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Medienkultur

Wo die

Erziehung

ansetzen

muss


Die Verallgemeinerung und ihre Folgen



In einem Gespräch mit dem heute-journal erklärte der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen dieser Tage im Zusammenhang mit den tragischen Ereignissen auf dem Frankfurter Hauptbahnhof: „Weil jeder zum Sender geworden ist, müssen wir nun alle, und das ist eine Aufgabe von Schulen und Hochschulen, medienmündig werden.“

In dem Interview ging es ausschließlich um die Frage, ob die Medien melden oder verschweigen hätten sollen, „dass dieser Täter vom Frankfurter Bahnhof aus Eritrea war“. Da Pörksen Medienwissenschaftler ist, interessiert ihn und den Moderator, der ihn befragt, nicht die Wirkung dieser Tatsache, sondern lediglich die Politik des Journalismus. Wenn es aber möglich sein soll, Menschen in Schulen und Hochschulen, also durch Erziehung medienmündig zu machen – warum sollte es nicht möglich sein, ihnen ein Denkmuster auszutreiben, das die Meldungen der Medien potentiell gefährlich macht?

Die Erfahrung lehrt – und Pörksen bestätigt das in seinen Ausführungen: Tatsachen lassen sich auf die Dauer (jedenfalls in der heutigen Welt der ubiquitären Kommunikation) nicht verschweigen. Als unter Idi Amin dreißig Tausend Asiaten mit britischem Pass aus Uganda nach England flohen, machte die bewundernswerte Soziologin Marie Jahoda mit ihren Studenten für das britische Innenministerium eine Untersuchung in den Flüchtlingslagern. Dabei stellte sich heraus, dass die Asiaten starke Vorurteile gegen die Afrikaner in Uganda hatten. Marie Jahoda verhinderte gegen den Widerstand von Studenten, die auf eine erste wissenschaftliche Publikation gehofft hatten, die Veröffentlichung des Berichts, weil es die Lage der Flüchtlinge, die es ohnedies schwer hatten, verschlimmert hätte, wenn bekannt geworden wäre, dass sie nicht nur Opfer von Rassenvorurteilen waren, sondern selbst auch solche hegten. Das wäre heute, jedenfalls außerhalb des akademischen Ghettos, unmöglich. Selbst wenn man zu dem Schluss käme, dass die Medienethik fordere, bestimmte Fakten zu verheimlichen: es ist ein vergebliches Unterfangen. Nicht, dass sie bekannt werden, ist das Problem – wäre es so, gäbe es keine Lösung –, sondern dass sie unerwünschte Reaktionen hervorrufen.

Im konkreten Fall ist es eine rassistische Verallgemeinerung gegenüber Immigranten im Allgemeinen und Eritreern im Besonderen. Wenn das aber der Fall ist, müssen alle erzieherischen Anstrengungen dahin gehen, das Übel der Verallgemeinerung zu beseitigen. Dass die mörderische Tat eines psychisch kranken Eritreers feindselige Wortmeldungen gegen Eritreer auf allen zur Verfügung stehenden Kanälen provoziert, ist doch nur damit erklärbar, dass in weiten Teilen der Bevölkerung eine rassistische Prädisposition besteht. Wollen wir uns damit abfinden? Nichts wäre passiert, wenn es etwa geheißen hätte, der Täter trage Schuhgröße 41 oder einen blauen Pullover. Es gibt eben kein kollektives Vorurteil gegen Menschen mit Schuhgröße 41 oder einem blauen Pullover. Die Aufgabe der Schulen und Hochschulen, auch der Medien ist es also, Eritreer (oder Araber, oder Juden, oder Homosexuelle), die ein Verbrechen begehen, ebenso als Einzelfälle zu betrachten wie Verbrecher mit Schuhgröße 41 oder einem blauen Pullover. Wer sie, wie im Fall des Frankfurter Bahnhofs und in hunderten Fällen davor, zum Anlass einer Verallgemeinerung nimmt und ein Kollektiv für einen Einzeltäter abstraft, ist moralisch nicht satisfaktionsfähig. Wenn dieser Konsens erreicht ist, können Medien ohne Bedenken die ganze Wahrheit aussprechen.
Thomas Rothschild - 13. August 2019
ID 11615

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