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Freie Szene

Die Rundköpfe

und die

Spitzköpfe

von Brecht/Eisler


Die Rundköpfe und die Spitzköpfe mit dem SiDat!-Theater | Foto (C) Andreas Flämig

Bewertung:    



Es ist geradewegs ein Muss, in unserer Zeit, in unserer gegenwärtigen Gesellschaft, als Theatergruppe eine so selten gespielte Komödie von Bertolt Brecht (1936 uraufgeführt) „über die Verführung politischer Einfalt durch völkische Sprüche in Tateinheit mit der Ernennung von Sündenböcken“ (SiDaT!) auf die Bühne zu holen, das also davon handelt, wie die Massen durch Manipulation sich in Rassenideen und andere absurde Vorurteile über angebliche Gesellschaftsgruppen von der gebotenen Solidarität im Kampf gegen die wirklichen gesellschaftlichen Gegner abbringen lassen und von diesen gespalten werden. In Rassen oder Kasten. Und dann gibts „jenseits des Atlantiks im Osten“ sogar noch „Köpfe mit Ecken“... Prima können auf diese bewährte Weise die Besitzenden und Herrschenden ungestört ihre Profit-Interessen gegen die Massen weiter verfolgen, sie, für die jene Vorurteile ohnehin nicht gelten, denn „reich und reich gesellt sich gern“, wie der Untertitel des Stückes heißt. In der Tat finden wir auf Seite dieser Reichen und Herrschenden als Interessenvertreter sowohl Frauen wie Schwarze, Juden, Atheisten, Muslime, DDR-Geborene oder Schwule, ob sie nun Condoleezza Rice heißen, Obama, Wowereit oder Merkel. Aber ein Vorurteil kann ja nicht absurd genug sein, um geglaubt zu werden, und so zerfetzen sich in Sprachregelungsstreitigkeiten oder Fremdenfeindlichkeiten jene Lohnabhängigen, die indessen leise und gewinnbringend in die nächsten Kriege geführt werden („für alle reicht es nicht“) – ob nun Handels- oder Kolonialisationskriege, was am Ende auf dasselbe hinaus läuft.

Diese Spaltung durch Manipulation wird in der turbulenten Aufführung des Berliner Projekttheaters SiDaT mit großem Einsatz vorgespielt und es gelingt mit vielen Mehrfachrollen in der Tat eine echte Gruppenleistung, die dennoch Höhepunkte durch Einzelmomente aufblitzen lässt, wenn z.B. die Souffleuse (Silvia Juliane Reichert) mit Verve und „Berliner Schnauze“ auf die Bühne springt, um das Geschehen souverän an sich zu reißen – im Wortsinn einfach hinreißend! Da in Corona-Zeiten in so kleinen Räumen, wie der Alten Feuerwache, nicht gesungen werden darf, wurden die Gesangspassagen des Werks kurzerhand eingespielt (musikalische Leitung: Uwe Streibel) und play back dargeboten. Das ergab eine interessante Spannung, als Nana (Wlada Vladislava) einsam an der Rampe sitzend, den Text ihres Songs asynchron über ihren Gesang sprach und damit die Konzentration expressiv steigerte, ein gutes Theatermittel allemal.

Brecht wollte ja ursprünglich Maß für Maß von Shakespeare bearbeiten, doch wurde in den Vorbereitungen das Vorhaben fallen gelassen und ein neues Stück im „Parabeltypus einer nichtaristotelischen Dramatik“ entwickelt. In dem wird das Dilemma übernommen, einen zum Tode Verurteilten nur durch seine Schwester, die als Nonne im Kloster lebt, retten zu können, indem sie sich dem Machthaber sexuell hingibt. Die Dreißiger Jahre zwangen also Brecht und seine Mitarbeiterinnen, die Hintergrundproblematik anders zu gewichten, und so wurde ein Stück über die Einigkeit der Kapitalisten mit ihren faschistischen Handlangern in der Krise heraus gestellt. Sie merkten an: „Nicht das ‚ewig Menschliche‘ sollte in Erscheinung treten, nicht was angeblich alle Menschen zu allen Zeiten tun, sondern das, was in unserer Zeit, zum Unterschied zu anderen Zeiten, Menschen bestimmter gesellschaftlicher Schichten, tun.“ Was könnte heute und hier wohl mitten in der Krise der EU akuter sein! Spätestens, wenn in der Aufführung des SiDaT (Leitung Peter Wittig) Pächter Callas am Ende des Stückes vom Landbesitzer mit „neuem Hut“ und „neuem Mantel“ abgespeist wird und dieser „Hut“ ein Nato-Stahlhelm ist und der „neue Mantel“ eine Söldnerweste, dürfte kein Zweifel bleiben, wohin die Reise gehen soll und WIE aktuell dieses Stück für uns bleibt...

Dank an die aufwändige Theaterinitiative, Brechts Text für Berlin jetzt endlich wieder auf die Bretter, die die Welt bedeuten, gebracht zu haben. Das Publikum verstand die Botschaft und jubelte begeistert.



Die Rundköpfe und die Spitzköpfe mit dem SiDat!-Theater | Foto (C) Andreas Flämig

o. b. - 10. Oktober 2021
ID 13203
DIE RUNDKÖPFE UND DIE SPITZKÖPFE (Alte Feuerwache, 09.10.2021)
Regie und Ausstattung: Peter Wittig
Musikalische Leitung und Klavier: Uwe Streibel
Künstlerische Mitarbeit: Jerome Winistädt und Silvia Juliane Reichert
Besetzung:
Iberin ... Anne Schleicher
Frau Cornamontis / Oberin u.a. ... Margarete Steinhäuser
Nanna ... Wlada Vladislava
Isabella u.a. ... Nadine da Cruz Oliveira
Pächter Callas ... Frank Jendrzytza
Pächter Lopez u.a. ... Konstantin Klemm
Vizekönig / Die Anwälte u.a. ... David Hannak
Missena u.a. ... Daniel Gelman
Richter u.a. ... André Dyllong
Herr de Guzman ... Adrian Winter
Premiere am SiDat-Theater war am 1. Oktober 2021.
Weiterer Termin: 10.10.2021


Weitere Infos siehe auch: http://sidat-pro.de/


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