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Hamburg: Ausstellung zur Musikgeschichte noch bis 30. November 2006

Verstummte Stimmen — Die Vertreibung der "Juden" aus der Oper 1933 bis 1945.
Eine Ausstellung des Hamburger Abendblatts in Zusammenarbeit mit der Hamburgischen Staatsoper, unterstützt von der Axel Springer Stiftung.



„Verstummte Stimmen“ legt Zeugnis ab von Theatermachern, Intendanten, Musikern, Dirigenten, Komponisten, die im deutschen Faschismus zu Tode kamen oder im Exil weiterwirken mussten. Künstlerische Verluste, die sich im Bereich des Operngesangs sehr konkret nachweisen lassen. Führende Sänger und Sängerinnen, auch und gerade im deutschen Wagner-Fach, waren oftmals Juden, wie Initiator Jürgen Kesting (neben Hannes Heer und Peter Schmidt) in seinen die Ausstellung exzellent begleitenden Vorträgen plastisch darlegt. Häufig hielten sie Gesangstraditionen aus Schulen des 19. Jahrhunderts am leben. So kann beispielsweise Hitlers Wagnerliebe keine echte Kunstliebe gewesen sein. Beraubte sie doch gerade Wagners Werke um ihre besten Interpreten. Diese sammelten sich fortan an der New Yorker Metropolitan Opera und begründeten ihren Weltruhm der dreißiger und vierziger Jahre.

Neben emigrierten Sängern wie Lauritz Melchior, Friedrich Schorr, Alexander Kipnis und Emanuel List betrifft das auch Lotte Lehmann. Ganz anders als Frieda Leider widerstand diese Ausnahmesängerin dem Versuch Hermann Görings, sie zur Berliner Reichsprimadonna zu machen. Auch sein „Angebot“, sie werde hier keine schlechte Kritik bekommen, einfach weil er jedweden Negativschreiber eliminieren lasse, fruchtete bei ihr gar nicht. Sie wollte weltweit singen können und tat dies: Zuerst in Wien, dann nach 1938 verblieb sie bis zu ihrem Bühnenabschied an der Met, wählte die amerikanische Staatsbürgerschaft und wirkte bis zu ihrem Tod 1976 als Gesangslehrerin in Santa Barbara.

Dank früher Aufnahmepraxis wird ein Teil dieser verstummten Stimmen erneut hörbar. Die Ausstellung besteht neben biographischen „Paradigmata“ (Kesting) – Einzeltafeln von Sängern und Sängerinnen, Musikern, Dirigenten und Komponisten – aus einer ganzen Reihe von Hörständen, an denen man über Stimmen jüdischer und nichtjüdischer Künstlerschicksale eben wie Joseph Schmidt, Lotte Schöne, Fritzi Massary oder Gitta Alpár nachsinnen kann. An diesen akustischen Tankstellen kommen einem des öfteren Tränen: Die Bildimpressionen der Ausstellung mischen sich mit den anflutenden Tönen und beginnen sich zu Leben auszuformen, so dass man das, was eigentlich unerfahrbar ist, von diesen Stimmen aus zu sehen beginnt.

Inhaltlich wird das in der Zeitgeschichte dokumentiert, die wie ein Teil der Ausstellung auch online unter http://www.verstummtestimmen.de eingesehen werden kann. Daneben stehen Aussagen zentraler Personen von deutschen Bühnen sowie die bitteren Hamburger Lebenswege wie das der Sopranistin Sabine Kalter oder des Tenor-Buffo Paul Schwarz von der Staatsoper. All das ruft bereits Interesse bei anderen Häusern wie Bremen und Bayreuth hervor. Und in der Landeshauptstadt dürfte es sicher nur eine Frage der Zeit sein, bis ein Opernhaus oder ein Museum zugreift.

Lobenswert ist insbesondere das Engagement der Intendantin der Hamburger Staatsoper Simone Young. Durch ihre selbstverständliche Unterstützung füllen nun eine Reihe Portraits das Foyer. Darüber hinaus das des Hamburger Abendblatts: Es legt sich mit einer fortlaufenden großseitigen Serie wichtiger Sängerportraits aus der Zeit des Nationalsozialismus richtig ins Zeug. Eine Glosse: Der NDR habe es bislang für unnötig befunden, über diese wichtige Ausstellung der „Verstummten Stimmen“ – ein für die Geschichte der Oper durchaus zentraler Beitrag zur umfassenden Aufarbeitung des Nationalsozialismus – angemessen zu berichten. Das jedoch passt erschreckend genau zur derzeitigen Senderpolitik, die sich einer demokratischen Kultur entzogen hat, indem sie einen öffentlichen Austausch mit ihren Hörern nicht wahrnimmt. (Dazu: http://www.dasganzewerk.de/presse/20060610-haz-podiumsdiskussion-dgw-hamburg.shtml )

Diese Ignoranz gegenüber den „Verstummten Stimmen“ könnte damit zusammenhängen, dass man eine laut dem Betroffenen Gerhard Hintze geübte Praxis der KZ-Wachmannschaften im KZ Fuhlsbüttel nicht mehr kennt und von daher kaum ermisst, wie die in der Ausstellung benannten Menschen zu ihrer Zeit dastehen. Jene befahlen den „politisch intriganten“ Theaterleuten beim Appell den Mund aufzumachen und spieen hinein.

Wolfgang Hoops - red / 28. November 2006
ID 00000002819
Verstummte Stimmen — Die Vertreibung der "Juden" aus der Oper 1933 bis 1945.

Ausstellung in der Staatsoper Hamburg oder im Abendblatt-Center (Caffamacherreihe 1) bis zum 30.11.2006.

CD-Bestellung möglich unter: http://www.abendblatt.de/extra/service/558520.html

Siehe auch:
http://www.verstummtestimmen.de





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