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nachDRUCK # 2

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Roman

Ein Höhepunkt

der modernen

Literatur





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Wenn Literaturwissenschaftler sich anschicken, selbst zu produzieren, was gemeinhin Gegenstand ihrer Analyse ist, nämlich „schöne Literatur“, geht das meistens in die Hose. Sie sind darin nicht erfolgreicher als ein Hühnerzüchter beim Gackern oder beim Eierlegen. Aber es gibt seltene Ausnahmen.

Im nachrevolutionären Exil schrieb der Literaturtheoretiker Viktor Šklovskij (in manchen Ausgaben Schklowskij oder Schklowski transkribiert) den scheinauthentischen Briefroman Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder Die dritte Heloise: "Zoo", weil die nach der Revolution geflüchteten russischen Emigranten in Berlin, zu denen der Sozialrevolutionär Šklovskij gehörte, mit Vorliebe in der Gegend des Zoos wohnten, "Briefe nicht über Liebe", weil Alia, die Schwester der nicht zuletzt als Geliebte Majakovskijs legendären Lilja Brik und nachmalige Elsa Triolet, Gattin von Louis Aragon, dem gurrenden Šklovskij verbietet, über die Liebe zu schreiben, und "die dritte Heloise" in Anspielung auf Rousseaus für die Gattung maßgebliche Julie ou la Nouvelle Héloïse und den vorausgegangenen Briefwechsel zwischen Abaelard und Héloïse. Herausgekommen ist einer der schönsten, poetischsten Texte der Moderne, der alles Mögliche in kunterbuntem Durcheinander anspricht und in Wahrheit von der Sehnsucht nach der Heimat handelt. Die zugrunde liegende poetologische Prämisse ist im Buch selbst so formuliert: „Das Lebendigste in der heutigen Kunst sind die Aufsatzsammlung und das Varietétheater, das auf dem Interesse an einzelnen Momenten basiert, nicht auf deren Verbindung.“ Zahlreiche Schriftsteller aus aller Welt haben seither Šklovskijs Technik der Verschmelzung von Fiktion, Tatsachen, Erzählung und Essay nachgeahmt, aber beim breiten Publikum hat dieses Jahrhundertwerk nie den Stellenwert eingenommen, den es verdient.

Als man in Deutschland in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts den Russischen Formalismus, allen voran, neben Ejchenbaum und Tynjanov, Viktor Šklovskij, mit einer Verspätung von einem halben Jahrhundert entdeckt hat, wurden auch dessen belletristische Werke übersetzt und verlegt. Zoo erschien zunächst in der im Vergleich zu anderen Übersetzungen aus dem Russischen vorzüglichen Übertragung von Alexander Kaempfe, dem wir deutsche Ausgaben von unter anderem Ehrenburg, Solschenizyn, Woinowitsch, Trifonow verdanken.

Jetzt hat Olga Radetzkaja im kleinen aber feinen Berliner Guggolz Verlag eine neue Übersetzung von Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder die Dritte Heloise veröffentlicht und jene „Korrekturen“ zurückgenommen, die in einer russischen Neuauflage während des sogenannten „Tauwetters“ der Zensur geschuldet waren. Dabei hatte Šklovskij mit der Sowjetwirklichkeit seinen Frieden gemacht. Er lebte damals in Moskau. Ich habe ihn 1974, wie auch Lilja Brik, besucht, einen freundlichen älteren Herren, der nur ein Jahr älter war als ich heute bin.

Einundzwanzig Seiten mit Anmerkungen, das elfseitige Nachwort der Übersetzerin sowie ein Essay von Marcel Beyer verleihen der Ausgabe fast den Charakter einer philologischen Arbeit, wie sie Peter Urban mit seinen Editionen russischer Autoren zum Standard erhoben hat. Aber Marcel Beyers sehr persönlicher Anhang lässt sich auch, wahrscheinlich ohne seine Absicht, lesen als Einspruch gegen jene Flachdenker, die alle Russen, tot oder lebendig, für Putin in Geiselhaft nehmen wollen. Man sollte das Buch Zoo. Briefe nicht über Liebe, oder die Dritte Heloise, das in Deutschland über Jahrzehnte nur in Antiquariaten erhältlich war, lesen, auch und gerade während eines Kriegs, den Russen angezettelt haben. Es handelt, im Widerspruch zum Titel, von Liebe. Und von der Rückkehr in die Heimat. Die Ukrainer in Berlin und anderswo in Westeuropa wissen, wovon die Rede ist.



Thomas Rothschild – 10. September 2022
ID 13796
Guggolz-Link zum Roman von Viktor Schklowski


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