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Kultur-Extra

Kulturjahr der Zehn

Vom Mai 2004 bis Mai 2005 findet in Berlin das Kulturjahr der Zehn statt. Von Musik über Bildende Kunst, Film und Literatur bis hin zu Theater und Tanz wird ein vielfältiges Programm aus den zehn neuen EU-Ländern dargeboten.

Zehn Länder sind am 1.Mai 2004 der Europäischen Union beigetreten: Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern. Grund genug eine Diskussion über die Konstruktion der europäischen Identität zu entfachen und die eigene kulturelle Identität neu zu bestimmen.

„Die Erweiterung der europäischne Union ist aus kultureller Sicht die größte Herausforderung des neuen Jahrtausends“, so Christina Weiß , die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien und neben Joschka Fischer und Klaus Wowereit Schirmherrin über das Projekt „Kulturjahr der Zehn“. Für sie ist der Beitritt Herausforderung und kulturelle Bereicherung.“ Vielfalt als auch Differenz sollte als Bereicherung erfahren werden.“ Eine westdeutsche Stimme.

Dabei hörte es sich in Berlin kurz vor dem ersten Mai 2004 ganz anders an: da waren es noch die Polen, die kommen würden – ungeachtet der Tatsache, daß „die“ schon längst da waren - und den Arbeitsmarkt des tüchtigen Deutschen überrennen sollten. Kurz vorher waren es die Polen, die an der Grenze ihr Unwesen trieben, die Autoklauer und Zigarettendealer, die klauen wie die Raben, hieß es. Aber waren das nicht die Rumänen? Auch waren es die Polen, die nach den Ossis die Aldis und Lidls heimsuchten und besetzten. Auch ein paar westdeutsche Stimmen.

Und die Esten, was ist nun mit den Esten - niemanden hört man um Hilfe rufen: „ Hilfe, die Esten kommen!“ Vielleicht ist es die Germanenconnection, mit der in einer offiziellen Broschüre des Senats von Berlin für Integration und Migration gedealt wird: „der römische Historiker Tacitus berichtete im ersten Jahrhundert n. Chr. von den „Aestii“, einem Volk, das den Germanen ähnlich sieht und ähnliche Sitten hat“, so steht es dort geschrieben im Jahr 2004. Die Esten gehörten also sowieso schon immer zu uns.

Hingegen gelten die Polen als leicht integrierbar, wenigstens von offizieller Seite. Dazu die Frankfurter Allgemeine Zeitung: “Die Polen tragen keine Kopftücher und sind auch an der Hautfarbe nicht zu erkennen...Kaum eine Ausländergruppe hat sich so geräuschlos integriert wie die Polen.“(Gerhard Gnauck,FAZ,06.05.1998)

So einfach ist die Sache: Die EU in ihrer kulturellen Vielfalt, solange wie die Hautfarbe stimmt und man unauffällig bleibt..

Soviel zum Background .

Wir haben uns für Euch auf der Ausstellung „E.U. positive“ in Berlin umgesehen. „E.U.positive“ ist ein Teil des Projekts „Kulturjahr der Zehn“ und ist noch bis zum 7. November 2004 zu sehen. Wie gehen die Künstler und Künstlerinnen mit der neuen Situation um? Werden sie von ihren West-Mäzenen gegängelt und von den West-Proleten beschimpft? Wer hat Angst vorm tschechischen Mann? Ist das Schimpfwort „Polake“ für jeden, der irgendwie aus dem Osten kommt und irgendwie so was ähnliches wie russisch spricht endgültig aus dem deutschen Wortschatz verschwunden? Sind wir jetzt wirklich alle Freunde? Schaun wir mal!

Die Ausstellung umfasst Werke von 42 Künstlerinnen und Künstlern aus den zehn neuen EU-Ländern. Die Objekte sind Video-und Computerinstallationen, Fotografien, Skulpturen, interaktive Installationen, Malerei… Jedes Objekt ist dabei eine Momentaufnahme. Die Ausstellung hat weder eine historische noch eine geografische, nach einzelnen Ländern geordnete, Kategorie. Die Momentaufnahmen stehen sich scheinbar bezugslos gegenüber. Um so wichtiger ist es vor den einzelnen Werken zu verharren, sich zu befassen und sich darauf einzulassen. Ansonsten geht die sehr eigene Dynamik der Ausstellung an einem komplett vorbei.

Antanas Sutkus | Foto: (c) mayer.adk

Die Fotografien des litauischen Fotografen Antanas Sutkus zu Beginn der Ausstellung wirken wie eine räumliche und zeitliche Schleuse in die großen Ausstellungshallen der Akademie der Künste. Schwarzweißfotos von Menschen in Litauen zwischen 1959 und 1989 sind die Leidenschaft des Künstlers Sutkus. So hat er auch mit dem Untergang der Sowjetunion sein Thema verloren und widmet sich nun seinem Archiv aus über 700000 Negativen, von denen einige in der Ausstellung zu sehen sind.

Nach dem verlassen der Schleuse stößt man direkt auf die Videoinstallation von Michael Bielicky, der 1954 in Prag geboren wurde und 1969 in die Bundesrepublik übersiedelte, kurz nachdem sowjetische Truppen in der Tschechoslowakei einmarschierten und dem „Prager Frühling“, der Chance das realsozialistische Modell zu reformieren ein gewaltsames Ende bereiteten. 1991 kehrte er nach Prag zurück.
Die Videoinstallation mit dem Titel “The Last Path of Walter Benjamin“ ehrt alle Flüchtlinge, die in der Geschichte namenlos geblieben sind und löst den historischen Zusammenhang auf. Die Flucht wird zu einem zeitlosen Phänomen.
Man selbst als Betrachter ist der Flüchtling, der die steilen Pfade durch die Pyrenäen stolpert, die Wege, die auch Walther Benjamin und viele andere Flüchtlinge gegangen sind um sich vor den Faschisten zu retten.

„We´ve got the Power“ 2003, Kristof Kintera, Kartoffeln, Elektroden, Digital-Armbanduhren, Voltmeter, ca 180cm hoch | Foto: (c) mayer.adk

„We´ve got the Power“ ist der Titel dieser Kartoffel-Homunkuli, menschliche Wesen geformt aus der Biomasse Kartoffel. Die Kraft der Kartoffel vereint mit der Hochtechnologie des 21.Jahrhundert, gepaart mit den sozialen Trieben von Adam und Eva spiegelt die Macht heutiger Entwicklungen. Kintera ist ein junger Künstler aus Prag, geboren1973, dessen Werke zur Zeit in einer Prager Galerie ausgestellt werden.

„Pathetique“ von Kai Kalji aus Estland ist eine Videoinstallation, die in der ersten Einstellung eine Pianistin in einem Klavierkonzert zeigt, sodann auf die Straße schwenkt, auf der in der eiskalten Dämmerung ein komplett betrunkener Mann zunächst hinfällt und dann wankender Weise seinen Weg nach Hause sucht. Dabei scheint das Klavierkonzert der Soundtrack zur Odysse des Besoffenen zu werden, der Mann selbst der Hauptdarsteller in dem Ein-Personen-Slapstick. Der Ursprung dieser Installation ist eine wahre Begebenheit der Künstlerin Kalijo, die einen betrunkenen Mann am Boden liegen sah und anstatt ihm zu helfen, begann ihn mit der Videokamera zu filmen. Sie begegnete in dieser Situation einer ihrer eigenen dunklen Seiten. Am Ende des Videos, das ca. 3 Minuten läuft, bedankt sich die Pianistin, Kai Kaljo selbst bei dem imaginären Publikum, dabei aber zollt sie vielmehr dem Hauptakteur des Films Respekt, dem betrunkenen Mann, wie eine späte Entschuldigung.
Oder vielleicht eine sehr späte Danksagung an alle Trinker, die in den 20er Jahren durch die Alkoholsteuer Literatur, Kunst und Wissenschaft in Tallinn, Riga und Vilnius kräftig gefördert haben? – Wohl kaum.

Leider ist der Besucher der Ausstellung versucht an bestimmten Objekten vorbeizugehen, da die Orte der Präsentation manchmal etwas unglücklich gewählt sind. Auch überlappen sich an bestimmten Stellen in der Halle die Klänge der verschiedenen akustischen Begleitungen der Werke, so daß sich alles zu Lärm vermischt. Schade.

Arturas Raila lebt und arbeitet in Vilnius, Litauen. Er ist mit zwei sehr provozierenden Werken auf der Ausstellung „E.U. positive“ vertreten.
Das eine ist das „Roll Over Museum“. Ein wahrlich internationalistisches Werk, an dem wohl kein Mann der etwas auf sich hält emotionslos vorbeigehen kann.
Es zeigt Fotos von vier Autowerkstätten, in denen jeweils ein Sportwagen mit Sonderausstattungen und deren Besitzer gezeigt wird. In einem Video erläutern die Bastler jedes Detail, daß sie an ihrem zum Beispiel Volkswagen Scirocco Baujahr 1986 verändert haben. Natürlich wird auch Drehmoment, Hubraum, Höchstgeschwindigkeit etc. beziffert. Spannend.
Diese Installation könnte auch in einer VW-Werkstatt als Werbegag auftauchen. Dann würde jeder Autoliebhaber zum Betrachter des Werkes.
Dieser zum Kunstversteher, ja geradezu zum Kunsttheoretiker und Arturas Raila wäre kein Künstler, sondern ein Schrauber aus Leidenschaft und Kunstverdreher.

„Sixtysomething“ 2003, Videoinstallation, Schmetterlingsobjekte, Digital Inkjet Prints, Installationsmaße variabel, Milena Dopitova | Foto: (c) mayer.adk

Verspielt, kindlich-naiv kommt diese Installation daher. Zwillinge, Schmetterlinge, zwei Begriffe für ein und dasselbe. Milena Dopitova selbst hat eine Zwillingsschwester und setzt sich hier auch mit ihrer eigenen Identität auseinander. Zudem spielt das Leben älterer Menschen eine große Rolle. Auch sie empfinden Liebe und Freundschaft und wollen nicht auf etwas verzichten, was aufgrund ihres Alters geächtet ist: Spaß, vielleicht ein Tänzchen mit der Zwillingsschwester. Auch Schmetterlinge. Ein anrührendes Werk, nichts für Kfz-Mechaniker.
Milena Dopitova ist 1963 in Sternberk , Tschechoslowakei , geboren und lebt heute in Prag.

„Sen Busha“ (Bushs Traum), Titel des Werks „Final Liberation“ , zwei Fotografien, 2004, ursprüngliches Coverfoto der polnischen Kulturzeitschrift „Przekroj“ von Zbigniew Libera. | Foto: (c) mayer.adk

Rechts davon als Video „Sunday Army“

Der Beitrag der polnischen Kulturzeitschrift war gefaked. Das Foto von Zbigniew Libera wurde vorher inszeniert und am Tage des Einmarschs der US-Soldaten in Bagdad veröffentlicht. Am Ende der Fotoreportage wurde der Leser über die Fiktion informiert.

„Sunday Army“ - Video, 0:37 Min.,Videostills, 2003, Gabriela und Erik Binder aus Bratislava, Slowakei.
Eine morbide Hommage an die Sonntage im Plattenbau. Durch das ständige Klopfen auf die Schnitzelscheiben im Hochhaus allsonntäglich wird das Mauerwerk brüchig und stürzt letztendlich ein. Übrig bleibt das Schnitzel als Vision im Fernseher.

Es muß nicht immer Hochglanz sein oder die Emanzipation osteuropäischer KünstlerInnen

Luchezar Boyadijev hat eines seiner Werke „GastARTbeiter“ genannt. Das könnte auch der Begriff für eine bestimmte Präsentation von Kunst sein, nämlich der der alleinigen Gemeinsamkeit durch die Geografie. Damit wird gleichzeitig der Inhalt der Kunst degradiert, an zweiter Stelle gestellt. Wichtig ist woher du kommst, nicht wer du bist oder schon gar nicht was du machst. Es gibt Ausstellungen, da tritt der Makel dieser Präsentation nur hintergründig zu Tage. Manchmal weil alle KünstlerInnen aus einem einzigen Land kommen, manchmal weil sich KünstlerInnen aus den erwünschten Ländern selbst als KuratorInnen betätigen und so diesen üblen Beigeschmack noch etwas versüßen können.
Zudem ist diese Problematik in vielen gesellschaftlichen Bereichen ähnlich, also kein auf den Kunstsektor reduziertes Phänomen.

Gemeinschaftsausstellungen können zwar ein Beginn der Emanzipation sein, Einzelausstellungen wären ein großer Fortschritt auf dem Weg dorthin. Auch im Rahmen des Programms „Kulturjahr der Zehn“ stellen KünstlerInnen einzeln in Berliner Galerien aus. Das ist zumindest ein Tropfen… Letztendlich müssen die KünstlerInnen selbst mit geschärftem Selbsbewußtsein in die Arena steigen und sich ihren Platz erkämpfen.

Da bleiben noch zwei Dinge nachzutragen:
Das der estnische Strömling kleiner ist als von der EU erwünscht, liegt nicht am Unvermögen estnischer Fischer, sondern am niedrigen Salzgehalt estnischer Gewässer. Es liegt in der Natur des Strömlings und dem ist mit nichts beizukommen. Auch die estnischen Fischer haben ihren Kampf noch nicht verloren.
Zum anderen ist es eine gute Sache anstatt eines Hochglanzkatalogs zur Ausstellung, dessen Preis meistens den des Eintrittspreises übersteigt, eine Zeitung zur Ausstellung „E.U.positive“ für einen Euro zu bekommen.
Es ist ja schließlich allein der Inhalt entscheidend.

silke parth - red.berlin / 17. Oktober 2004

Die Ausstellung kann noch bis zum 7.November 2004 besucht werden.
Nähere Informationen unter www.adk.de/eupositive
Weitere Informationen zum Kulturjahr der Zehn unter www.kulturjahrderzehn.de

 



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