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Kulturspaziergang

Echternach

und die

Spring-

prozession

Katholizismus zwischen Tradition und Moderne


Foto: Helga Fitzner


Im Jahr 2010 erkannte die UNESCO die Echternacher Springprozession zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit an, und da kann man als gastgebender Bischof durchaus mal Leidenschaft entwickeln. In seiner temperamentvollen Begrüßungsansprache hob Bischof Jean-Claude Hollerich u.a. die heutige Bedeutung der mittelalterlichen Tradition hervor. Vor Tausenden von Pilgern und Besuchern forderte er die Menschen auf, dem Populismus keine Chance zu geben. „Springt für Europa. Springt für den Frieden. Sonst wecken wir die Geister der Vergangenheit. DIE WOLLEN WIR NICHT!“ rief der Geistliche entschieden der Menge zu. Besonders den Luxemburgern sprach er aus dem Herzen, als er verurteilte, dass der Pfingstdienstag, an dem die Prozession traditionell stattfindet, im kommenden Jahr kein Feiertag ist. „Das ist eine Sauerei“, sagte er wörtlich. Da können die Schulkinder und viele Erwachsene nicht mehr daran teilnehmen, und das sorgt derzeit für viel Diskussion und Frustration.



Bischof Jean-Claude Hollerich hielt eine leidenschaftliche Ansprache, Foto: Helga Fitzner


Der Bistumssprecher Roger Nilles ist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig und beantwortete die Fragen der etwas überraschten Presse. Hollerich gehöre der COMECE, der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft, an, und die wurde unlängst von Papst Franziskus gebeten, die friedensstiftende Bedeutung des gemeinsamen Europas hervorzuheben, erklärte Nilles. Die Weigerung den Pfingstdienstag nächstes Jahr als Feiertag zu ernennen, sei nur ein Teil von etlichen Einschränkungen, die die katholische Kirche und ihre Gläubigen in letzter Zeit haben hinnehmen müssen. Das erkläre die Empörung des Bischofs und seiner Anhänger. Die Kirche werde zunehmend aus dem öffentlichen Leben verdrängt, obwohl es hier ein reges Interesse und den Rückhalt in der Gesellschaft gäbe.

Nun ist es für Außenstehende nicht so einfach, all dies nachzuvollziehen, und wenn man sich mit der Geschichte der Springprozession befasst, hilft das auch nicht viel weiter. Im Jahr 698 von dem iro-angelsächsischen Mönch Willibrord gegründet, ist Echternach die älteste Stadt Luxemburgs und gedenkt heute noch des ehemaligen Wandermönchs, der die Gegend damals missionierte und sich auch als „Apostel der Friesen“ einen Namen erwarb. Aufgrund seines Einflusses und Wirkens wurde er dann zum Heiligen Willibrord. Er liegt in der Basilika von Echternach begraben, und an jedem Pfingstdienstag gibt es die Springprozession, deren Ursprung und Bedeutung aber bis heute nicht geklärt ist, so dass man den eigentlichen Sinn nicht erkennen und nur auf Spekulationen zurückgreifen kann. Und so muss man als Journalist manchmal das Aufnahmegerät und die Kamera einstecken und sich unters „Springvolk“ mischen.



Die Gruppen von Springern in Fünferreihen und Musikern wechseln sich ab, © Peuky Barone-Wagener / LFT


Relativ am Anfang der Prozession gibt es Gruppen, denen sich „Einzelspringer“ anschließen können. Es werden Reihen zu jeweils fünf Personen gebildet, die sich mittels des Zipfels eines Dreiecktuchs miteinander verbinden. Dann zieht man von der Basilika ausgehend mit Tausenden von Springern und Musikern durch die Stadt, um wieder zur Basilika zurückzukehren. Die Strecke ist ungefähr einen Kilometer lang und es dauert rund eine Stunde, bis man selbst durch ist, wobei die gesamte Prozession über mehrere Stunden geht. Die Gruppen mit den Springern und Musikern wechseln sich ab. Wenn die Gruppe hinter einem spielt und springt, dann kann man gemütlich gehen, dann spielt und springt die Gruppe vor der eigenen, und danach ist man selber wieder dran. Je nach Fitness kann man rund zwei Minuten lang zum Polkaklang seitlich gehen oder halt springen, und dabei muss man schon sehr aufpassen. Denn man sollte als Gruppe natürlich synchron springen, bestenfalls alle in die selbe Richtung, was bei so viel Menschen nicht immer gelingt.

Schon nach rund zweihundert Metern bekommt man das Gefühl, als ob man sein Leben lang nichts anderes gemacht hätte. Die Stimmung in der Stadt und unter den Teilnehmenden wird immer besser, je länger man unterwegs ist. Die ewig selbe Melodie hat eine eigentümliche Wirkung, die sowohl beruhigend wie auch aufbauend ist, und die seltsamerweise trotz der Dauer gar nicht auf die Nerven geht. Dann betritt man noch springend die rechte Seite der Basilika bis zu den Treppen hinunter zur Krypta, in der vor seinem Sarkophag dem Heiligen Willibrord Ehre erwiesen wird. Einige haben Geldscheine davor gelegt als Anspielung auf die Vermutung, dass die Springprozession mit den früheren jährlichen Abgaben zu tun habe. Danach lösen sich die Gruppen auf und bevölkern die umliegenden Restaurants und Kneipen, bis man sich danach zur abschließenden Messe wieder in der Basilika einfindet.



Eine goldene Statue des Heiligen Willibrord wird während der Prozession durch die Straßen getragen, Interieur der Basilika von Echternach, Foto: Helga Fitzner


Es kommen auch viele Luxemburger dorthin, die in den umliegenden Ländern leben und dies zum Anlass nehmen, mal wieder in die Heimat zurückzukehren, ihr Brauchtum zu pflegen und Familie und Freunde wiederzutreffen. Viele kommen auch aus religiösen Gründen. Pilgern wird oft als „Beten mit den Füßen“ bezeichnet. Die Springprozession hat ja laut Bischof Hollerich ebenfalls eine aktuelle gesellschaftliche Komponente, und in diesem Jahr war auch ein wenig Trotz dabei, denn die sonst so weltoffenen Luxemburger wollen sich ihre Traditionen nicht gerne beschneiden lassen. Dies war schon mal unter Napoleon so und später während deutschen Besatzung von 1940 bis 1944 der Fall, als die Prozessionen verboten wurden, aber das hat den Willen eher noch gestärkt.

Nach der Teilnahme an der Prozession kann man zu dem Schluss kommen, dass die Springprozession ein paar Ähnlichkeiten mit z.B. dem aramäischen Vaterunser hat, das ein Körpergebet ist, was gesungen und getanzt wird. Bewegung und Musik beim Beten schien in der Zeit des frühen Christentums durchaus üblich, so dass die Springprozession ein rares Relikt ist. Neben dem Ausdruck von Religiosität steht sie ganz offensichtlich auch für Selbstbehauptung und Widerstand gegen äußere Einflussnahme. Die Organisation dieser Sternwallfahrt mit fast 9.000 direkten TeilnehmerInnen ist eine logistische Herausforderung, deren Bewältigung sogar von ausgewiesenen Kirchengegnern anerkannt wird.

Aber auch ohne Springprozession ist das sorgfältig erhaltene und restaurierte Echternach eine Sehenswürdigkeit mit einem urigen Stadtkern und guten Restaurants. Als Hauptstadt des vielfältigen Wandergebiets Müllerthal ist es ein guter Ausgangspunkt für die dortigen Wanderwege, zudem es unmittelbar an der deutschen Grenze liegt. Es kann sein, dass auch das Müllerthal bald zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören wird und zwar als „World Geopark“. Die Entscheidung wird im April 2019 fallen, und das Müllerthal erfüllt die Voraussetzungen, indem es die Erdgeschichte erlebbar macht und über Gesteine, Rohstoffe, Geologie und Bodenbeschaffenheit informiert, und das in einer abwechslungsreichen und wunderschönen Landschaft.


Helga Fitzner - 25. Mai 2018
ID 10713
Weitere Infos zur Echternacher Springprozession


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