Filme, Kino & TV
Kunst, Fotografie & Neue Medien
Literatur
Musik
Theater
 
Redaktion, Impressum, Kontakt
Spenden, Spendenaufruf
Mediadaten, Werbung
 
Kulturtermine
 
TV-Tipp

TV-Ausstrahlung: 14. Juli 2004, 20.15 Uhr ARD

„Wer küsst schon einen Leguan?“

Regie: Karola Hattop | Mit einem Interview mit Frederick Lau

Filme für Kinder ab 8

Tobias (Frederick Lau) und Lena (Carina Hinzen)


So ein kleiner Harry Potter ist der heranwachsende Tobias schon, denn seinen dreizehnten Geburtstag feiert er allein. In der Schule hat er einen unfairen Erzfeind und sein Zuhause ist einfach nur fürchterlich. Aber damit sind die Gemeinsamkeiten mit Harry Potter schon ausgereizt, denn in Tobias’ Leben gibt es keine Magie und auch keine Schule für werdende Zauberer. Er lebt mit seiner sehr jungen und überforderten Mutter in einer Plattenbausiedlung in Jena. Seine Mutter hat sich einen total rücksichtslosen Lover zugelegt. Tobias (Frederick Lau) wird von Fritze geschlagen und gequält, ohne dass die Mutter die Kraft hat einzugreifen. Als „Geburtstagsgeschenk“ darf er zwei Wochen lang alleine zu Hause bleiben, während die beiden Turteltauben an der Ostsee Urlaub machen. Die 50 Euro, die ihm seine Mutter für das Essen gibt, nimmt ihm der gehässige Fritze (Mario Irrek) wieder ab. Nun muss Tobias sich zwei Wochen lang ohne Geld durchschlagen. In der Schule hat er schon Ärger, weil er ständig ausrastet und um sich schlägt. Er ist selbst zu denen aggressiv, die sich um seine Freundschaft bemühen. Das ist vor allem Lena (Carina Hinzen), die auch im Plattenbau lebt und immer versucht zu schlichten. Zum Dank nennt Tobias sie fette Planschkuh, obwohl er das eigentlich gar nicht so meint.

Tobias (Frederick Lau) und der Leguan
Doch es gibt auch ein paar tolle Momente in Tobias’ Leben. Da ist vorübergehend ein neuer Nachbar eingezogen. Es ist der alleinstehende Autor Max (Michael von Au), der die Drehbücher für Tobias’ Lieblingsserie im Fernsehen „Mitten im Leben“ schreibt. Max besitzt einen grünen Leguan, das ist ein ziemlich große südamerikanische Echse. In der Schule erzählt Tobias auf einmal, dass er angeblich doch wisse, wer sein leiblicher Vater sei. Und er beschreibt ihn genau. Der ist Drehbuchautor, hat einen Leguan und so weiter. Das geht soweit, dass Tobias eines Tages den Leguan und ein Foto von Max klaut und mit in die Schule nimmt. Von da an wird er nicht mehr als Asi bezeichnet, nur noch manchmal von Florian, aber auf den gehässigen Typen hören die anderen immer weniger. Was Tobias nicht weiß, Max benutzt ihn genauso wie er ihn. Max nimmt sich aus dem Zusammensein mit Tobias die Inspiration für seine Drehbücher. Als Tobias das erfährt, rastet er aus. Aber das ist noch lange nicht das Ende seiner Schicksalsschläge. Mit Entsetzen hört er, dass seine Mutter...

Mehr wird an dieser Stelle nicht verraten, sonst ist die Spannung weg für die, die sich am 14. Juli den Film im Fernsehen anschauen wollen.

Tobias und seine Mutter
Über die Erfolgsgeschichte des Films

„Wer küsst schon einen Leguan?“ ist eine Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks und der Kinderfilm GmbH. Beim Internationalen Kinderfilmfestival „Schlingel“ in Chemnitz wurde er 2003 gleich zweimal ausgezeichnet: mit dem Europäischen Filmpreis und dem Publikumspreis. Sogar in Kanada gewann er einen Preis beim International Children’s Film Festival 2004. Bei dem oft als Fernseh-Oscar bezeichneten deutschen Grimme-Preis brachte er es zu einer Nominierung. am 26. Juni nun erhielt der Hauptdarsteller Frederick Lau bei der Robert-Geisendörfer-Preisverleihung eine „Lobende Erwähnung“. Bei dieser Gelegenheit stand der mittlerweile 14jährige Berliner uns auch kurz zu einem Interview zur Verfügung. Doch zuerst wollen wir ihn kurz vorstellen. Die Begründung der Jury für den Preis an ihn lautete: „Mit seiner herausragenden schauspielerischen Leistung gelingt es dem jungen Darsteller eindrucksvoll, die Gefühle und Verhaltensweisen eines vernachlässigten 13-jährigen Jungen zwischen Verzweiflung und Hoffnung anrührend auszudrücken und so ein hohes Maß an Empathie, Identifikation und Nachdenklichkeit beim Zuschauer zu erzeugen.“

Frederick Lau

Mit seinen 14 Jahren ist Frederick schon auf dem Weg zum Profi, denn „Wer küsst schon einen Leguan“ ist der siebzehnte Film, in dem er mitspielt. Wer 2002 „Das fliegende Klassenzimmer“ im Kino gesehen hat, erinnert sich vielleicht an ihn. Da hat er den esswütigen Matz gemimt. Im Fernsehen hat er unter anderem bei „Dr. Sommerfeld“ und „Doppelter Einsatz“ mitgespielt. In diesem Jahr kommt er noch zweimal in die Kinos in „Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen“ und in einem Film des bayrischen Regisseurs Joseph Vilsmaier „Bergkristall.

Um neben der Schule so viel drehen zu dürfen, braucht er die Erlaubnis der Schule und es muss sogar ein Antrag beim Jugendamt gestellt werden. Nach Drehschluss muss er dann abends noch die Hausaufgaben machen, die ihm befreundete Klassenkameraden zuschicken. Aber er will nach der Schule ins Filmgeschäft einsteigen und neben dem Schauspielen auch Regie führen. Zuhause erfährt er große Unterstützung. Er hat mit der Regisseurin Karola Hattop und seinem Kollegen Michael von Au intensive Gespräche gehabt, weil Frederick das Milieu nicht kennt, aus dem die Filmfigur Tobias stammt.


Interview mit Frederick Lau

Kultura-extra:
Wie hast du das geschafft, so überzeugend die Aggressivität darzustellen?

Frederick Lau:
Als wir da eingestiegen sind, habe ich mich gar nicht an den gelernten Text gehalten. Wir haben uns da beide hineingesteigert und da kam das von allein. Wir haben beide gespielt, aber das hat ausgesehen, als wäre es ein richtiger Streit gewesen. Das war klasse, echt, aber wir haben es nicht wirklich ernst genommen. Es war gar nicht so schwer, weil mir der Mario Irrek (Anmerkung der Redaktion: das ist im Film der gewalttätige Freund der Mutter) auch viel gegeben hat.

Kultura-extra:
Die Ohrfeige ging wirklich nicht unter die Haut?

Frederick Lau:
Der hat mich ja gar nicht getroffen.

Kultura-extra:
Bist du durch Aktivitäten in der Schule zur Schauspielerei gekommen?

Frederick Lau:
In der Schule haben wir Theater-AGs. Aber da geh ich eigentlich nicht hin. In die Schauspielschule kann ich erst nach dem Abitur.

Kultura-extra:
Wie bist du denn gecastet worden?

Frederick Lau:
Ich bin bei einer Agentur und von der bekomme ich Anfragen, ob ich zum Casting kommen will und so. Und da geh ich dann hin. Dann kommt es drauf an, man muss Text vorsprechen oder was anderes machen. Und für diese Rolle bin ich genommen worden.

Kultura-extra:
Du bist mit 14 Jahren kein Kind mehr, aber auch noch nicht richtig erwachsen. Wie findest du die Welt der Erwachsenen, wenn du in einem Film mit einer derart kaputten Familie spielst?

Frederick Lau:
Das ist halt real. Das ist halt Wirklichkeit. Es ist schade, dass das wirklich so ist. Das ist nicht schön für die Kinder, so aufzuwachsen.

Kultura-extra:
Der Tobias rastet ja aus. Wie gehst du in deinem Leben mit Frustrationen um?

Frederick Lau:
Es ist halt traurig, aber ich glaube, das lässt sich nicht verhindern.

Kultura-extra:
Meinst du, dass der Film eine Botschaft hat?

Frederick Lau:
Ja, natürlich. Erstens, dass man nicht aufgeben soll, auch wenn es einem richtig schwer fällt, und zweitens, dass man probieren soll, Kontakt zu anderen Menschen aufzubauen, die einem vielleicht helfen können. Es gibt zum Beispiel viele Kinder, die auf der Straße leben, die sollten Hilfe suchen, um vielleicht in anderen Familien zu leben.

Kultura-extra:
Der Tobias muss sich ja auch ein neues Zuhause suchen.

Frederick Lau:
Ja, deswegen!

Kultura-extra:
Die Verzweiflung über das Verlassenwerden und Verlassensein hast du in vielen verschiedenen Nuancen sehr intensiv nachempfunden. Das ist dir im wirklichen Leben glücklicherweise nicht passiert. Wo hast du das hergenommen?

Frederick Lau:
Irgendwoher. Keine Ahnung. Ich mach das einfach.

Kultura-extra:
Einige Szenen sind sehr gewalttätig und sehr beängstigend und überzeugend gespielt. Hast du zwischen Spiel und Wirklichkeit immer genau unterscheiden können?

Frederick Lau:
Ja, ja. Natürlich.

Kultura-extra:
Wie gefällt dir das Ende vom Film?

Frederick Lau:
Eigentlich war es ein anderes Ende, dass ich im Kinderheim bleibe. Aber das war zu hart. Das ist ein Film für Kinder und da haben sie den Stoff so umgearbeitet, dass ich halt den Vater am Ende doch noch kriege und dass ich zu dem ziehe.

Kultura-extra:
Warst du schon mal im Kinderheim.

Frederick Lau:
Wir haben in einem richtigen Kinderheim gedreht. Da waren einige Kinder, die keine Eltern mehr hatten, meistens aber Problemkinder, die mit den Eltern nicht klar gekommen sind.

Kultura-extra:
Hast du während der Dreharbeiten für dich selbst auch neue Erkenntnisse gewonnen?

Frederick Lau:
Wichtig war für mich, wenn Kinder aus der Klasse gehänselt werden wegen Problemen mit den Eltern oder wegen dem Anziehen, dass man da auch hinterblicken muss, was da für eine Geschichte hinter steckt, dass er vielleicht Probleme hat. Das hab ich gelernt, man weiß halt nie, was dahinter steckt.

Kultura-extra:
Was haben den deine Schulkameraden zu dem Film gesagt, als er das erste Mal gesendet wurde?

Frederick Lau:
Die fanden den ganz gut. Die meisten Eltern haben auch geheult und so. Am 14. Juli in der ARD, da läuft er noch mal.

Kultura-extra:
Herzlichen Glückwunsch noch mal zu dem Preis, den du heute gewonnen hast. Der ist wirklich verdient. Alles Gute weiterhin.

Das Interview führte Helga Fitzner am 26. Juni 2004



h.f. – red / 7. Juli 2004
ID 00000001157
Weitere Infos siehe auch: