Auf den Spuren von Dinosauriern, im Süden der Vendée
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So beginnt die Wattwanderung in der Südvendée... | Foto: Christa Blenk
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Es ist Ebbe: Wir treffen uns mit einer kleinen Gruppe und den beiden Führern auf einem Parkplatz im Wald in der Nähe vom Strand von Veillon, im Süden der Vendée. Nach einer kurzen Begrüßung gehen wir Richtung Meer. Das Spektakel ist atemberaubend. Der Atlantik verschmilzt mit einem krachend blauen Himmel, mit riesigen, ins Meer abfallende Steinplatten und Resten von Fischbecken aus dem 12. Jahrhundert, mit den Wasserlöchern, in denen sich kleine Fische und allerlei Fischzeug tummeln. Das alles passiert vor einem Kiefernwald und vor einer geologisch ausgesprochen interessanten Steilküste.
Vor 200 Millionen Jahren lebten genau hier Dinosaurier. Und deshalb sind wir hier. Die von den Dinos hinterlassenen Spuren kann man nur bei Ebbe sehen. Das Licht ist perfekt heute, und die Morgensonne beleuchtet die leicht mit Wasser überdeckten Spuren, meint Pauline. Sie und Didier, zwei Freiwillige der Groupe Associatif Estuaire (eine Vereinigung, die sich um den Erhalt der Dinosaurierspuren dort im Süden der Vendée kümmert), begleiten uns. Über einen steinigen Strand machen wir uns auf den Weg zu den Ur-Fußstapfen. Obwohl Regen angesagt ist und wir einen warmen Pulli, feste Schuhe und eine Regenjacke dabeihaben, scheint dann während der zweistündigen Führung die Sonne, und unsere Regenausrüstung landet schnell wieder im Rucksack. Dafür holen wir die Sonnencreme und einen Hut hervor. Gummischuhe hatten wir leider nicht dabei.
Am Ende der Trias, vor circa 204 Millionen Jahren und vor Beginn des Jura bestand die Vegetation vor allem aus Nadelwald. Man geht davon aus, dass das mit dem hohen Salzgehalt zu tun hatte.
Die Spuren sind von unterschiedlichen Dinosauriern (Eubrontes, veillonensis, Grallators olonensis und Talmontopus tersi). Der größte, Eubrontes, konnte bis zu drei Meter hoch werden und hatte einen Schritt von ungefähr 1,20 Meter. Die Dinos waren Fleischfresser, einige aßen eventuell Fisch und natürlich standen auch die Pflanzenfresser-Dinos auf ihrer Speisekarte, meint Pauline. Sie macht uns auf die ersten tridaktylen Spuren zweibeiniger Dinosaurier – sozusagen die Vorgänger von T-Rex - aufmerksam. Dafür umrandet sie sie mit weißer Kreide. Nach einiger Zeit finden unsere Augen die unterschiedlich großen Fußabdrücke aber schon ohne Kreide. Die meisten Spuren sind mit einem Zentimeter Wasser bedeckt, das die Flut zurückgelassen hat.
Auf drei geologischen Schichten sind diese Fußstapfen zu finden. Die Gesamtdicke überschreitet kaum zwei Meter. Die erste Schicht war früher eine Flusslandschaft. Die zweite Ebene erzählt von einer lagunenähnlichen Umgebung und die dritte besteht aus einem gelben, tonigen Muschel-Kalkstein oder „Nanking-Kalkstein“. Hier können wir einer Spur über 30 Meter landeinwärts folgen.
Entdecken – lieben – schützen: Ist die Maxime dieser Freiwilligengruppe. Ihre Hauptarbeit besteht darin, die Spuren zu entdecken, sie zu schützen und in Sicherheit zu bringen, wenn der Zahn der Zeit sie losgelöst hat. Umweltschutz und menschliche Aktivitäten sollen zusammen für eine nachhaltige Entwicklung sorgen. Man merkt mit jedem Satz und jeder Geste, wie sehr den Mitgliedern der Gruppe dieser Ort am Herzen liegt. Freundlich ermahnt Pauline immer wieder andere herumlaufende Touristen, nicht zu sehr an den Rand der Platten zu gehen, da diese durch Erosion sehr fragil geworden sind und leicht brechen. Alle paar Monate gibt es eine Inspektion, die Probleme erkennt und löst. Abgebrochene Spuren werden dann direkt in ein Museum nach Nantes oder Rennes gebracht. Der Sitz der Gruppe, die 1993 auf Initiative von Austernzüchtern gegründet wurde, ist in Talmont-Saint Hilaire.
Pauline erklärt uns wie es kommt, dass man die Spuren heute noch sehen kann:
Man muss sich in eine tropische Stimmung versetzen und die glücklichen Herden von drei Meter hohen Eubrontes vor seinen Augen auf ihren Hinterbeinen durch die Gegend streiften sehen. Die Lagune, die vor 200 Millionen Jahren von Dinosauriern bewohnt war, wurde regelmäßig von einem Fluss überflutet, der ausgetrocknete Pflanzen im Gepäck hatte. Der Atlantik existierte noch nicht, Menschen sowieso nicht und der europäische Kontinent war Nachbar von Nordamerika, denn der Kontinentaldrift hatte noch nicht begonnen. Dann passierte innerhalb von wenigen Stunden eine Kette von glücklichen Ereignissen. Eines Tages liefen die glücklichen Dinos wieder durch den Schlamm, hinterließen Fußspuren, die wegen sehr großer Hitze schnell trockneten. Ein heftiger Sturm aus dem Armorikanischen Massiv zog über das Gebiet und brachte sintflutartige Regenfälle und Erdrutsche mit sich, die die Fußabdrücke bedeckten. Der Konservierungsprozess hatte begonnen. Anschließend sorgte das Klima dafür, dass der Boden rasch verhärtete und die fossilisierten Spuren unter sich begrub beziehungsweise einfror. Schnappschüsse des Lebens zu Beginn des Jura. Die Erosion hat dann in mühevoller Kleinarbeit die Schichten wieder abgetragen und die Fußspuren sichtbar gemacht. Das geschah viele Millionen Jahre später. Einige der Abdrücke sind länger als 50 cm.
Auf diesem Felswatt (Gezeitenplatte) westlich des Veillon-Strandes gibt es hunderte von diesen dreizehigen Spuren von verschiedenen Dinosaurierarten. Es ist einer der wenigen Orte in Frankreich, an denen dieses Dinosaurier-Fußspuren-Spektakel zu sehen ist. Von der Umgebung und Landschaft her sicher der schönste Ort! Seit 2010 ist die Stätte als nationales geologisches Kulturerbe eingestuft.
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Dinosaurier-Fußspuren auf dem Felswatt westlich des Veillon-Strandes | Foto: Christa Blenk
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Eine der Aktivitäten, um diesen Strand mit den prähistorischen Fußabdrücken vor Erosion und vor Menschen zu schützen, ist die handwerkliche Renovierung eines Fischereibeckens (Pêcherie).
Diese hufeisenförmigen Fischereibecken in Talmont/Veillon-Strand [s. Foto unten] wurden im zwölften Jahrhundert von den Benediktinermönchen von Saint-Jean d'Orbestier gebaut, um mit der Fischerei ohne Boot die Bevölkerung zu ernähren. Die Auswirkungen beider Kriege im 20. Jahrhunderts aber auch eine allgemeine Vernachlässigung machte aus den Fischbecken Ruinen.
Die Mitglieder der Assoziation wollen das ändern und bedienen sich an den Steinen und Felsbrocken, die noch vom ursprünglichen Bau vor über 800 Jahren herumliegen. Seit einiger Zeit arbeiten 35 Freiwillige daran, diese „Fischerei“ wieder funktionsfähig zu machen. Die Arbeiten sind genau aufgeteilt, es gibt die Steinjägerinnen. Sie suchen und identifizieren die jeweils gerade notwendigen Steine und markieren sie. Dann gibt es die Träger, die müssen kräftig sein, denn die Steine sind sehr schwer. Der Baumeister oder Architekt schließlich setzt sie nach altem Vorbild zusammen und verkeilt sie mit Hilfe der atlantischen Wellen. Die freiwilligen Handwerker arbeiten ausschließlich mit traditionellen Techniken und Methoden und beleben somit lange vergessene, aber einfach zu bewerkstelligende Traditionen. Didier hat einen Stab, auf dem die alten Maße wie Elle oder Fuß eingezeichnet sind. Eine Knotenschnur hat er in der Hosentasche. Er nennt es dynamische Archäologie. Um zu sehen, dass die Mauer auch horizontal ist, geht der Architekt einfach in die Knie und sucht die Linie am Horizont. Didier ist einer der Aktivisten und nimmt uns mit zu dem Fischerei-Becken, das in ein paar Jahren wieder einsatzbereit sein soll. Ein wichtiger Faktor für diese Konstruktionen ist der Hermelle (Sabellaria alveolata). Ein Meereswurm, der die Mauern sozusagen zu zementiert, sie wasserdicht macht. Bei Flut füllten sich die Becken mit Meerwasser und Fischen. Bei Ebbe fließt das Wasser durch eine Mündung am tiefsten Punkt wieder ab. Die großen Fische bleiben dank einem Kastanienholzgitter gefangen.
30 Arten von Algen und 64 Tierarten hat man dort bereits identifiziert. Eine reichhaltige Biodiversität auf sieben unterschiedlichen Lebensräumen. Eine intakte „Fischerei“ dient außerdem als Wellenbrecher und beschützt diese lokalen Wesen. Auch die Küstenerosion soll so vermindert werden, wenn sich die Wellen bei Flut weniger heftig daran brechen, weil sie vorher von den Mauern der „Fischerei“ abgeschwächt werden.
Es ist ein großartiger Spaziergang, auf dem man viel lernt und erkennt, wie klein wir sind!
Die Führung kostet 6 Euro, Kinder dürfen gratis mitgehen und wer gerade kein Geld dabei hat auch.
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Hufeisenförmiges Fischereibecken in Talmont/Veillon-Strand | Foto: Christa Blenk
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Christa Blenk - 2. September 2026 ID 16018
Weitere Infos siehe auch: https://estuaire.net
Post an Christa Blenk
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