Im Westen nichts Innovatives
Warum noch soviel Erneuerungsrhetorik keine Geopoetik hervorbringt
Die Buchmesse - das sagt sich so leicht. Ob sie nun in Frankfurt
stattfindet oder nicht - im Jargon der Büchermacher und ihrer Leibeigenen,
die Mitte Oktober auf dem Frankfurter Messeareal inmitten der größten
Bücherschau der Welt sechs Tage Standdienst machen mußten, ist und
bleibt sie einfach "die Messe": ein Konglomerat von 6.611
Messeauftritten aus 102 Ländern, von Fernsehforen und Poetenpodien,
von Dienstleistern und Nationalitäten, Ein- und Ausflüssen von
Schriftlichkeit. Diesen parzellierten intergalaktischen Tummelplatz
der Buchstabengetreuen anders als mit einem Pauschalbegriff zu bezeichnen,
würde wohl auch nicht viel bringen.
Dennoch: der Messebesucher muß die Emanation des deutschen, des globalen
Kulturbetriebs jedes Jahr aufs Neue in ihrer ganzen Heterogenität
ertragen. Und darum sei auch der Hinweis darauf erlaubt, daß man, wenn
man auf "die Messe" geht, in den zwölf Ausstellungshallen auf eine
Vielzahl von Kosmen stößt, die zwar durch ein System kommunizierender
Zugangsröhren miteinander verbunden, trotz allem aber in sich vollkommen
autonom sind. Welcher deutsche Wochenendbesucher, der mit ZVAB-Tüte
und Promi-Fieber einen Tag durch die Publikumsbezirke drängelt, will
mir erzählen, er habe wirklich etwas von den Angelsachsen mitbekommen,
die weit abgeschlagen in Halle 8.0 kaserniert sind?
Ungebrochener Expansionismus
Auf eine Art Wasserscheide stößt man bereits, wenn man das Messeareal
gerade betreten hat: Rechts geht es zu den Osteuropäern, wo unter
anderem das Gastland Rußland seine Fahne flattern läßt, und zu den übrigen
internationalen Verlagen. Links lockt hingegen die deutsche
Verlagslandschaft mit ihrem riesigen, buntscheckigen Angebot. Grob
gesagt trifft der Besucher bereits hier seine Entscheidung zwischen
West und Ost, Zentrum und Peripherie, zwischen dem Eigenen und dem
Fremden. Und man kann mit dem Historiker Heinrich August Winkler sagen,
der "lange Weg nach Westen" ist noch immer der von den meisten am
häufigsten eingeschlagene.
Auch wir gehen links herum, im Uhrzeigersinn sozusagen. Sicher liegt
es in der Logik des Marktes, daß Messen immer nach Optimierung streben.
Es kommt allerdings auf die Perspektive an. Was für ein Panorama böte
sich wohl einem Vogel, der in der Weite der Messehalle 3.1 schwebt?
Aus den unübersichtlich vielen eindringlichen, bunten Messeständen
würde ein Geflecht von blassen, manchmal grell erstrahlenden, meist
aber schummrig beleuchteten Kapseln und Gängen, durch die dicke Würste
oder kleine Krümel von Menschen schieben - ein Mäusebau, im Querschnitt
aufgebrochen und mit einer Glasplatte gesichert.
Von Anfang an wird hier augenscheinlich, daß der Expansionismus im
deutschen Verlagswesen ungebrochen ist - von falscher Bescheidenheit
ist in den Hallen 3 und 4, die man nun zuerst betritt, bei den ganz
Großen zumal, jedenfalls nichts zu spüren. Fischer, Rowohlt, Droemer-Knaur,
die ZEIT-, Spiegel- oder Focus-Arenen glänzen und
glittern, locken mit Autoren und Persönlichkeiten am Stand. Gestriegelte,
gescheit dreinblickende Moderatoren brechen ritualisierte Diskussionen
vom Zaun, stellen Gesprächspartnern artikulierte Fragen, gelegentlich
blinkt eine TV-Kamera, und das umlagernde Publikum fühlt sich hinter
seinen Fernsehbrillen von der medialen Atmosphäre regelrecht
gebauchpinselt.
Worum ging es nochmal? Ach ja, um Bücher. Die Markenprodukte stehen,
liegen und hängen indes in Regalen und Vitrinen, und allerorten wird
mit professioneller Lässigkeit danach gefingert. Als Fetisch bleiben
die Objekte allerdings sakrosankt bis zum letzten Tag, wenn sie erstmals
auch offiziell erworben werden dürfen.
Verwegenes Co-Branding
Zumindest eine der zahllosen Präsentationen, denen man überall lauschen
konnte, war in mancherlei Hinsicht aufschlußreich. Auf dem Podium der
Verlagsgruppe Ullstein Heyne List wurde der Schriftsteller Sten Nadolny
von einer professionellen Mikrophonhalterin nach seinem jüngsten Opus
befragt, dem Ullsteinroman, mit dem er sich nach vier Jahren
zurückmeldet. Zum 100. Jubiläum hatte die Programmleitung des
Ullstein-Buchverlags eingedenk der großen Tradition klassisch moderner
Autoren, die mit dem Namen des Hauses vor 1933 verbunden war, nach
einem Berufsliteraten gesucht, der die kurvenreiche Geschichte der
Familie Ullstein vor der nationalsozialistischen Machtübernahme
nacherzählt. Nadolny bewarb sich und erhielt den
Zuschlag - nicht der schlechtesten Einer also.
Als Zuhörer des halbstündigen Werkstattgesprächs, das trotz aller
Beredtheit der Diskutanten aufgesetzt wirkte, konnte man sich jedoch
über den Sinn der Veranstaltung nicht immer so ganz schlüssig sein.
Der Informationsgehalt war in punkto Befriedigung unmittelbarer
Neugier groß. Trotzdem blieb Unbehagen zurück. Co-Branding zwischen
Schreiber und Vermarkter mag man bei einem Dieter Bohlen erwarten.
Sten Nadolny wirkte, als standesbewußter Vertreter der Literatengilde,
mit seinem bedächtigen, gesetzten Redestil jedoch wie ein einziger
performativer Widerspruch.
Als gelernter Historiker weiß er aber zum Glück, wovon er spricht.
Nein, Leopold Ullstein war kein "weiser Mann", wie es für die
Ullstein-Saga gepaßt hätte, sondern einer, der mit Sinn und Verstand
ein Unternehmen führen konnte und sich als Papiergroßhändler langweilte.
Daß zwischen der Hartnäckigkeit des wilhelminischen Managers und des
in die Jahre gekommenen Romanciers, der, wie er selbst zugab, unbedingt
einen Familienroman schreiben wollte, eine Liaison besteht, erschien
am Ende sonnenklar. Zwei Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts bewegen
sich von entgegengesetzten Polen aufeinander zu. Nur daß dieses
Jahrhundert mittlerweile Vergangenheit ist.
Die verflixte Flexibilität
Das wurde nicht zuletzt in der Halle 4 klar, wo die Münchener Akademie
des Deutschen Buchhandels für ihr Veranstaltungsprogramm 2004 warb.
Die Akademie versteht sich als Kaderschmiede für Führungskräfte in
der Verlagsbranche, sie wurde 1993 auf Initiative des Börsenvereins -
Hauptausrichter der Buchmesse - und der Bertelsmann-Gruppe gegründet,
um das unbegreifliche Druckwerk, für das die Alltagssprache den Terminus
"Buch" bereit hält, aus der Sphäre der Beliebigkeit herauszulösen. Ein
Blick auf die Gesellschaftsstruktur der Akademie macht dies deutlich.
Dort sitzen diejenigen, die den Markt kontrollieren, Holtzbrinck,
Springer, Klett, die Verlagsgruppen Cornelsen und Random House - all
die modernen Ullsteins eben, die das Buch zuvörderst als Instrument
des Geldverdienens nutzen.
Was konnte man von den Programmleitern und Verlagsökonomen, den
vielbeschworenen Praktikern, die vor den etwa 30 sitzenden und stehenden
Hörern ihr Programm abspulten, also anderes erwarten als den Appell
an noch mehr Flexibilität? "Wir müssen noch stärker auf den Leser zugehen",
hieß es dort, "und herausfinden, was er haben will." Es ist nicht weiter
erwähnenswert, daß es beispielsweise das klassische Arbeitsfeld des
Verlagslektors nicht mehr gibt. Statt akribisch Manuskripte zu redigieren,
heißt es für die Lektoren von heute telefonieren, verhandeln, den Markt
erkunden. Ein gutes Manuskript wird nicht mehr nur veröffentlicht,
sondern optimal plaziert. Für den literarischen Bereich hat Rainer Moritz
von Hoffmann und Campe schon vor einiger Zeit eine Literatur "ohne
Ecken und Kanten" ausgemacht, die da auf uns zukommt. Werden in
München ihre Herolde herangebildet?
Zeiten und Zonen des Übergangs
"Die Innovationskraft der Unternehmen muss gestärkt werden", schreibt
Bernd Zanetti im Vorwort zum Jahresprogramm. "Nur mit neuen Ideen und
Konzepten führt ein Weg aus der Krise." Innovation ist das Zauberwort,
ein kreativer Weg aus der immerwährenden Krise, die das System selbst
pausenlos produziert: Die Konzentration wächst, und wir leben in Zeiten
des Übergangs. Übergang schön und gut - nur wohin wird er uns führen,
wohin das Buch? Und zu welchem Preis?
Vielleicht hat man sich während des Messetages nicht nur im Dickicht
deutscher Publikums-, Reise-, Kunst- und Fachverlage verloren, sondern ist
auch an Daniel Küblböck, am Signierweltmeister Paulo Coelho oder den
Freudianern auf dem Blauen Sofa ungeschoren vorbeigekommen. Dann gelangt
man vielleicht in die Halle 5, wo das "andere Europa" gastiert - diejenige
zone of transition, die derzeit so vorbehaltlos aus ihrer
post-sowjetischen Schmollecke herausdrängt. Gibt es hier vielleicht
das Neue, Innovative zu entdecken, das, worauf alle Büchermacher immer
schon gewartet haben?
Eher nicht. Trotzdem herrschen in Halle 5.0 im Vergleich zu den Hallen
der deutschsprachigen Verlagswelt idyllische Zustände. Vergleichsweise
wenige Besucher können dort aufgeschlossenen, interessierten
Verlagsmitarbeitern begegnen. Die zum Teil aufwendigen Stände Rußlands,
Ungarns oder Sloweniens formulieren den frischen, nationalsprachlichen
Willen, im europäischen Verlagspoker zumindest mitzumischen. Und die
Diskussionsforen suchen auch nicht einzig den Leser, den Käufer, den
Konsumenten, sondern hoffen darauf, daß der Funke, der sich in den
1990er Jahren gebildet hat, endlich überspringt. Es gibt also durchaus
etwas zu entdecken, nur nicht unbedingt das große Geld.
Aus der Vogelperspektive
Das Besondere für den Inländer, der die Mittel- und Osteuropa-Foren
besucht, ist die verschobene Perspektive. Die Veranstaltung "Schlüsselsprache
Deutsch" des Literarischen Colloquiums Berlin machte am Messefreitag
in Halle 6 auf einen Schlag das deutschsprachige Buchparadies transparent.
Mag die Buchbranche, diese nationale Spielwiese für schreibende
Selbstdarsteller, Experten und clevere Geschäftemacher kriseln. Im
Vergleich zu seinen östlichen Nachbarn besitzt Deutschland, mit den
Worten von Katharina Raabe, Osteuropa-Scout beim Suhrkamp Verlag, einen
"paradiesischen, reichhaltigen Buchmarkt" - Buchpreisbindung macht's
möglich.
Für jemanden, dessen Mutter- und Literatursprache nicht Deutsch ist,
stellt sich das, was auf "der Messe" verhandelt wird, ohnehin ein wenig
anders dar. Der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch hat
im Gespräch mit Katharina Raabe, der Autorin und Übersetzerin Terézia
Mora, mit Franziska Thun-Hohenstein vom Berliner Zentrum für
Literaturforschung und Lothar Müller, dem Moderator von der Süddeutschen
Zeitung, bewiesen, daß es in diesem "anderen Europa" durchaus
noch etwas zu entdecken gibt. Polen bildet darin einen Umschlagplatz,
eine literarische Übergangszone, die im Westen vom deutschen Buchmarkt
begrenzt wird. Wenn man aber seine Heimat, mit ihren vielen unbekannten
Poeten, kennenlernen wolle, so der Ukrainer, könne man das nur, wenn
man dort lebt, trinkt und - sich verliebt.
"Eine Heimatliteratur der Welt"
Es kann sehr heilsam sein, nach einem verschwitzten Messetag das
Geschehen aus der Vogelperspektive eines Ukrainers zu beobachten -
vielleicht von einer verfallenen Sternwarte in den Karpaten aus, wie
es Andruchowytsch in seiner Essaysammlung Das letzte Territorium
(Suhrkamp, es 2446) tut, die jüngst auf Deutsch erschienen ist? Auf
dem Internationalen Forum hat er für seine Art, die Fremde literarisch
für sein Schreiben auszunutzen, den Begriff der "Geopoetik" geprägt.
Eine "Heimatliteratur der Welt", wie die F.A.Z. interpretierte
- vielleicht auch nur eine ironische Replik des Osteuropäers auf die
Großmannsucht und die engstirnige Systemik internationaler Medienunternehmen?
Es ist jedenfalls schade, daß sich Typen wie Juri Andruchowytsch, die
die Zone des Übergangs zwischen alter und neuer Welt, zwischen dem
20. und dem 21. Jahrhundert so genau kennen, auf lange Sicht wohl nur
als Individualisten auf dem hiesigen Buchmarkt behaupten können werden.
Und das auch nur, wenn sie gut genug Deutsch können, um medienrelevant
zu sein.
Damit ist der Rundgang beendet. Es bleibt immerhin die Ahnung
zurück, daß im Internationalen Forum - vielleicht das einzige Mal
während der sechs Tage - Tacheles geredet wurde. "Die Messe" war
insgesamt aber auch deshalb interessant, weil sie sehr viel Auskunft
über sich selbst gab - man mußte nur ein bißchen genauer hinsehen.
Und mit 288.887 Besuchern war sie sogar die erfolgreichste Frankfurter
Buchmesse allerzeiten, denn das waren 8,7 Prozent mehr als im
vergangenen Jahr.
p.w./red., 22. Oktober 2003
Zur Frankfurter Buchmesse 2003 siehe auch:
Auf nach Rußland!
Ein Streifzug über die diesjährige Frankfurter Buchmesse
|
|
|