| Künstlerporträt: Claudia Antesberger
|
"Beziehungs-Strukturen"
Ein Deutungsversuch zu den Arbeiten von Claudia Antesberger
von Dr. Georg Stenger (gekürzt)
|
Eine Zeichnung bildet nichts ab. Sie erfährt vielmehr das, was sich der gewöhnlichen Wahrnehmung immer schon aufgedrängt hat, d.h. sie bringt zur Erfahrung, was ansonsten einfach so hingenommen wird. Zeichnung ist nicht die Summe von Strichen, Linien und Flächen, sondern das konkrete Erfahrungsfeld dieser. Zeichnung gestaltet mit, egal was, wie, wo.
So gehen in den Arbeiten der Künstlerin die Linien nicht etwa von einem Ort aus, der schon vorausgesetzt wäre, sondern sie gehen auf einen Ort zu, der erst in diesem Zugehen entsteht. Orte entstehen, und sie entstehen dort, wo Linien sich treffen, kreuzen und einholen. "Kleine Kreise" etwa (sich einholende Linien) symbolisieren nicht einfach Menschen, sondern sind, wie man mit Klee sagen könnte, "Betroffene Orte". D.h. "Orte" wollen getroffen sein, nur dann machen sie auch betroffen.
Ist das Dorf noch ein "Ort", so wird die Stadt zu einem Treffpunkt von "Orten", Orte, die platzgreifen, Orte, die zu "Plätzen" werden. Antesbergers "Platzgreifen" nimmt zunächst "von oben" die Stadt ins Visier und trifft sie als ein Geflecht aus Linien. Die Stadt als Kreuzungs- und Knotenpunkte, die ihren eigenen Teppich knüpfen. Der Teppich ist Bild (Stadtansicht) und Bodengebung (Wohnstätte) in einem. Als ganzer vermag er das zusammenzuführen, also eine Ordnungsform zu geben, was im einzelnen betrachtet noch quasi-chaotische Zustände zeigt. Die Stadt beruhigt sich, indem man sich "Überblick" verschafft, so wie die Linien sich in der Zeichnung beruhigen. Zeichnung ist gestaltgewordene Linie.
Folgt man aber nun dem Vorschlag Antesbergers in die Zentren der Stadt, so findet man sich nicht etwa auf den großen Plätzen und vor den markanten Gebäuden wieder, sondern sieht sich erfaßt und "getroffen" in einem Brennspiegel, der kaleidoskopartige Züge trägt. Man sitzt in der "Kneipe". Und, man sieht "Kneipe", als das nach innen Gewendete der Stadtstruktur draußen. Die Kneipe mikroskopiert sozusagen das Stadtleben und gibt dadurch noch einmal völlig andere und neue Einblicke. Die Kneipe als der betroffene Ort der Stadt, gegossen in die Ambivalenz von Ruhe und Bewegung, Ordnung und Chaos, Gelassenheit und Ausgesetztheit, Geselligkeit und Einsamkeit, Leben und Tod.
Die Ambivalenz erweitert sich in Polyvalenz, die Oberflächenstruktur (Wiedererkennen der Dinge, gegenständliche Erfassen) bricht ein in weitere und tiefere Dimensionen, die allererst ermöglichen, daß etwas in sein Erscheinen kommt. Alles kommt, hat (sein) Herkommen und taucht auf als Gestaltgewinn seiner Gestaltwerdung. So folgt jeder Strich der Zeichnung nicht nur der horizontalen Linienführung, er arbeitet nicht nur an der Erstellung der Raumform (Dreidimensionalität), in ihm arbeiten gewissermaßen parallel noch mehrere Dimensionen mit, die der Zeichnung Schichtung und Geschichte(n) geben, die sie virulent machen und freigeben auf jenen Prozeß, als welcher sie aus sich selber hervorgeht. Der Gang der Zeichnung ist ein Hervorgang, ein Geschehen, eine Ortsvertiefung und Ortsklärung.
Aber, dieses Prozeßhafte bleibt in seinem Prozeßcharakter erhalten, die Linien kommen sozusagen an kein Ende, kommen nie ganz bei sich an. Sie schreien geradezu nach Fläche (Vergitterungen), um doch kurz vor der Vollendung wegzutauchen. Dem perspektivischen Blick entzieht sich der Boden unter den Füßen, und spätestens jetzt wird klar: Es geht gar nicht um die Kneipe, es geht um die Wahrnehmung der Wirklichkeit, einer Wirklichkeit, die nie ganz klar ist, die brüchig und ausgesetzt ist, die in einem elementaren Sinn auf dem Spiel steht. So oszilliert die Wahrnehmung zwischen dem Erfassen konkreter Punkte und einer Globalsicht, die sich bsw. als Raumempfinden oder Stimmung bekundet.
Antesberger geht es vor allem um diese Vertiefung und Mehrdimensionalität, d.h. daß mit jeder Mal- und Zeichnungsschicht das Gewohnte und Unstrittige zurücktritt zugunsten des Offenen, Spielerischen, aber auch Komplexen. Die sog. Realität, ihr Ergebnis verschwimmt angesichts des Prozessualen und Mehrströmigen, als welche sich die Wirklichkeit generiert. So macht auch die hinzukommende Farbe nichts deutlicher, sie betont nichts oder ließe etwas eigens hervortreten. Sie sucht sich ebenso wie schon die Linien sich suchen. Auch die Farbe kommt nicht bei sich selber an.
Gleichwohl verlebendigt sie das Ganze, schafft eine eigene Räumlichkeit. Sie kreiert das Spiel aus Schatten und Licht, evoziert das Flirrende, das den Raum durchflutet, vorüberrauschend an dem Inteneur der Dinge und sie dennoch durchtränkend. Das Vorüberziehende und Vorübergehende, das Kommen und Gehen, das niemals Feststellbare und Festmachbare wird zum eigentlichen Malsujet Alles hängt mit allem zusammen und das eine wäre ohne das andere nichts. Auch das Licht hat im Grunde keine eigene Lichtquelle, sondern gewinnt sich aus der Struktur des Malraumes selber.
Raum und Fläche streiten beständig um ihr Vorrecht, aber es geht ihnen nicht um das Obsiegen einer Seite, sondern um das Erstellen, die Dynamik des Raumgeschehens. Der Raum entfaltet sich, er wird nicht als Idee vorausgesetzt, um sodann malerisch umgesetzt zu werden, was sich wahrnehmungsmäßig als Vexierspiel von Räumen und Flächen darstellt. Dem entspricht, daß jeder Gegenstand sich einerseits in die Raumstruktur einfügt, zugleich aber auch eine eigene Räumlichkeit entfaltet Das Grün einer Wand springt in schimmernde Fische um, die Cafemaschine hebt als Ufo ab.
Damit Dinge so gesehen werden können, muß die ihnen eigentümliche Raumstruktur mitgesehen werden können. Für gewöhnlich unterscheidet man ja nur zwischen Funktionsgebrauch (Alltagsraum, Inhalt) und Design (ästhetischer Raum, Form), aber da sind die Dinge schon in die gängige Wahrnehmungsordnung eingezeichnet. Bei Antesberger werden die Dinge zu Aspekten und Hinsichten, welche Räume erst öffnen.
Jedes Ding, jeder Gegenstand ist eine Aspektivität von Raum überhaupt, weswegen auch Ding- und Raumstruktur fast unmerklich ineinander überfließen.
Die innere Struktur der Kneipe wird zu einer Art Handfläche, aus der man die Linienführung und Lebenslinien lesen kann. So läßt sich nichts anderes finden als Bezüge, Verweisungen, Beziehungsformen, Überschneidungen, Abbrüche und Einbrüche, zu kurz Greifendes und über das Maß hinaus Schießendes, usw. Es kommt allein auf die Beziehungsstrukturen an, die durchaus hier und da auch im Widerspruch miteinander stehen können. Jeder "Ort" blendet das Ganze aspektivisch und perspektivisch auf, aber niemals könnte sich ein Ort als der Ort behaupten. Er nähme sich aus dem Gesamtgefüge heraus und rutschte auf die Ebene der Abbildhaftigkeit zurück.
Auf den Menschen bezogen bedeutet dies, daß man nicht einfach Orte zur Verfügung hat oder Begegnungen macht, sondern daß man in Orte und Begegnungen verstrickt ist, so sehr. daß man sich daraus überhaupt erst entgegenkommt. Man gewinnt sich, man "hat" sich nicht, was zugleich bedeutet, daß man sich auch verlieren kann. Maurice Merleau-Ponty verweist darauf, daß sich "zwischen dem Maler und dem Sichtbaren die Rollen unweigerlich umkehren. Eben deshalb haben so viele Maler gesagt, daß die Dinge sie betrachten", und nicht
sie die Dinge. Anders gesagt: Die Dinge kommen auf einen zu, fordern ein und fordern auf, und derjenige, der diesen Herausforderungen so begegnet, daß sie nicht nur aufgenommen, sondern gestaltet werden, was immer auch heißt, daß sie auf ein neues Wahrnehmungstableau und einen neuen Verstehensboden gestellt werden, derjenige ist Künstler. In der Tat zeigt der Künstler Wirklichkeiten in neuer, bislang nicht gekannter Weise, er versucht es jedenfalls. Damit einher geht dann auch die Preisgabe eines mit sich identischen Wesenskerns, der aber in den Gewinn einer multivalenten und vieldimensionierten Persönlichkeit umspringt. Der Mensch wird zum "Raumtänzer" der die Räume und Orte ertanzt, indem diese aus dem Tanz hervorgehen. Der Tanz gebiert den Raum, nicht tanze ich in den Raum hinein. Hält man hingegen an dem alten Wesenskern der Person fest, oder schlägt man sich gar auf dessen Gegenseite eines immer schon Festgezurrtseins in Systemzwängen und sogenannter Naturnotwendigkeiten, so wird aus dem "Raumtänzer", das Negativ des "Traumtänzers". Nicht von ungefähr, daß vielen Menschen die Künstler als Traumtänzer vorkommen, die befremden, indes sie in Wahrheit an der Erstellung von Räumen und Lebenswirklichkeiten arbeiten. Künstler sind die Architekten des Daseins.
Der Blick Antesbergers ist ein doppelter: Er geht ganz in die innere Bezüglichkeit und Verflochtenheit hinein und läßt diese "von innen her" sehen. Er geht aber zugleich auch ganz auf Distanz, analysiert und seziert, weiß um die Gefahr des Zunaheseins, des "Wärmetods", von dem Konrad Lorenz spricht. Nähe und Distanz, Wärme und Kälte schließen sich nicht aus, im Gegenteil, sie bedingen sich gegenseitig, und von Zeit zu Zeit braucht die Wärme Kälte und die Kälte Wärme. Jedesmal wird etwas so angesprochen, daß es sich darin öffnet, daß es darin aufgeht. So schon die "Kuh", jene Plastik von Joseph Rössl' mit dem Claudia Antesberger programmatisch zusammenarbeitet. Der "Wärme" der Kuh wird hier mit der "Kälte" der Struktur und Umrißlinien geschweißter Eisengurte geantwortet, und erst diese Begegnung läßt die Kuh zur Gestalt zum Kunstwerk werden.
Antesbergers "Kneipenbilder" zeigen nicht nur eine Kneipenstruktur, nicht nur die Stadtstruktur en miniature, sie zeigen die Strukturierung des Daseins überhaupt, in all seinen Verwobenheiten, Dimensionierungen, Stimmigkeiten und Verwerfungen. Sie gehen den Lebenslinien nach so wie sich der Kohlestift vom Weg der Zeichnungslinien und der Pinsel vom Sog der Farbe führen lassen. "Hier trifft sich Gott und die Welt", wie in der Kneipe. Was will man mehr?.
Dr. Georg Stenger
|
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
AUSSTELLUNGEN
BIENNALEN | KUNSTMESSEN
INTERVIEWS
KULTURSPAZIERGANG
MUSEEN IM CHECK
PORTRÄTS
WERKBETRACHTUNGEN von Christa Blenk
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|