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Italienisches Kino

Auch Zwerge

haben klein

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Bewertung:    



Schon bald nach der Uraufführung auf der diesjährigen Berlinale, auf der das Mafia-Drama La Paranza dei Bambini den Silbernen Bären für das Beste Drehbuch eines Wettbewerbsspielfilms erhielt, gab es Vorwürfe von Kolleginnen und Kollegen, der Film stelle das Leben von Mafiosos verklärend und zu verführerisch dar, und auch in neueren Kritiken wird von Romantisierung gesprochen. Dies ist nicht vollkommen unberechtigt, aber zum einen ist zu fragen, wie denn plötzlicher Reichtum durch Erpressung, Gewaltandrohung und -ausübung dargestellt werden soll, wenn man den Reichtum nicht zeigen soll, und damit auch das Element des Verführerischen. Zum anderen berühren solche Vorwürfe ganz generell die Eigenheit des Voyeuristischen im Kino, das seinerseits von der Verfühungskraft von Bildern und Geschichten lebt, die oft genug amoralisch wirken wollen oder zumindest das Moralische ignorieren, um zu unterhalten. („Das Kino ist mir wichtiger als jede Moral“, so Alfred Hitchcock.)

Dem Film Gomorrha – Reise in das Reich der Camorra von 2008, der ebenfalls aus der Feder des italienischen Autors Roberto Saviano stammt (Ko-Autoren: Maurizio Braucci und Claudio Giovannesi), wurde keine Romantisierung vorgeworfen, denn die Geschichte ist weniger frivol als die von Paranza und vor allem viel komplexer und vielschichtiger erzählt. Außerdem ist die erschreckende Nüchternheit, die Gomorrah fast als Ganzes auszeichnet, in Paranza nicht so ausgeprägt. Regisseur Claudio Giovannesi wollte offensichtlich die Kinder und Jugendlichen, die zu Verbrechern werden, den Zuschauern nicht durchgehend auf Distanz halten, sondern als Identifikationsfiguren anbieten – eine sinnvolle Entscheidung, denn ansonsten wären sie von Beginn an wie kleine Monster rübergekommen. Die Darstellung von Gewalt wirkt hingegen distanziert und der in Gomorrah nicht unähnlich. Tatsächlich ist vor allem die Darstellung des Wohlstands und des Respekts, den die Jugend-Mafiabande mit ihren Unternehmungen einheimst, Stein des Anstoßes.

Nachvollziehen kann ich den Vorwurf einer Romantisierung nicht, vor allem wenn man den Film mit exzessiven Mafiaepen wie Brian de Palmas Neuverfilmung von Scarface (1983), Francis Ford Coppolas Pate II (1974) und Pate III (1990) oder Martin Scorseses Good Fellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia (1990) oder Casino (1995) vergleicht, in denen die Mafiosi mit Geld nur so um sich schmeißen. Da trifft schon eher der Vorwurf, dass Paranza die eine oder andere Szene kopiert, die in diesen Filmen ähnlich, aber wesentlich besser zu sehen war. Auf all dies sei so ausführlich hingewiesen, weil Kinogeschichten, die von Verführung handeln, nur schwerlich von jedweder Romantisierung segregiert werden können – selbst dann, wenn solche Meisterregisseure wie Ken Loach oder Roberto Rossellini im Regiestuhl sitzen bzw. saßen, die es auf möglichst krassen Naturalismus anlegen.

Es stimmt schon – der Film gibt per se alles Gefilmte zunächst einmal eins zu eins wieder, doch der filternde Bildausschnitt, das Arrangement der "mise en scène" und nicht zuletzt die notwendige Verkürzung durchkreuzen naturalistische Bestrebungen bei jedem Bild. Umgekehrt gedacht: Warum sollte ein SPIELfilm, der Gewalt, Elend und Leid möglichst abschreckend "wieder-geben" möchte, ausschließlich schnörkellos, farbneutral, grobkörnig und "schmutzig" inszeniert sein? Es ist das Merkwürdige an darstellender Kunst (vorrangig im Theater), dass das Dargestellte oder auch nur Gezeigte (im Dokumentarfilm) zwar intensiver wirken mag als die Realität (durch Überhöhung, Manipulation und Emotionalisierung), aber eben nicht so authentisch wie die Realität.

Jede noch so drastisch inszenierte Gewalt wird möglicherweise Abscheu, ganz gewiss aber Neugier erwecken. Und jemand, der einen Bettler oder einen Gewalttäter auf der Straße sieht, wird dies nicht mit einem Bettler oder Gewalttäter verwechseln, den er auf dem Smartphone oder im Kino sieht. Wahrscheinlich werden sich die meisten Passanten sogar dafür hüten, sich den echten Eindrücken so hinzugeben, wie sie es als Zuschauer tun. Und nicht zuletzt kommt es auf den Einzelfall an. Paranza, dessen sozialkritischer Ansatz deutlich über jeglichen spekulativen Tendenzen steht, taugt nicht besonders gut dazu, das Für und Wider von Realismus und Romantisierung gegeneinander aufzurechnen.

Seine Stärke besteht darin, eindrücklich zu schildern, wie in einer Stadt wie Neapel, in der sozialer Aufstieg in gewissen Vierteln unmöglich ist, Macht, Respekt und Geld ausschließlich über Verbrechen gewinnen lässt. Das universelle Prinzip der Mafia ergreift angesichts wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit auch die Jüngsten: die Kinder, auch jene der Opfer, die nicht Geld abdrücken und sich klein machen wollen wie die Eltern. Davon abgesehen, dass hier Kinder zu Tätern werden, die noch trainieren müssen, wie man schießt und wie man sich abhärtet, um abzustumpfen, bietet die Story nicht allzu viel Neues. Doch die Genese des Protagonisten Nicola (Francesco di Napoli) vom netten Jungen von nebenan, der sich zu einer Art Robin Hood der Elendsviertel aufschwingt, bis er mit seiner Clique von einer rivalisierenden Jugendbande in die Ecke gedrängt wird, ist überzeugend, schonungslos und – ja, auch unterhaltsam – erzählt.



Paranza - Der Clan der Kinder | (C) Prokino Filmverleih

Max-Peter Heyne - 25. August 2019
ID 11642
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