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Werkbetrachtung

La Tenture de

l´Apocalypse

d´Angers

Der Wandteppich Zyklus der Apokalypse von Angers


Siebenköpfiges Ungeheuer aus Tenture de l´Apocalypse d´Angers | Foto: JN Pettit


"Ich sah aus dem Meer ein wildes Tier mit zehn Hörnern und sieben Köpfen aufsteigen..." (Offenbarung 13:1)

Die Offenbarung (griech. Apokalypse) des Johannes ist das letzte Buch des Neuen Testamentes. Hoffnungsträger, Prophezeiung, Durchhalte-Gebrauchsanleitung für die am Ende des 1. Jahrhunderts A.D. unterdrückten und verfolgten Christen in der Diaspora.

Ludwig I., Herzog von Anjou, gab im 14. Jahrhundert einen monumentalen Wandteppich auf der Basis der Johannes-Offenbarung in Auftrag. Die reiche Bildersprache im Gedankengut des 14. Jahrhunderts auf diesem frühzeitlichen Propaganda-Comic aus kostbaren Wollfäden sollte auf der einen Seite seine Macht demonstrieren und auf der anderen von Hunger, Pest, Krieg und sozialen Missständen ablenken. Gleichzeitig wollte der Herzog wohl auch den gerade von ihm gegründeten Kreuzorden stärken. Ludwig war nicht der erste, der diesen komplizierten Text in der bildenden Kunst verewigte. Die Bamberger Apokalypse entstand am Ende des 10. Jahrhunderts. Um das Jahr 1500 realisierte Albrecht Dürer 15 Holzschnitte über dieses Thema, die heute zu seinem grafischen Hauptwerk zählen.

Der wohlhabende Teppichhändler und Hoflieferant Nicolas Bataille koordinierte die Finanzierung und Herstellung dieses Meisterwerkes nach Entwürfen des flämischen Künstlers Hennequin de Bruges. Letzterer war Hofmaler des französischen Königs und hat sich mit 35 weiteren Malern/ Assistenten um die vorbereitenden Kartons gekümmert. In nur sieben Jahren wurde der Teppich in der renommierten Pariser Werkstatt von Robert Poisson in Paris gefertigt.

Das Teppich-Ensemble besteht aus 6 Teilen mit je 14 Bildern. In 84 Szenen auf einer Gesamtlänge von 101 Meter wird eine unglaubliche Geschichte erzählt. Man hält den Atem an, anhand dieser symbolträchtigen Panik, der Konfusion, dem Grauen, dem Kampf zwischen Gott und satanischen Mächten, die in Gestalt von angsteinflößenden Tieren eine Schreckensherrschaft ausüben und mit rätselhaften Endzeit-Visionen auf eine Katastrophe zusteuern. Die beunruhigende und unheilschwangere Gegenwart endet mit dem Sieg Christi und verspricht das ewige Leben. Mit unglaublicher, polychromer Modernität wagt sich diese Arbeit vom Mittelalter in die Renaissance. Wobei die Farbenpracht auf der Rückseite noch intensiver ist, da diese weniger dem Licht ausgesetzt war. Ludwig I. hat auch seine englischen Feinde in den Teppich weben lassen sowie andere politische Mitspieler seiner Zeit. Jede Serie wird von einer Persönlichkeit eingeleitet, angeordnet in zwei übereinander liegenden Reihen, im Schachbrettmuster - je sieben himmlische und irdische Szenen. Hintergrundfarbe ist abwechselnd rot und blau; jedes Bild hatte außerdem eine Bildunterschrift.

*

In der Apokalypse ist der Hauptprotagonist die Zahl „Sieben“. Sieben Schreiben, sieben Gemeinden, sieben Siegel, sieben Köpfe, sieben Trompeten, sieben Reiter, sieben Plagen, sieben Engel, sieben Tote/Schlafende. Eine allegorische, visionäre Prophezeiung auf der Basis von symbolischen Farben, Zahlen und Tieren.

Mit den sieben Sendeschreiben an die kleinasiatischen Gemeinden beginnt die Geschichte. Der Verfasser wendet sich besorgt an die verfolgten Christen, muntert auf, mahnt und tröstet die Unterdrückten, die trotz Schwierigkeiten ihrem Glauben treu bleiben wollten - am Ende steht der Sieg Gottes über die staatliche Gewalt. Die Zahl Sieben steht für Vollkommenheit. Der erste Vers des Buches vermittelt den Eindruck, dass der Verfasser über geheimes Wissen verfügt.

Man vermutet, dass das Buch im westlichen Teil in der heutigen Türkei, damals Teil des Römischen Reiches, entstand, wo der rigorose und selbstverliebte Kaiser Domitian regierte. Die christliche Minderheit konnte entweder ihn als Gott ansehen oder zum Märtyrer werden.

Die geheimnisvolle, reiche und symbolische Bildersprache ist der Situation geschuldet, dass man sich im Römischen Reich natürlich nicht offen zu seiner Konfession bekennen konnte. Die Offenbarung ist nur schwer zu durchschauen, hat den Glauben des Volkes beeinflusst und den Weg zu vielen Interpretationen und Deutungen frei gegeben. Fegefeuer, Kampf zwischen Engeln und Teufel oder die Zahlensymbolik finden hier ihren Ursprung. Johannes verspricht, dass dies alles bald ein Ende haben wird. Mit der Hure Babylon meint er die Hauptstadt des Bösen, Rom. Der Drache steht für den Satan. Auf der Insel Patmos in der Ägäis empfing Johannes wohl seine Visionen.

Gigantisch, dramatisch und theatralisch ist die Umsetzung des Textes auf dem Teppich in einem von Kriegen und dem schwarzen Tod gezeichneten Jahrhundert. Zwischen 1346 und 1353 wütete eine Seuche durch Europa, die über die Seidenstraße, eine wichtige Handelsroute, und über den östlichen Mittelmeeraum nach Europa kam. Das kommt uns gerade jetzt alles sehr bekannt vor. Auch damals gab es ungerechte und konspirative Verschwörungstheorien und Schuldzuweisungen.

Wir benutzten das Wort Apokalypse, um eine Untergangsstimmung zu beschreiben. Die Welt befindet in einer Art Krieg gegen eine sich schnell ausbreitende Pandemie, und die Menschen haben Ausgangsverbot, während andere von nicht endenden Kriegen in die Flucht getrieben werden.

Im Mittelalter spielten Wandteppiche eine wichtige Rolle, und das Geschäft boomte sozusagen. Die Teppiche waren gern gesehene Gastgeschenke, schützten vor Kälte und Zugluft und begleiteten die Besitzer auf ihren Reisen. Allerdings waren sie in der Regel nie 140 Meter lang, maßen nie 700 Quadratmeter oder hatten nie die Höhe eines zwei- bis dreistöckingen Hauses.



Tenture de l´Apocalypse d´Angers | Foto: JN Pettit

Christa Blenk - 23. März 2020
ID 12107
La tenture de l´Apocalypse d´Angers

1782 wurde diese Preziose zum Verkauf angeboten und während der Französischen Revolution dann radikal zerschnitten. Es entstanden Decken, Bettvorleger oder Planen für die Orangenbäume in der Winterkälte. Erst 1843 versuchte der Bischof von Angers den Teppich wieder zu vereinen, was ihm auch gut gelang. Aber einige Fragmente sind wohl für immer verloren, andere verblasst. Ein paar Serien sind glücklicherweise wieder in ihrer Komplettheit zu bestaunen, allerdings lässt sich nicht immer die richtige Reihenfolge oder Bedeutung ermitteln.

Angers ist eine Provinzstadt im Westen Frankreichs mit 150.000 Einwohnern, und dort im Schloss hängt dieser längste Wandteppich Frankreichs oder wahrscheinlich Europas.

Umfangreiche Restaurierungsarbeiten im 20. Jahrhundert haben knappe 470 Quadratmeter wieder zum Leben erweckt. Seit 1954 ist er einen extra für ihn gebauten und verdunkelten Trakt im Schloss von Angers untergebracht.


Video zum Wandteppich in Angers


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