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Lara ist das Porträt einer vermeintlich souveränen, unabhängigen Frau, die an ihrem 60. Geburtstag beginnt zu begreifen, dass sie sich wegen ihres krankhaften Ehrgeizes und ihrer Verbitterung über verpasste Lebenschancen in eine gesellschaftliche Isolation manövriert hat. Zunehmend angestrengt versucht Lara, ihrem Sohn, der als aufstrebender Pianist vor einem wichtigen Konzert steht und sich von der Mutter distanziert hat, wieder nahe zu kommen. Doch mit ihrem Egoismus und ihrer sadistischen Rechthaberei droht Lara wieder alles zu zerstören. Bis zum Schluss muss man als Zuschauer daher befürchten, dass Lara nicht mehr die Kraft zu größerer Gelassenheit aufbringt – und ihren Sohn mit in den Abgrund eines destruktiven Perfektionismus hineinzieht.

Zugegeben: Ich bin erst einmal zusammengezuckt, als ich las, dass Corinna Harfouch im Oh Boy-Nachfolgeprojekt des hochbegabten Autorenfilmers Jan-Ole Gerster eine strenge, zickige Frau spielen soll, vor der alle Angst haben. Harfouch hatte nicht nur als Magda Goebbels in Der Untergang (2002) schon mehrfach bewiesen, dass sie solche herrischen Rollen perfekt beherrscht. Was also, dachte ich mir, sollte sie bei Gerster neu hinzufügen? Da habe ich nun beide unterschätzt! Denn einerseits hat Gerster eine sehr vielschichtige Figur entworfen, und zweitens hat Harfouch die Ambivalenzen des Charakters gut erkannt und in ihre Interpretation einfließen lassen. Ja, die Lara im gleichnamigen Film ist streng, misepetrig, bessewisserisch und kontrollsüchtig. Aber eben auch, weil sie damit um jeden Preis – auch den der eigenen psychischen Gesundheit – ihre Unsicherheit, Verletztlichkeit und leichte Irritierbarkeit verbergen will. Kurzum: Mit Lara hat Jan-Ole Gerster Corinna Harfouch noch einmal eine großartige Rolle anvertraut, für die er bei der Weltpremiere beim traditionsreichen Filmfest in Karlovy Vary (Karlsbad) den Spezialpreis der Jury und Harfouch den als beste Schauspielerin im internationalen Spielfilmwettbewerb erhielt – als erste Schauspielerin übrigens zum zweiten Mal: 1988, noch unter sozialistischem Vorzeichen, erhielt sie in Karlsbad schon einmal diese Auszeichnung für die Rolle im DEFA-Film Die Schauspielerin.

Das Warten hat sich also gelohnt! Sieben lange Jahre nach seinem Überraschungserfolg Oh Boy straft Gerster mit seinem zweiten langen Spielfilm die Skeptiker Lügen und überzeugt mit denselben Tugenden, die auch seinen Erstling auszeichnete: eine sorgfältige Dramaturgie, eine konzentrierte Regie und ein bis in die kleinsten Rollen perfektes Casting, das mit Harfouch in der Titelrolle glänzt. Es gibt erstaunliche Parallelen zu Oh Boy: Wieder erzählt Gerster von einem sehr markanten Tag im Leben der Hauptfigur (die Handlung umfasst also knapp 24 Stunden), wieder geht es um einen lange schwelenden Konflikt zwischen einem Elternteil und Kind, wieder muss die Figur sich zusammenreißen, um nicht den letzten psychischen Halt zu verlieren.

Besonders verblüffend ist die Tatsache, dass Jan-Ole Gerster eine Geschichte verfilmt hat, die nicht seine eigene ist (sondern die des slovenischen Autors Blaž Kutin), aber sogar in ihren Unterschieden zu Oh Boy als spiegeldbildliches Pendant von Gersters Debütfilm aufgefasst werden kann: Was dem 2010 von Tom Schilling gespielten, antriebslosen Dauerstudenten fehlte, verfügt die Figur der Lara im Übermaß, nämlich Temperament, Ehrgeiz und eine rigide Erwartungshaltung. Und Schilling spielt diesmal einen Sohn, der sich aus der Umklammerung der übermächtigen Mutter zu lösen versucht, während er in Oh Boy bei seinem Vater um Geld betteln musste. Auf die Ähnlichkeiten in Inhalt, Dramaturgie und Tonlage zu seinem ersten Film Oh Boy angesprochen, sagt Lara-Regisseur Gerster, diese seien ihm bisher “nicht bewusst gewesen”.

Naturgemäß kann diese Geschichte nicht ganz so leicht und humoristisch erzählt werden wie Oh Boy. Aber auch Lara lebt von einer lückenlosen inneren Spannung, wunderbaren Einzelszenen und vor allem der herausragenden Leistung von Corinna Harfouch, die hinter der Fassade der gnadenlosen Strenge sensible, verletzbare Seiten aufscheinen lässt und sogar Gelegenheit erhält, reife, erotische Ausstrahlung aufblitzen zu lassen (in schwarzer Spitze!). Allerdings hätte ihr Gerster noch mehr entgegenkommen können, indem er den beinahe bis zur Unmeßbarkeit heruntergeschraubten Humor großzügiger ausgestaltet hätte. So sind die Charaktere psychologisch durchgehend glaubwürdig, die Handlung aber wirkt szenenweise so zugespitzt, als habe eine Lara die Regie übernommen.



Lara mit Corinna Harfouch | (C) STUDIOCANAL / Frederic Batier

Max-Peter Heyne - 7. November 2019
ID 11795
Weitere Infos siehe auch: http://www.studiocanal.de/kino/lara


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