Auf nach Rußland!
Ein Streifzug über die diesjährige Frankfurter Buchmesse

Früher war alles besser. Der Westen lag noch im Westen, und östlich
davon erstreckte sich das "rote Meer". Und viele Landstriche dort,
die einst auch zu unserem Kosmos gehörten, überstanden all die
Jahrzehnte in unserer Vorstellung vor allem als literarische Topoi:
Galizien, Bukowina, Kaliningrad - aber man wußte zumindest, wo sie
liegen. Man wußte auch, daß die nazistische Kultivierung dieses Raumes
mit Milionen Leben auch die einst so lebendige Literatur deutscher
Zunge ausgelöscht hatte. Was danach im frostigen Schatten der
kommunistischen, im Grunde jedoch sowjetischen kulturellen Hegemonie
hervorkeimte, wußte man zwar nicht so genau, aber manches vermuten
konnte man.
Die Kunde indes, die uns seit der Lüftung des ideologischen Schleiers
erreicht, verwirrt uns: Ist dort nichts als die Leere der Welt hinter
Dukla oder das letzte phantastische Territorium zu finden? Jedenfalls
entspricht die Vielzahl an separaten Staatssprachen und nationalen
Literaturen nicht mehr unseren Vorstellungen von dem einheitlichen
soz-realistischen Grau - den Bildern von den einst multiethnischen,
vielsprachigen Kulturlandschaften des europäischen mittleren Ostens
allerdings auch nicht.
Die Unsicherheiten in unserer Vorstellung über Breiten und Untiefen
des Ostens, die Neugier darauf, ihn ästhetisch zu erfahren, sind nur
einige der Gründe, warum sich die Frankfurter Buchmesse seit 1989
diesem Teil Europas verstärkt zuwendet. Der Drang nach Osten trieb die
Messeveranstalter auch in diejenigen Gegenden hinein, wo man auf den
ersten Blick keine Literatur von europäischem Rang vermuten würde.
Vor allem mit der "Gastland"-Institution ist der Rahmen dafür vorgegeben,
die Realität, in der eine Literatur ensteht, durch die literarische
Realität selbst stärker beleuchten zu können. Denn sosehr man bei
einer internationalen Buchmesse die universale Bedeutung des Buches
betonen mag - nirgendwo wird seine jeweils sprachlich-kulturelle
Verwurzelung so offensichtlich vor Augen geführt wie dort.
Man mag sich auf der Buchmesse, wie dies Michael Krüger demonstrierte,
wie in einer Art Ersatzparlament fühlen, in dem dessen Abgeordnete
ihre Einzelinteressen hinter den erhabenen Prinzipien zurückstellen.
Man schiebt sich in den Messehallen trotzdem von Länderstand zu
Länderstand. Und obwohl eine internationale Buchmesse etwas von einer
Weltausstellung, ja von den literarischen olympischen Spielen hat,
so ist sie dennoch so etwas wie Out-of-area-Gebiet, auf dem es der
Poetik für ein paar Tage wie kaum sonstwo gelingt, sich mit der Politik
auf gleiche Augenhöhe zu begeben.
Mit Rußland rückte in diesem Jahr ein Land in den Mittelpunkt,
dessen literarische Karte uns bekannt zu sein scheint. Die modernen
Romanciers und Lyriker, die Avantgardisten sowie die Dissidentenliteratur
der stalinistischen Ära gehören heute zum europäischen "Literaturkanon".
Aber wer hätte einzelne Namen von Autoren aus dem heutigen Rußland -
Pelewin hin, Sorokin her - aus dem Stand aufzählen können? Sigrid
Löffler jedenfalls nicht. An ihrer Schilderung der Probleme bei der
Gestaltung des Rußland-Heftes von "Literaturen" wurde einem plötzlich
bewußt, daß auch ein großes Land zur literarischen terra incognita
gehören kann.
Es war ernüchternd, festzustellen, daß sich unser Bild vom heutigen
Rußland vor allem aus der Lektüre seiner Kriminalromane zusammensetzt.
Diese sind aber von geringer Hilfe, da sie unsere schon vorhandene
alltagspolitische Kenntnis der Macht und Herrschaft der Mafia in
Rußland lediglich anschaulich machen. Daß uns einer der Stars des
neuen russischen Krimigenres, die Autorin Darja Donzowa, versichert,
die Übermacht der Mafia sei nur eine Erfindung (der Literatur etwa?),
sie kenne schließlich keinen einzigen Mafioso, und letztendlich habe
jedes Land seine eigene Mafia, kann uns wenig Trost dabei sein. Uns
bleibt vielmehr die Erkenntnis, daß wir uns zum heutigem Rußland kaum
den literarischen Weg gebahnt haben - und das trotz seiner "Öffnung".
Die Buchmesse wird also zu einer Ersatzreise in die uns fernen Gegenden,
auf den Routen von Büchern markiert.
Und wo soll diese Reise beginnen? Man könnte etwa mit dem in der UdSSR
verbotenen und jetzt wiederaufgelegten Roman von Boris Schitkow
Wiktor Wawitsch anfangen, einem Gesellschaftspanorama von
Rußland und seinem Verschwinden in den Revolutionswirren, oder mit
Die Seele Petersburgs, dem wiederentdeckten poetischen Itinerar
durch St. Petersburg von Nikolai Anziferow. Der literarisch-historische
Plan dieser Stadt aus dem feinen Berliner JENA Verlag dazu genommen
würde diese Reise in die Vergangenheit lehrreicher machen. Ja, damals
gab es Tolstoj, Dostojewski, Charms, Achmatowa - aber der russische
Schriftsteller von heute schreibt, aller Tradition zum Trotz, vor
allem in der Sprache, mit der im Osten Europas ein halbes Jahrhundert
lang kulturelle und politische Herrschaft ausgeübt wurde. Der russische
Schriftsteller scheint heute nicht nur mit dem Geltungsverlust seines
Landes konfrontiert, sondern auch den Schatten seiner Sprache ausgesetzt
zu sein. Der russische Schriftsteller von heute muß sein Russisch
gewissermaßen erst neu erfinden.
War Russisch im Osten die lingua franca, wie dies die
politische Konstellation des Kalten Krieges vermuten läßt? Auf einem
der Foren der Buchmesse wurde diese Frage mit osteuropäischen Autoren
der jüngeren Generation diskutiert. Wie der ungarische Schriftsteller
Peter Zilahy erklärte, war Russisch vielleicht für Parteifunktionäre
von Bedeutung. In der Schule hat man es hingegen nicht so ernst
genommen, obwohl auch das von Land zu Land oder von Generation zu
Generation unterschiedlich war. So war Erich Honnecker in der DDR ein
bekennender Russisch-Analphabet im Unterschied zu seinem Vorgänger im
Amt, Walter Ulbricht. Im technischen Bereich hingegen hat Russisch
über Jahrzehnte hinweg seine Geltung behauptet.
Die Aversion des spätgeborenen Schriftstellers war nicht zu übersehen.
Zilahy kann heute einem Streit seiner russischen Kollegen jedenfalls
nur noch beiwohnen, ohne zu wissen, worum es geht. Aber es waren ja
auch die Schrifteller selbst, die die Abgrenzung vom russischen Einfluß
potenziert haben, indem sie seit den 1970er Jahren den Begriff
"Mitteleuropa" neu prägten und hochhielten.
Zunächst waren sich alle in der Runde einig, daß das Russische schon
allein deshalb keine lingua franca abgeben konnte, weil es auf
Panzern nach Osteuropa gebracht wurde. Es war eine imperiale Sprache,
von vornherein zur Korruption verurteilt, die spätestens mit dem
Untergang des Imperiums verschwinden würde. Dann aber stellte sich
heraus, daß Totgesagte länger leben. Sonst könnten sich russische
und polnische Autoschieber und die kleinen und großen Schmuggler
heute nicht verständigen, wie Anrzej Stasiuk zu berichten wußte.
Russisch, obwohl als Gaunersprache diffamiert, ist trotzdem dort im
Umlauf, wo es für viele lebensnotwendig ist.
Angesichts dessen muß man fragen, ob Russisch nicht vor allem für
die Literaten ein Problem darstellt. Daß man in der Runde die Vorzüge
der Nationalsprachen so selbstverständlich hervorhob, läßt außerdem
die Frage aufkommen, ob die Schriftsteller damit nicht in die
nationalen Muster ihrer Länder zurückfallen. Dennoch scheint es, daß
dem Begriff der "lingua franca" ein Mißverständnis zugrunde liegt.
Denn als Sprache der Staatserhalter wurde Russisch hauptsächlich von
den Eliten in Verwaltung und Militär und nicht zuletzt von den
Schriftstellern benutzt. Es war also auch nicht zu erwarten, daß
Arbeiter und Bauern im kommunistischen Osten Europas Russisch beherrschten.
Und wenn doch, dann war es kaum mehr als ein Pidgin-Russisch.
Fast hätte man das Statement von Cees Nooteboom - aus der Runde "Kleine
Länder - große Literaturen" - brav abgenickt, in dem er bekannte, daß
er als holländischer Schriftsteller nur in seiner Muttersprache
schreiben könne und nicht im Englischen, trotz seiner Sprachkennnisse,
denn einem Schriftsteller diene eine angelernte Sprache stets nur
als Pidgin-Sprache. Fast - hätte es nicht die jungen Schriftsteller
aus dem Osten Europas gegeben: Peter Zilahy nämlich versteht sich auch
als englischschreibender Autor.
Später dann, am Abend, als die Reise längst zu Ende war, beim
Nachdenken über das literarische Rußland und das russische
Schriftstellerwesen von heute, überkam einen das Gefühl von Weite und
Ferne. Wie in alten russischen Erzählungen.
P.S. Die Diskussionsrunde über Russisch als lingua franca
wurde auf Englisch abgehalten. An ihr hat kein einziger russischer
Schriftsteller teilgenommen - nur ein russischer Journalist von Radio
Free Europe.
Jovica Lukovic, 29. Oktober 2003
Erwähnte Literatur:
Boris Schitkow: Wiktor Wawitsch, C. Hanser Verlag, 2003
Nikolai Anziferov: Die Seele von St. Petersburg, C. Hanser Verlag, 2003
Zur Frankfurter Buchmesse 2003 siehe auch:
Im Westen nichts Innovatives.
Warum noch soviel Erneuerungsrhetorik keine Geopoetik hervorbringt
|
|
|