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Werkbetrachtung

Weinender Akt von

Edvard Munch



1892 nimmt ein norwegischer Künstler die Einladung des eher konservativen Vereins Berliner Künstler an und reist mit 55 Werken von Oslo nach Berlin, um sie im Architektenhaus in der Wilhelmstraße auszustellen. Nach tagelangen und ausufernden Protesten, vor allem von Seiten der konservativen Presse, wird diese „Rinnsteinkunst“-Ausstellung – wie sie sie nennen - wieder geschlossen. Das Ereignis geht unter dem Begriff „Munch-Affaire“ in die Kunstgeschichte ein. Edvard Munch (1863-1944) bleibt in Berlin und schließt sich einem Kreis von skandinavischen Intellektuellen an, die sich regelmäßig in einer Weinstube mit dem prosaischen Namen „Schwarzes Ferkel“ treffen. Diese Gruppe begibt sich im Sigmund-Freud-Fieber auf die Suche nach dem emotional Verborgenen und den seelischen Abgründen der eigenen Psyche. Die Seele sollte seziert werden. Munchs Serie Lebensfries ist ein Ergebnis dieser Reise zum Ich. Im Jahr darauf stellt er sechs Bilder dieses Zyklus aus, die alle von Liebe, Angst oder Tod handeln. Das bekannteste ist Der Schrei (1893) und wird Munch weltweit bekannt machen. Als Vorlage diente ihm wahrscheinlich das Bild einer peruanischen Mumie, welches er ein paar Jahre vorher im Pariser Musée de l’Homme gesehen hatte. Die lodernden, ausdrucksstarken und fauvistischen Farben - sonst eher auf der Palette von Van Gogh oder Matisse zu finden – und die wilden Schallwellen-Streifen in dem Gemälde, ebnen den Weg für unglaubliche Theorien. Für die Einen beschreibt Munch seinen Seelenzustand, andere sehen darin die späte Auswirkung eines Vulkan-Ausbruchs in Indonesien Jahre früher? Irgendwann einigt man sich dann auf ein meteorologisches Phänomen. Zuviel Absinth, Drogen und Munchs problematische Beziehung zu Frauen haben sicher auch eine Rolle gespielt.

Wieder zurück in Norwegen ist Munch auf der Suche nach Motiven und beginnt gleichzeitig eine aufreibende Beziehung mit der Tochter eines wohlhabenden Weinhändlers: Tulla Larsen. Die beiden zerfleischen sich vier Jahre lang in einer Hassliebe. Das Selbstportrait mit Tulla Larsen spricht Bände. Munch im Profil ist rot im Gesicht und blickt verstimmt auf Tulla, die mit rot-gelben, wirren Haaren fanatisch, mürrisch und frontal auf den Betrachter blickt. Nach der Trennung hat Munch das Bild übrigens in zwei Teile zerschnitten. Mit seinen Bildern rechnet er auch Jahre später noch mit Tulla und den Frauen im Allgemeinen ab. Das symbolistische Bild Marats Tod ist das bedeutendste in diesem Sinne. Wieder ein paar Jahre später malt er das weniger bekannte Gemälde Weinender Akt.



Weinender Akt von Edvard Munch | Bildquelle: Wikimedia


Die unglückliche und nach vorne gebeugte junge Frau sitzt auf einer blutroten Decke in der Mitte eines großen Divans. Die Wand hinter ihr ist ein lila-rosafarbener Tiepolo-Gewitterhimmel, eine Fusion von Gewalt und Entschlossenheit. Ihre langen, in allen Farben schillernden Haare erinnern an die von Tulla und bedecken wie ein Vorhang ihre Hände vor dem Gesicht. Die Position verrät, dass sie weint, obwohl man keine Tränen sieht. Munch benutzt die Farben der Fauvisten, um emotionales Chaos und grenzenlose Kümmernis aufs Blatt zu bringen. Das linke Bein des Mädchens ist angewinkelt. Ein rotes Strumpfband umschließt ihren Oberschenkel. Das rechte Bein flüchtet auf einen grünen, unruhigen Farbberg zu. Oder ist es ein Freier im Mantel, der gerade geht? Auch hier will Munch sich nicht entscheiden, ob er eine Märtyrerin oder eine Hure malen soll. Der dicke, grüne Pinselstrich, der den grünen Vulkan-Mann rechts mit Haaren, Rücken, Decke und Beinen verbindet, wird zum Gefängnis. Munchs ruheloser Zorn in Verbindung mit einer chaotischen Mischung von Seelenzuständen wie Angst, Melancholie, Trauer oder Verlust verwandelt das Mädchen in einen wallenden Unglückshaufen.


Die Verbindung zu Tulla war geprägt von magnetischer Anziehungskraft und krankhaftem Zweifel und konnte nur dramatisch enden. Wer von den Beiden den Schuss losgelöst hat, der Munchs linke Hand verletzt, weiß man nicht. Die Trennung von Tulla liegt bei Fertigstellung dieses Bildes schon Jahre zurück, aber abgeschlossen hatte er damit noch nicht. Weinender Akt ist ein persönliches Bild und entsteht 1913. Es misst 111 x 135 cm und hängt im Osloer Munch Museum.

Christa Blenk - 13. Januar 2021
ID 12688
Nach einem physischen und psychischen Zusammenbruch 1908 begibt sich Edvard Munch in eine Nervenklinik. Dort will er sich vom Alkohol und den Frauen erholen. Seinem Freund Jappe schreibt er: „Ja, jetzt ist wohl für mich die Zeit des Alkohols, die Schmerzen und Freude zugleich brachte, vorbei – eine ungewöhnliche Welt bleibt mir verschlossen.“ Durch die Briefe an den norwegischen Schriftsteller und bedeutenden Kunstkritiker Jappe Nilssen weiß man so einiges über seine Empfindungen und Ängste. Jappe gehörte auch der Kristiania-(das heutige Oslo) Bohème an, deren Maxime es war, alles mit unbedingter und schonungsloser Ehrlichkeit in Frage zu stellen. Jappe war es auch, der 1892 für Abend/Melancholie Modell gesessen hat. Das Bild erzählt von der unglücklichen Liebesbeziehung Nilssens mit der zehn Jahre älteren Oda Krohg, der Frau von Munchs Lehrer.

Aus dem Symbolisten Munch wird im Laufe der Jahre immer mehr ein Expressionist, der der Figuration immer treu bleibt und sich weder um Abstraktion noch um Minimalismus kümmert. Der Begriff „Seelenmalerei“ wird mit seiner Kunst verbunden.

Schon vor dem Krieg kauft sich Munch ein Anwesen an der Küste. Auf dieses zieht er sich nach dem Krieg zurück. Unterbrochen wurde diese gewollte Einsamkeit nur von Reisen nach Paris, Berlin oder München. 1937 werden 82 seiner Bilder als „entartet“ aus deutschen Museen entfernt. Munch verlässt nach der Besetzung Norwegens sein Gut Ekely so gut wie nicht mehr und stirbt 1944.


Wikimedia-Link zum Weinenden Akt von Edvard Munch


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