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nachDRUCK # 6

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Freie Szene

Davon geht

die Welt

nicht unter



Grafik: Dirk Trageser

Bewertung:    



Nun bereits zum dritten Mal spielt das aufBruch-Gefängnistheater in der alten Gustav-Böß-Freilichtbühne in der Jungfernheide. Das gemischte Ensemble aus Freigängern, Ex-Inhaftierten, SchauspielerInnen und Berliner Bürgern hat sich diesmal Romulus der Große, ein 1949 in Basel uraufgeführtes Frühwerk von Friedrich Dürrenmatt ausgewählt. Der Schweizer Schriftsteller und Dramatiker nannte es selbst „eine ungeschichtliche historische Komödie“. Das Stück spielt um 476 n.Ch. und handelt vom Untergang des Römischen Reiches unter Kaiser Romulus. Jener Romulus Augustus war tatsächlich der letzte Kaiser West-Roms. Dass er Hühner züchtete und sich ansonsten einen Dreck um die Staatsgeschäfte kümmerte, ist allerdings nicht überliefert. Dürrenmatt geht da sehr frei mit den historischen Fakten und Figuren um. Der echte Kaiser war auch wesentlich jünger als der im Stück. Er war nur ganze sechszehn Jahre alt, als er von dem gegen Rom rebellierenden germanischen Offizier Odoaker abgesetzt und frühzeitig in Pension geschickt wurde.

Das gab anscheinend nicht viel her für eine knallige Komödie, und so hat sich Friedrich Dürrenmatt das alles ein wenig anders zusammengereimt, obwohl er dann schließlich doch zu jenem fast schon friedfertigen Ende kommt. Eine Parodie auf die antike Tragödie und gallige Satire auf müde Herrscher und falsches Heldentum. Zum Thema Aussitzen kann man ja in Deutschland nach 16 Jahren Kohl und nochmal 16 Jahren Merkel auch schon Lieder singen. So ein Typus Kanzler scheint auch Dürrenmatts Romulus zu sein. Trotz leerer Staatskassen und zu den anrückenden Germanen überlaufender Soldaten legt der Kaiser keinen Wert auf neueste (eh immer nur schlimme) Nachrichten und lässt sich zu seinem „Morgenessen“ lieber über die Legefreudigkeit seiner Hennen informieren.

*

In der Inszenierung von Peter Atanassow in einem schönen Naturbühnenbild mit doppelstöckigem italienischem Palazzo, ein paar Gipsbüsten und Löwenskulpturen ist der römische Hof schon zu Beginn beim Kofferpacken und Vorbereitung zur Flucht vor den anrückenden Germanen. Und das zum Chor aufgestellt Ensemble deklamiert erstmal ein paar Zeilen aus dem Stück Eure Paläste sind leer von Thomas Köck (UA 2021 in den Münchner Kammerspielen). „Die Welt ist in den letzten Zügen … Der Palast ist leer … Die Kolonien aufgelöst…“ etc. Das ist durchaus passend, zeichnet es doch den Verlauf von hunderten von Jahren währender Gewaltherrschaft im Namen der Zivilisation und der „höheren Kultur“ des Abendlandes, die man in Dürrenmatts Rom vor den Germanen retten will, falls man eine Kultur überhaupt retten kann, die selbst schon völlig verkommen ist.

Da erweist sich der machtmüde Romulus, der hier gleich dreifach auftritt (Mikael, Massimiliano Baß und Hans-Jürgen Simon), mit seinem Desinteresse am Regieren („Ich möchte die Weltgeschichte nicht stören“) als veritabler Sargnagel des römischen Imperiums. Es ist Ausverkauf im Haus des Romulus, was nicht nur einen griechischen Kunsthändler (Rashid) auf der Suche nach wohlfeilen Antiquitäten einer untergehenden Kultur anlockt, sondern auch noch den reichen Hosenfabrikanten Cäsar Rupf (Para Kiala), der mit 10 Millionen den Germanenfürsten Odoaker zum Abrücken bewegen könnte und dafür die Hand von Romulus‘ Tochter Rea (Maja Borm) verlangt. Worauf die Familie und der aus Konstantinopel geflohene Ost-Kaiser Zeno (Maria Stoecker-Baton) sehr gerne eingehen würden, wenn sich Vater Romulus nicht so vehement dagegen sträubte.

Das sind dann doch alles sehr erwartbare Lacher (Dürrenmatts Stück ist da stilistisch etwas in die Jahre gekommen), die man gerne mitnimmt und dem sehr spielfreudigen Ensemble auch von Herzen gönnt. Echte Tiefe bekommt die Inszenierung aber mehr durch die chorischen Fremdtexteinlagen, die den Ernst der Lage wieder einfangen, herrscht doch auch echter Krieg (Romulus: „Krieg? Davon weiß ich ja gar nichts.“). Zumindest will Reiterpräfekt Spurius Titus Mamma (Moses Al-Khalil), der dauermüde Bote der Niederlage bei Pavia, davon berichten, bekommt aber erst in der Gruppe als Soldat Beckmann aus Wolfgang Borcherts Kriegsheimkehrer-Drama Draußen vor der Tür das Wort. Mit Heiner Müller geht es schließlich zum Besuch beim älteren Staatsmann, der Romulus sicher gerne wäre, wenn der nicht beim deutschen Meister des Geschichtsdefätismus so schlecht weg käme.

Es geht hier vor allem auch um die „Verbrechen des Jahrhunderts“. Im Garten werden Akten aus dem römischen Archiv vergraben. Die Geschichte des Imperiums soll dem Vergessen anheimfallen. Das lässt sich heute auch anders interpretieren, wenn hier Koffer mit den Dokumenten der Wannseekonferenz verschwinden sollen. Natürlich gibt es auch die üblichen Helden und Retter des Imperiums wie den aus germanischer Gefangenschaft zurückgekehrten und für seine Ehre und den Erhalt des Reichs kämpfen wollende Verlobten Reas. Ämilian (Christian Krug) ist hier der berlinernde Hardliner, der kurz seinen Auftritt als verhinderter Brutus hat.

„Die Iden des Märzes“ sind bei Dürrenmatt nur ein weiterer Scherz. Der in eigener Sache subversive Hühnerzüchter Romulus überlebt selbst den Einmarsch der Germanen, die mit Odoaker (Para Kiala) einen ebenso feinsinnigen Naturliebhaber und Landwirt haben, der sich, um seinen blutgeilen Neffen Theoderich (Josef) zu verhindern, lieber dem Romulus unterwerfen will. Das ist die Pointe von Dürrenmatts Stück, das sich als Satire auf die Weltgeschichte verstehen lässt. Heute sieht es da etwas komplizierter aus. Als kleine Aufmunterung für die gerade nicht ums Regieren zu beneidende Ampelkoalition singt das Ensemble zum Schluss „Alles im Griff auf dem sinkenden Schiff“.



Romulus der Große, ein Projekt vom aufBruch-Gefängnistheater | Foto (C) Thomas Aurin

Stefan Bock - 26. August 2022
ID 13767
ROMULUS DER GROSSE (Freilifttheater in der Jungfernheide, 24.08.2022)
Regie: Peter Atanassow
Bühne: Holger Syrbe
Kostüme: Haemin Jung
Dramaturgie: Hans-Dieter Schütt
Musikalische Leitung: Vsevolod Silkin
Produktionsleitung: Sibylle Arndt
Regieassistenz: Tobias Radcke
Produktionsassistenz: Franzi Kuhn
Mit: Christian Krug, Frank T., Hans-Jürgen Simon, Joker, Josef, Maja Borm, Maria Stoecker-Baton, Massimiliano Baß, Matthias Blocher, Mikael, Mohamad Koulaghassi, Moses Al-Khalil, Para Kiala, Rashid, Sabine Böhm und Svitlana Balitska
Premiere war am 24. August 2022.
Weitere Termine: 26.-28., 31.08. / 01.-04., 07.-11.09.2022
Eine Open-Air-Theaterproduktion von aufBruch KUNST GEFÄNGNIS STADT in Kooperation mit dem Kulturbiergarten Jungfernheide/small>

Weitere Infos siehe auch: https://gefaengnistheater.de/


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