Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 

Bitte spenden Sie!

KULTURA-EXTRA durchsuchen...

Kultur-Impressionen


DIE EICHE VON ALLOUVILLE



Foto (C) Ellen Norten


Besuch im Baum

Wer den winzigen Ort Allouville-Bellefosse in der Normandie anfährt, stößt unweigerlich auf eine Eiche, die einem Zauberwald entsprungen zu sein scheint. Der Baum steht neben der Dorfkirche, direkt an der Straße. Die Krone des Baums ziert ein feines Kreuz. Dieses wiederum sitzt auf einem kleinen Dach, das den oberen Stammbereich der Stieleiche abschließt. Ein Teil des Hauptstamms ist von hölzernen Schindeln eingefasst, und zwei Türen führen in den Baum hinein. Zwischen der Verschalung ragen kräftige Äste mit dichtem Laub empor. Die Eiche lebt, und ihre rindenbewehrten Arme heißen den Ankömmling geradezu willkommen.

Der Baum - man ahnt es schon - ist keine gewöhnliche Eiche. Sie zählt zu den ältesten Bäumen Frankreichs. Mit ca. 1200 Lebensjahren gab es diese Eiche schon zu Zeiten von Wilhelm dem Eroberer, und sie war auch damals kein kleines Bäumchen. Die Eiche hat die Zeiten überdauert. Könnte sie reden, so hätte sie einiges zu erzählen. Stattdessen lässt sie uns ein in ihr Inneres, und wir dürfen uns einer speziellen Form der Spiritualität hingeben - eine Erbauung, die schon vor dreihundert Jahren der Mönch Abbé du Détrout Curé gespürt haben muss. Er baute eine kleine Kapelle und einen Meditationsraum in den Baum hinein. Die beiden Türen dorthin stehen für jedermann offen.

Schon das Hineinkommen erfordert Zeit, denn der Einstieg ist sehr schmal. Drinnen erwartet uns ein hölzerner Altar mit einer Marienfigur. Die Wände sind getäfelt, und ein kleines Fenster erlaubt einen Blick ins ausgehöhlte Eichenholz. Die Kapelle bietet gerade mal Raum für zwei Personen. Doch man kann auch allein die Tür hinter sich schließen und sich ganz der speziellen Atmosphäre des Baums überlassen. Auf dem Altar steht ein Topf mit trockenen Getreideähren, ein Korb und eine Marienfigur, die wie ein lustiges Kinderpüppchen wirkt. Der Raum strahlt eine gelassene Heiterkeit aus, und man atmet die würzige Luft des Holzes. Wieder vor der Tür ist man vom tiefhängenden Laubdach umfangen. Ein Schild verkündet:

„A NOTRE DAME DE LA PAIX ERIGÉE PAR MrL´ABBÉ DU DETROIT CURÉ DÁLLOUVILLE en 1696“

Die Kapelle ist Notre-Dame-de-la-Paix gewidmet.

Eine lichte Wendeltreppe führt um den ca. 15 Meter Umfang messenden Baumstamm ins obere Zimmer. Hier hängt ein Kruzifix über dem Altar, und der Raum ist nach oben hin offen. Man sieht direkt in die Eiche hinein, und man sieht damit auch, dass sie heute abgestützt werden muss. Wer würde es ihr bei ihrem Alter verdenken. Wieder draußen vor der Tür, strahlt uns das typische Licht dieser Gegend entgegen. Die Seine-Maritime Region gilt als das Land der Impressionisten. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts besuchten viele Künstler diesen Teil der Normandie, und manche blieben hier. Man sagt, sie liebten das besonderen Licht: Claude Monet, Camille Pissarro, Pierre-Auguste Renoir, Jules Noël, Georges Braque und der Schriftsteller Guy de Maupassant.

Die Gründe, heute diese Gegend zu besuchen, sind vielfältig; die schöne Landschaft und die dazugehörigen Häuser mit ihren aus verschiedenartigen Steinen gemauerten Fassaden, das nahe gelegene Meer und die Seine, die sich von Rouen kommend zum Meer schlängelt.

Die Motivation, die den Besucher zu dem einzigartigen Baum führt, ist sicher auch vielfältiger Natur. Ob religiös, spirituell, touristisch oder wie auch immer, die Besichtigung der Eiche hinterlässt ein besonderes Gefühl.

Ich besuche den Baum noch ein zweites Mal. Als ich ein Blatt als Andenken pflücke, habe ich fast das Gefühl, ich müsse mich dafür bei der Eiche entschuldigen. Das Blatt kommt zwischen die Seiten meines Tagebuchs. Es reist nun mit mir und erinnert mich an einen Ort, der ein ganz bestimmtes Fluidum atmet, ein Gefühl vermittelt, das ich nicht vergessen werde.



Chêne d`Allouville oder Chêne-chapelle | Die Eiche von Allouville-Bellefosse, zwischen Rouen und Fécamp in der Normandie - Foto (C) Ellen Norten



Bewertung:    


Ellen Norten - 5. August 2013
ID 7025
Weitere Infos siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Ch%C3%AAne_d%E2%80%99Allouville


Post an Dr. Ellen Norten



  Anzeigen:




EXTRA Inhalt:

Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN

Kurzmeldungen

ANTHOLOGIE

INTERVIEWS

KULTURSPAZIERGANG

MUSEEN IM CHECK

THEMEN


Bewertungsmaßstäbe:


= nicht zu toppen


= schon gut


= geht so


= na ja


= katastrophal




Home     Impressum     Autorenverzeichnis     FILM     KUNST     LITERATUR     MUSIK     THEATER     Archiv     Termine

Rechtshinweis
Für alle von dieser Homepage auf andere Internetseiten gesetzten Links gilt, dass wir keinerlei Einfluss auf deren Gestaltung und Inhalte haben!!

© 1999-2017 KULTURA-EXTRA (Alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Künstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar!)

Webdesign und -programmierung by Susanne Parth, bplanprojekt | www.bplanprojekt.de