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Kultura-Spezial

1.Ohrmacht-Literaturwettbewerb

Der Text der Siegerin Stefanie Gleissner




Winter – das schönste Gefühl

Das Schweigen kenn ich noch vom letzten Jahr und vom Jahr zuvor und das Jahr davor haben wir auch schon geschwiegen und an die Jahre davor kann ich mich nicht mehr erinnern. Da war ich noch zu klein. Da ist er wohl alleine losgezogen. Dieses Jahr platze ich nicht mehr vor Schweigen und den von Mama auferzwungenen Wollpullover zieh ich ganz selbstverständlich im Auto aus ohne ihn bittend anzusehen. Wenn es ihm nicht gänzlich egal ist, ob ich den Pullover trage oder nicht, wenn er es überhaupt bemerkt, dann ist es ihm sicherlich gerade recht. Er trägt nur seine Pfoart, im Sommer, im Winter und dazwischen auch. Wenn er einen Jancka drüber trägt, dann nie lange. Er muss seine Unterarme frei haben. Die Fäustlinge lass ich auch im Auto. "Mit de Faistling ou hast koa Gspiar fürs Hoiz!", hat er letztes Jahr beim Holzen gebrüllt. Ich war erschrocken, horchte auf, und ein Buchenholzklotz flog auf mich zu und landete ungefangen auf meinen Fingern. Ich weiß, dass es ein Buchenholzklotz war, weil Buche viel schwerer ist als Fichte, sie brennt auch länger, Fichte ist dafür besser zum Anzünden. Es hat sehr weh getan, aber ich schrie nicht und weinte nur ein bisschen doch das hat niemand gesehen. Ich fing den restlichen Nachmittag die Holzklötze nur noch mit einer Hand, tat aber so als würd ich die andere Hand mitbenützen. Abends schnitt Mama dann den Fäustling mit einer Schere auf, weil er anders von meiner dicken Hand nicht mehr runterzukriegen war.

Dieses Jahr lasse ich die Fäustlinge vorsorglich im Auto. Ich weiß wir suchen zwar nur einen Christbaum, doch der ist auch aus Holz und da brauche ich mein Gespür, denkt er wahrscheinlich. Die ersten paar Minuten tut es immer sehr weh. Das ist ganz normal. Die kalte Luft zieht durch die Nase direkt ins Hirn und zündet kurz, die Haut an Gesicht und Händen schrumpft zusammen und ist dann zuwenig, deswegen fühlt es sich so an als würde sie gleich aufplatzen. Manchmal passiert das auch. Am besten ist es, wenn ich gar nicht daran denke, dass es weh tut, kurz die Augen zu mache und weiter laufe, die Beine ganz hoch über die Schneedecke hebe und den Schnee dann mit aller Kraft, so dass mir das Wasser über den Rücken läuft, niedertrete, ganz schnell, immer wieder, bis das Herz in meinem Kopf klopft, dann reiße ich die Augen wieder auf und bleibe stehen. Das ist das schönste Gefühl. Die Bäume drehen sich und ich sehe die durchsichtige hellblaue Schicht mit der der Schnee überzogen ist. Sie ist aus kleinen Funkelteilchen zusammengesetzt, die sich schnell bewegen, sich vermischen und alle Geräusche einfangen und wegschließen, so dass nur noch das Klopfen in meinem Kopf übrig bleibt. Das schönste Gefühl, das ich kenne geht schnell vorbei. Danach steht alles wieder still, das Klopfen im Kopf wird leiser und langsamer. Ich hebe die Beine dann noch höher, trete den Schnee kräftig, das Unterhemd klebt an meinen Rücken, öffne die Augen und weiß, dass das schönste Gefühl beim zweiten Mal noch schneller vorbei geht, dass die Teilchen nur ganz kurz wirbeln und das Knacken im Unterholz nicht mehr einschließen. Ich weine ein bisschen, doch es hat niemand bemerkt. Ich frage mich ob er das schönste Gefühl kennt. Er muss es kennen, denke ich, denn er hebt seine Beine unheimlich hoch und die Spuren die er hinterlässt, sind viel tiefer als meine. Außerdem bleibt er manchmal stehen und reißt die Augen auf und schaut den blauen Funkenteilchenwirbel glaube ich. Ich frage nicht, denn sie fangen alle Geräusche ein und schließen sie weg.

Wir stapfen immer weiter. Es wird kalt am Rücken. Ich denke an den Wollpulli und die Fäustlinge im Auto. Von da an vergeht aber noch viel Zeit bis er stehen bleibt und schaut. Nicht mehr die Teilchen, denn das Klopfen im Kopf ist lange schon weg. Da wo er hinschaut, das ist weit weg, das sehe ich und ich bin froh, dass wir nie dahin laufen müssen, sondern er nur seine Riesenhand auf meinen Kopf legt und alle Haare durcheinanderbringt: "Zottelköter", sagt er und dann lange nichts mehr. Schließlich: "Stöffl, wir brauchn an Christbaam!" Er hebt die Hacke hoch und schlägt die nächste nicht allzu große Fichte, die in den letzten Jahren immer kleiner wurde, ab, entästet den unteren Teil und zieht sie hinter sich her, zurück über die Buckelwiesen. Ich trotte neben ihm, versinke regelmäßig bis zur Hüfte im Schnee, reiße mühsam die Beine hoch, laufe und stolpere, bis ich ihn wieder eingeholt habe. Er bemerkt nicht wenn ich hinter ihm zurück bleibe. Manchmal lässt er sogar unseren Christbaum los, bemerkt es nicht und läuft ohne ihn weiter. Ich stapfe zurück und zerre, schlitze mir an den Aststumpen die Hände auf, schaufle den Schnee von den Zweigen, faße den Baum von hinten, schiebe, der vordere Teil versinkt, robbe auf allen vieren zurück, der Schnee zerinnt an meinem Hals und läuft mir über die Brust. Ich zerre weiter. Unversehen kommt das schönste Gefühl. Und bleibt. Die silberblauen Teilchen zerfetzen in schwarz vor meinen Augen und überall. Das Klopfen in meinem Kopf schwillt an. Seine Riesenhände fassen meine Achselhöhlen, ziehen mich hoch. Ich reiße die Augen auf. Die Teilchen stehen still. Das Schweigen kenne ich noch vom letzten Jahr.



Stephanie Gleissner
ID 00000002010
Der Wettbewerb hatte das Thema: „Schnee“ und fand am 19.08.05 in der Tübinger Kultgaststätte „X“ statt. Der Text von Stefanie Gleissner wurde sowohl vom durchaus zahlreich erschienen Publikum, als auch, unabhängig davon, von der Jury als der beste erachtet.
Informationen zum Projekt, sowie alle nominierten Texte findet man bei www.ohrmacht.de.

Interessant für alle Autoren, die Vorleseerfahrung sammeln möchten und denen der Weg nach Tübingen nicht zu weit ist.
Matthias Mager-Red.

Siehe auch:
http://www.ohrmacht.de




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