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Museum im Check

Le MASC

in Les Sables-d’Olonne



Das Musée d'Art Moderne et Contemporain (MASC) in der Abtei Sainte-Croix ist ein Geheimtipp und eines der schönsten und interessantesten Museen an der französischen Atlantikküste. Untergebracht in einem Kloster, das Charlotte-Flandrine von Nassau 1622 erbauen ließ. Die Ausstellungsfläche beträgt heute 2.500 Quadratmer. Die letzten 50 Jahre hat das MASC über 300 Ausstellungen organisiert und seine Sammlung permanent erweitert, sei es durch Schenkungen, Leihgaben oder Zukäufe.

Ursprünglich war der Kurort Sables d’Olonne (im Departement Vendée) ein Fischerdorf, wovon es am Atlantik von der Normandie im Norden bis an die spanische Grenze viele gibt. Sardinen, Thunfisch und Kabeljau wurden dort vor allem gefischt. Die Stadt liegt besonders schön in einer natürlichen Bucht mit Sandstrand. Schon 1823 fanden die ersten Sommerfrischler ihren Weg dorthin. Vom Casino, eleganten Restaurants, einer breiten Strandpromenade bis hin zu Pferderennen wurde den Gästen alles geboten. Im Norden und im Süden findet man zerklüftete Felsenküsten, und der Atlantik glitzert zwischen bunten Sonnenschirmen, Windsurfern, Badenden und kleinen Booten weiter draußen im Meer bis in die Altstadt oder in die Pinienwälder hinein.

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1964 wurde das MASC offiziell eingeweiht - untergebracht ist es in dem oben erwähnten Benediktiner-Kloster aus dem 17. Jahrhundert.



Saalansicht unter dem beeindruckenden Dachboden-Gebälk
aus dänischem Holz in Schiffsform | Foto Christa Blenk


Der erste Direktor des geplanten Kulturzentrums in den alten Mauern, Pierre Chaigneau, übernahm das Gebäude in ziemlich schlechtem Zustand. Das Museum war noch in weiter Ferne, und eine Sammlung hatte er auch nicht. Sein Nachfolger gab dem Ort die heutige Ausrichtung: ein Museum für moderne und zeitgenössische Kunst. E war ein Pilotprojekt, denn in ganz Frankreich gab es in diesen Jahren nur einige wenige zeitgenössische Museen. Claude Fournet war es, der das Dachgeschoss unter den beeindruckenden antiken Balken und Holzstrukturen als Ausstellungsfläche ausbauen ließ. Auf diese geniale Holzkonstruktion ist das Museum heute besonders stolz.

1964 verstarb der Art-Brut-Künstler Gaston Chaissac (1910-1964), praktisch genau zum Zeitpunkt der Geburt des Museums. Seine Familie vermachte dem MASC in den folgenden Jahren über 50 Bilder. Chaissac war in der Vendée gelandet, weil seine Frau als Lehrerin dorthin versetzt wurde. Der Autodidakt lernte in den 1940er Jahren den im Pariser Exil lebenden deutschen Künstler Otto Freundlich kennen und saugte Ideen von Paul Klee, Braque oder Picasso auf. Chaissac malte auf allem, was ihm unter die Hände kam, und umrahmte seine figurativ-naiven Bilder mit einem dicken schwarzen Strich, sein Markenzeichen, das den Bildern aber nicht ihre Frische nahm. Bis heute strahlen sie, sind lustig und unbeschwert wie Werke von Miro oder Calder. Besonders ansprechend sind seine langen, lustigen Papier-Totems.

Mit den Jahren wuchs und wuchs die Sammlung. Es kamen Werke u.a. von Alberto Magnelli, Jean Hélion, Jules Lefranc, Jean Dubuffet und von Victor Brauner (1903-1966) hinzu. Brauner wurde in Rumänien geboren. 1925 suchte der junge Künstler – wie seine Landsmänner Brancusi oder Ionesco - in Paris Unterschlupf und schloss sich 1930 der Surrealistengruppe um André Breton an, war fasziniert von Giorgio De Chirico und freundete sich mit Giacometti an. Durch eine Schlägerei 1939 mit einem anderen Künstler verlor er ein Auge. Der Magier Brauner schien das irgendwie vorausgeahnt zu haben, denn schon vor diesem Vorfall porträtierte er sich als Einäugigen. Wundern tat das damals niemanden. Brauners symbolistischer Mystizismus lehnte sich zwar an den Kubismus an, landete aber dann doch immer wieder bei einer sehr persönlichen, enigmatischen Naivkunst und kam manchmal wie ein zu groß geratener Paul Klee daher. Brauners Malerei wurde im Lauf der Jahre politischer, und immer mehr fand auch die Psychoanalyse Eingang in sein Werk, was vor allem in der Serie Onomatomanies zur Geltung kam. Während des Krieges flüchtete er sich in die Berge und fertigte Werke aus Wachs, Holz oder Steinen, aus allem, was günstig zu beschaffen und leicht zu transportieren war. Aber wirklich einem Stil zuzuordnen war Brauner nicht. - Brauners Witwe Jacqueline vermachte dem Museum in Sables d’Olonne 34 Arbeiten und bescherte somit dem MASC die größte Brauner-Sammlung landesweit.

Victor Brauner ist neben Gaston Chaissac Star und Zugpferd des Museums.



Arbeiten auf Holz von Victor Brauner – links sein L’Orgospoutnik | Foto: Christa Blenk


Zwischen 1980 bis 1983 kam die charmante Sammlung von grafischen Arbeiten des Künstlerpaares Pierrette & Charles Sorlier dazu. Albert Marquet (1875-1947), ein weniger bekannter Mitbegründer des Fauvismus, verliebte sich schon 1921 in die Vendée-Atlantikküste, die er durch seinen Malerfreund Launois, den er wiederum in Algier traf und mit dem er Reisen durchs Land machte, kennenlernte. Von ihm sind heute zwei Strandbilder, die er in den 1930er Jahren vor Ort gemalt hatte, im Museum zu sehen. Marquets Werk wird 1959 und 1964 auf der jeweiligen documenta in Kassel postum gezeigt. Von seinem Freund aus der Algerien-Zeit, Jean Launois (1898-1942), besitzt das Museum eine beeindruckende Sammlung grafischer Kunst, Pastellarbeiten oder Gouachen, viele mit nordafrikanischem Hintergrund. Launois, der aus Sables d’Olonne kam, starb 1942 in Algier.

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Ab den 1990er Jahren organisierte das MASC bedeutende Ausstellungen mit Arbeiten von Baselitz, Etienne Martin oder Max Beckmann sowie eine große Retrospektive zu Philip Guston. Mit der Dauerleihgabe Waldlandschaft mit Holzfäller des Musée National d’Art Moderne kommt Max Beckmann ins Museum. Das Zeitgenössische Museum Puteaux überließ dem MASC das übergroße Bild El descubrimento de America (Die Entdeckung Amerikas) von Eduardo Arroyo, nur um einige zu nennen.

Obwohl das Museum hauptsächlich den Künstlern Gaston Chaissac und Victor Brauner gewidmet ist, besticht es mit einer Anzahl von französischen und internationalen Kunstwerken. Das MASC ist heute ein Treffpunkt für zeitgenössische Kunst, das auf der Moderne aufbaut. Zur zeitgenössischen Sammlung zählen u.a. Werke von Claude Viallat (*1936), Toni Grand (1935-2005) sowie das Portrait Nr 3 aus der Serie Sechs schöne, vier hässliche Portraits von Georg Baselitz (*1938) und natürlich die Installation von Name June Paik (1932-2006), Buddha’s Catacomb, hinzu: eine Errungenschaft in einer Zeit, als von diesem Künstler noch nicht viel in öffentlichen Museen zu sehen war.

Das MASC nennt sich selber ein Labor-Museum, und man spürt die Dynamik. Noch bis Anfang Oktober werden im Innenhof die Arbeiten von Anaïs Lelièvre (*1982) gezeigt. Die zweite temporäre Ausstellung, Double Jeu, befasst ich mit den Anschaffungen zwischen 2000 bis 2022, darunter das Werk des Schweizers Philippe Decrauzat, Anti-illusion ‚2 (blue) aus dem Jah 2011. Desweiteren ist noch bis Anfang März 2023 die Sammlung Gaston Chaissac - Je suis artiste et c’est incurable (dt.: Ich bin Künstler, und das ist nicht heilbar) zu sehen.



Le MASC - Blick in den Innenhof mit Silicium - L’esprit des lieux s’expose
von Anaïs Lelièvre | Foto: Christa Blenk


Christa Blenk - 28. Juli 2022
ID 13730
Der Eintritt kostet 5 Euro und der gut gemachte Katalog über die Sammlung 25 Euro. Über die Öffnungszeiten informiert man sich am besten vor dem Besuch, denn diese ändern sich je nach Jahreszeit.

Weitere Infos siehe auch: https://www.lemasc.fr/


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