort und haben die Tempel gezeichnet oder bedichtet. Der Maler Jakob Philipp Hackert bereiste 1768/69 ganz Italien und wurde sehr schnell als Landschaftsmaler bekannt. Von Tivoli hat er mehrere Werke gemacht.

1867 war Franz Liszt zu Gast in der Villa d’Este und komponierte dort drei Klavierstücke.

Die Gärten sind mit ihrem natürlichen Gefälle, den 500 Brunnen, den Grotten, Skulpturen und Wasserspielen ein Meisterwerk. Beeindruckend ist vor allem der Neptunbrunnen mit dem darüber liegenden Orgelbrunnen auf der Querachse. Einst gehörte hier eine Wasserorgel dazu. Sie ging allerdings im 18. Jahrhundert verloren, wurde aber Anfang des 21. Jahrhunderts wieder nachgebaut. Die Orgel hat 144 Pfeifen und wird – wie der Name schon sagt – mit Wasser angetrieben.

Auch Tivoli gehört zum UNESCO Weltkulturerbe.



Villa Gregoriana | Foto: Jean-Noël Petit


In unmittelbarer Nähe liegt die Villa Gregoriana [s. Foto oberhalb]. Teufelstal heißt die Schlucht, in der sich diese weitläufige Parkanlage, direkt unterhalb der Akropolis von Tivoli, befindet. Flankiert ist das Areal von zwei römischen Tempeln aus dem 2. Jahrhundert v.Chr. Das Rauschen des großen Wasserfalls des Flusses Aniene, der hier 120 Meter in die Tiefe stürzt, begleitet die Besucher.


Christa Blenk - 13. Oktober 2026
ID 16092
Über die Öffnungszeiten aller Orte informiert man sich am besten vorher. Personalmangel kann kurzfristige Schließungen verursachen. Gutes Schuhwerk wird empfohlen, vor allem für die Villa Adriana, denn dort geht es über Stock und Stein und Ruinen. Mit dem Auto sind es von Rom aus ca. 35 Kilometer. Über die Autobahn braucht man 30 Minuten. Wenn man aber die alte Konsularstraße, die Tiburtina, nimmt, dauert es um einiges länger. Ohne Auto kann sich der Besuch von Rom aus zu einem echten Transport-Abenteuer entwickeln.

In der Villa Adriana finden vor allem im Sommer regelmäßig Tanzaufführungen statt.


Weitere Infos siehe auch: https://de.wikipedia.org/wiki/Villa_Adriana


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