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Kulturspaziergang

Die Türkei

Abseits der All Inclusiv Hotels


Im antiken Bergama | Foto: Zaubi M. Saubert



Viele Deutsche bevölkern regelmäßig die Hotelburgen rund um Antalya, Alanya und Side. Die Gründe liegen in erster Linie wohl an den günstigen Preisen und dem schönen Wetter. Fragt man sie, wie ihnen die Türkei gefallen hat, geben die meisten zu, dass sie von der Türkei fast nichts mitbekommen haben. Viele wollen das auch gar nicht, haben sie doch Vorbehalte gegenüber dem Türken an sich oder schlichtweg Angst vor der fremden Kultur.

Doch diese Ängste und Vorbehalte sind meist völlig unbegründet. Politische Aspekte lasse ich hier an dieser Stelle bewusst außen vor, das muss jeder halten wir er will. Ansonsten kann ich nach drei großen Reisen durch die Türkei nur jeden ermutigen dieses Land einmal abseits der Hotelburgen zu bereisen.

Das geht zum einen ganz prima mit einem Wohnmobil und ist bis zur türkischen Grenze auch nicht weiter als bis nach Spanien. Oder buchen sie einen Flug, einen Mietwagen und machen sich auf den Weg. Mit den heutigen modernen Kommunikationsmitteln ist es überhaupt kein Problem ein Hotel für die Übernachtung zu finden. Und für Motorradfahrer tun sich unendliche Weiten auf. Das Netz der Campingplätze ist am dichtesten an der Mittelmeerküste, und der Standard ist oft noch sehr einfach.

Der Türke freut sich auf Sie. Sie können kein Türkisch? Natürlich nicht, ich auch nicht, doch zum einen gibt es bebilderte Speisekarten und sehr bequeme Übersetzungshilfen auf dem Handy. Und gerade bei den älteren Männern findet sich immer jemand, der etwas Deutsch spricht, da viele Türken lange Jahre in Deutschland gearbeitet haben. "Geht nicht" gibt’s übrigens in der Türkei nicht, und man ist in der Regel sehr bemüht um den Touristen.

Die Türkei ist ein bergiges Land. Von der Küste geht es schnell, manchmal auch ziemlich steil, hoch ins Landesinnere. Große Teile des Landes liegen auf einer Höhe von über 1.000 Metern. Es gibt ein großes Netz an recht gut ausgebauten mehrspurigen Schnellstraßen, der Ausbau der Autobahnen schreitet voran. Und nicht nur der Österreicher ist ein Meister im Tunnelbau, auch der Türke. Und richtige Tunnel fangen erst ab einer Länge von tausend Metern an. Etwas gewöhnungsbedürftig ist der Fahrstil des türkischen Autofahrers. Aus Erfahrung kann ich sagen, je älter das Auto, desto schlechter wird häufig gefahren. Und je größer und protziger das Gefährt desto…, wie bei uns.

Geschwindigkeitsbegrenzungen dienen eher der groben Orientierung, und umsichtiges Fahren darf der Ausländer nicht unbedingt erwarten.

Die Türkei ist ein großes Land. Etwas mehr als doppelt so groß wie Deutschland. Die West-Ost Ausdehnung vom europäischen Edirne bis ins südostanatolische Mardin beträgt 1.700 Kilometer, dazwischen finden sich etwa zehn Millionenstädte, von denen man meist noch nie etwas gehört hat. Nähert man sich einer solchen Stadt, fährt man erst einmal durch nicht endende neu gebaute zehn- bis zwölfgeschossige Vorstädte. Der Moloch Istanbul sticht hier mit mehr als fünfzehn Millionen Einwohnern deutlich heraus.

Aber der Reiz der Türkei liegt nicht in seinen Großstädten, sondern den kulturellen Hinterlassenschaften von mehreren tausend Jahren und in seinen einzigartigen Landschaften.

Jeder hat in der Schule von Troja in der Westtürkei gehört, wobei dies für den normalen Touristen fast enttäuschend ist, stellt es sich eher wie ein Schichtensandwich von Subway dar. Handfestes zu sehen gibt es hier wenig. Ganz anders in Bergama. Dieses kleine Provinzstädtchen am Fuß eines 337 Meter hohen Burgberges weist noch einen sehr alten orientalischen Charme auf. Doch fährt man mit der Seilbahn hinauf, erlebt man die einzigartige Pracht hellenistischer und römischer Baukunst. Der Blick vom steilsten Theater der Antike mit immerhin zehntausend Plätzen hinunter auf die Bühne und in die Ebene ist umwerfend.

Hier trifft man auf einen sehr berühmten Sockel, nämlich den des Zeus Altars, den sein Entdecker, der deutsche Ingenieur Carl Humann den Türken 1873 für billig Geld abgeschwatzt hat und der seit über hundert Jahren in Berlin als Pergamon Altar zu bestaunen ist. Zurückgeben will man ihn wohl nicht - das gleichnamige Museum wird seit mehr als 15 Jahren aufwändig saniert; ein Teil von ihm (mit dem weltberühmten Pergamonaltar) wird für Besucher ab Frühjahr 2027 wieder zugänglich sein, während sein Südflügel erst zehn Jahre später wiedereröffnet wird.

Da hat eine andere berühmte Ausgrabung mehr Glück gehabt, die berühmte Celsus Bibliothek in Efes, besser bekannt als Ephesus, ist als Gesamtkunstwerk vor Ort zu bestaunen. Diese Stadt, vor über dreitausend Jahren gegründet, war bereits lange vor Rom und Athen bedeutend und zählte unter den Römern bereits eine Viertelmillion Einwohner. Die Summe der hier zu bestaunenden Ausgrabungen ist einfach unglaublich und ein Muss für jeden Türkeibesucher. Bis zu fünfzehntausend Besucher in der Hochsaison am Tag bezeugen dies.

Weit weniger bekannt sind die Ausgrabungen in Perge. Eine Ansammlung griechischer und römischer Bauten, mit Theater, Stadion, und vielem mehr, teilweise in hervorragendem Zustand. Hier kreuzen sich zwei alte, noch original gepflasterte Handelsstraßen, wo der Tourist mehr aufrechtstehende Säulen bestaunen kann als an irgendeinem Ort in Griechenland. Und das Ganze vor dem Hintergrund des oft schneebedeckten Taurus-Gebirges. Ein umwerfendes Erlebnis.



Lykische Felsengräber | Foto: Zaubi M. Saubert


Nun könnte man die Liste der prächtigen Ausgrabungen in der Türkei noch ewig verlängern, doch eine Besonderheit soll hier noch erwähnt werden. Westlich von Antalya haben an der gleichnamigen Küste einst die Lykier gelebt. Über sie ist wenig bekannt. Hinterlassen haben sie der Nachwelt eine Unzahl von Steinsarkophagen und ausgefallenen Grabanlagen [s. Foto oberhalb]. Sie schienen dabei dem Prinzip der Stein-auf-Stein-Technik nicht getraut zu haben, denn sie errichteten ihre tempelartigen Gräber hoch oben in senkrechten Felswänden und arbeiteten diese in den Felsen hinein. Wie sie dies damals, vor mehr als 2.500 Jahren ohne Hubwagen und schweres Gerät bewerkstelligt haben, ist bis heute ein Rätsel.

Neben diesen aufsehenerregenden Ausgrabungen hat die Türkei auch einmalige Landschaften zu bieten. Da sind beispielsweise die Sinterterrassen von Pamukkale [s. Foto unterhalb] zu nennen. Hier strömt warmes, stark kalziumkarbonathaltiges Wasser einen Hügel hinunter und lagert sich ab. Dadurch entstehen übereinander liegende schneeweiße Wasserbecken, die den ganzen Hang überziehen. Seit die Touristen diese nur noch barfuß betreten dürfen leuchten sie auch wieder in strahlendem Weiß.



Die Sinterterrassen von Pamukkale | Foto: Zaubi M. Zaubert


Von Kappadokien [s. Foto unterhalb] werden viele schon gehört haben. Eine Landschaft wie aus einer anderen Welt. Zurückgehend auf frühzeitliche Vulkanausbrüche hat hier Tuffstein für einen einzigartigen Landstrich gesorgt, der früh von Menschen besiedelt wurde. Heute kann man Wohnungen, Kirchen und teils ganze unterirdische Städte dort besichtigen. Bekannt sind von Kappadokien die Bilder mit bunten Heißluftballons mit denen man bei Sonnenaufgang über dieses besondere Fleckchen Erde fliegen kann.



Kappadokien im Abendlicht | Foto: Zaubi M. Saubert


Wer mit dem Motorrad oder Wohnmobil reist, etwas Zeit mitbringt, sollte unbedingt nach Südostanatolien fahren. Dies ist zwar Kurdengebiet, aber keine Angst, wenn sie hier nicht sicher wären, würde sie das türkische Militär bereits vorher zurückschicken. Wer hat schon einmal vom Van-See gehört? Einer der größten Gebirgsseen der Welt. Sieben Mal so groß wie der Bodensee, auf 1.700 Metern Höhe gelegen, von Bergen eingerahmt. Mit Glück sehen sie den höchsten Berggipfel der Türkei, den Ararat mit 5.137 Metern Höhe. Da wollte ich immer schon einmal hin und werde dieses Erlebnis nie vergessen.

Praktisch gleich nebenan liegt der Nemrut Daği, der Götterthron. Einst im Zedernwald gelegen thront heute in 2.150 Metern Höhe der größte Grabhügel der Welt. Ein hoher Kegel aus Gesteinsschotter, bewacht von ehemals sieben Meter hohen Götterstatuen denen die Köpfe beim letzten Erdbeben heruntergefallen sind. Man hat sie so belassen, da man einen erneuten Sturz der Köpfe bei dem nächsten Erdbeben vermeiden möchte. Da der Wald verschwunden ist, hat der Besucher ein atemberaubendes Panorama in die Ebene von Euphrat und Tigris mit dem riesigen Atatürk Stausee.

An Städten wird als erstes immer Istanbul genannt. Der Schmelztiegel zwischen Europa und Asien, zwischen Tradition und Moderne fällt aus jedem Rahmen. An normalen Städten sei Bursa in der Westtürkei erwähnt, das als Wiege des osmanischen Reichs bezeichnet wird. Auch das im Süden liegende Konya sei genannt. Von hier stammt die bekannte Kultur des Derwisch-Ordens, die man hier erleben kann. Die türkischen Altstädte bestehen häufig aus den verwinkelten engen Gassen der Basarviertel, in denen man schon einmal die Orientierung verlieren kann. Hier gibt es alles zu kaufen, was im Leben benötigt wird.

*

Nun macht Kultur und Landschaft hungrig und da muss man in der Türkei nicht lange suchen. Vom einfachen Köfte-Imbiss, wo es zu deutsch Frikadellen gibt, bis zum stylischen Restaurant gibt es alles. Eine Besonderheit sind die Lokantas. Das sind einfache Lokale, wo man meist aus diversen Suppen und fertig gekochten Hauptgerichten auswählen kann. Dazu gibt es Salat, eingelegte Peperoni und Brot. Bestellt der Tourist dann Ayran (ein leicht salziges Yoghurtgetränk) und keine Coke, hat er das Herz des Wirtes schon fast gewonnen. Hier isst man preiswert und lecker. Bei den vielen Vorspeisen kommt auch der Vegetarier auf seine Kosten.

Schweine findet man in der muslimischen Türkei nur auf Straßenschildern. Gegessen werden sie nicht. Da mutet es schon kurios an, wenn dreieckige Schilder vor Schafen, Rindern oder auch Schweinen warnen. Das Wildschwein hat praktisch keine natürlichen Feinde, und auf den Tisch kommt es auch nicht. Wo bleibt es?

Alkohol gibt es in den Lokantas und einfachen Restaurants in der Regel nicht. Den kann man zwar an jedem Bufe (Kiosk) kaufen, aber Alkohol ist in der Türkei teuer und die Alkohollizenzen ebenfalls. Das allgegenwärtige Getränk ist Cay, Tee. Die Zeiten, wo man schon beim Tanken einen kostenlosen Tee angeboten bekommt, sind allerdings vorbei.

Die Türkei ist ein muslimisches Land, und hier ruft der Muezzin fünfmal am Tag zum Gebet, das erste und nervigste Mal um kurz nach fünf Uhr morgens. Die Lautstärke hängt von der Nähe zur Moschee ab. Das Gebimmel der Kirchenglocken in Deutschland kann ähnlich nerven, wenn man in der Nähe einer Kirche wohnt.

Summa Summarum ist die Türkei ein ganz tolles Land, das es nicht verdient hat auf Urlaubsressorts mit All-you-can-eat reduziert zu werden. Hier gibt es ganz viel zu entdecken und der Türke ist in aller Regel ein sehr freundlicher hilfsbereiter Gastgeber. Hoş Geldiniz – Herzlich Willkommen.


Zaubi M. Saubert - 8. Mai 2026
ID 15841
https://www.lonelyplanet.de/reiseziele/tuerkei-5740


Post an Zaubi M. Saubert

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