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Französisches Kino

Brutalität

in Stein



Bewertung:    



Es war eine mutige, aber gute Wahl, das Drama im vergangenen Dezember als Eröffnungsfilm der französischen Filmwoche Berlin zu programmieren, die die größte Leistungsschau des Filmschaffens unserer westlichen Nachbarn innerhalb Deutschlands darstellt. Zum einen, weil der Film hochverdient als Oscar-Kandidat Frankreichs in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film ins Rennen geht – und im Gegensatz zum deutschen Systemsprenger auch auf der finalen Liste für die Verleihung am 9.2. verblieben ist – und von daher allen Grund hat, aufs Schild gehoben zu werden. Zum anderen aber auch, weil damit deutlich gemacht wurde, dass Frankreich eben nicht nur das Land der Liebes- und anderer Komödien ist, sondern immer mal wieder auch mit eindrücklichen, sozialkritischen Dramen glänzt.

Die Missstände und die Gewalt in den Trabantenstädten vor Paris oder anderen französischen Großstädten bilden ein eigenes Genre, dass des „banlieu cinéma“, das sich mit dem „cinéma beur“, dem Sozialdrama über die prekäre Lebenssituationen der aus Nordafrika eingewanderten Migranten überschneidet. Letztere Kategorie wurde vor allem mit der Tragikomödie Tee im Harem des Archimedes von Regisseur Mehdi Charef 1985 auch außerhalb Frankreichs bekannt. Die meisten Dramen über die Banlieus waren indes deutlich härter und schonungsloser, und es stimmt bitter, dass sich seit über 30 Jahren, also mehr als eine ganze Generation, an der sozialen Perspektivlosigkeit innerhalb der französischen Vorstadtghettos nicht viel geändert hat. Der Filmtitel nimmt gar Bezug auf den berühmten Roman von Victor Hugo aus dem Jahre 1862, der die Misere der Unterschicht in Paris der napoleonischen Ära beschrieb. Die Anlehnung an die Historie des Elends-Topos bleibt im Film allerdings auf Anspielungen beschränkt – und denselben Handlungsort: Montfermeil vor Paris.

Stärker sind die Parallelen zu anderen Banlieu-Filmen: Die Wut und Verzweiflung, die von Jugendbanden wie in Mathieu Kassovitz’ modernem Klassiker Hass – La Haine von 1995 ausging, und die rassistische Gewalt einiger Polizisten unterscheidet sich kaum von der in die Die Wütenden. Die Mittel, mit denen man sich gegenseitig belauert und beobachtet, schikaniert und stichelt, sind teils subtiler und weniger offenkundig, aber die Resultate sind gleich: Verachtung und Hass prägen die Wahrnehmung, sodass der geringste Anlass wie ein Streichholz im Pulverfass wirkt.

Im Falle der Handlung von Die Wütenden – die sich an einem einzigen Tag in einem bestimmten Hochhausviertel abspielt (Drehbuch: Ladj Ly, Goirdano Gederlini und Alexis Mannenti) – ist dieser Auslöser ein Löwenbaby. Das wird von einer Gruppe von Sintis, die in der Banlieu mit ihrem Zirkus gastiert, vermisst. Reihum mischen die muskelbepackten, bedrohlich mit Knüppeln bewaffneten "Artisten" auf der Suche nach dem Löwenkind männliche Migranten im Viertel auf. Und tatsächlich hat ein kleiner arabischer Junge sich das possierliche Tierchen gegriffen, weil er es so niedlich fand. Die Auseinandersetzungen halbwegs im Zaun zu halten, ist die Aufgabe einer Spezialeinheit der Polizei, die im Vorort Montfermeil auf Streife fährt.

Der Zuschauer lernt zusammen mit dem Neuling in der Truppe, Stéphane Ruiz (Damien Bonnard), zunächst die hartgesottenen Kollegen kennen: den machohaften, aufbrausenden Chris (Alexis Manetti) und den dunkelhäutigen, ruhigeren und weniger ruppigen Gwada (Djibril Zonga). Wie Stéphane am Ende bilanzieren wird, ist er kaum mit den beiden Besserwissern aus der Tür der Polizeiwache und erlebt den „schlimmsten Tag“ seines Lebens. Gegenseitiger Respekt wird als Ideal gepriesen, ist aber Illusion. Die migrantischen Bewohner sehen die Flics als ihre Feinde und orientieren sich eher an den mafiösen Anführern ihrer Ethnien oder an den strenggläubigen Muslimen, die mit ihrer eigenen Sittenpolizei für Ordnung sorgen. Regisseur Ly fokussiert sich zwar auf die drei Polizisten mit ihren Problemen und problematischen Verhaltensweisen, denen er bzw. Kameramann Julien Poupard mit der nervösen Handkamera hinterhertigert.

Doch eine klassische Räuber- und Gendarm-Konstellation umgeht Ly, indem er auch die Hierarchien zwischen den Ghettobewohnern abbildet – in denen noch immer patriarchale Strukturen dominieren – und vor allem zwei naive, lebenslustige Jungen als Anti-Helden präsentiert. Ihre arglos begangenen Handlungen sind letztlich die Auslöser für diverse Menschenjagden von den miteinander um die Vorherrschaft im Viertel ringenden Gruppierungen. Denn auf der Suche nach dem Löwenbaby wird der schuldlos schuldig gewordene junge Dieb von Gwada lebensgefährlich verletzt – und ein anderer Junge, Buzz (Ldj Lys eigener Sohn, Al-Hassan) hat den Vorfall mit seiner Flugdrohne von oben gefilmt. Für alle Beteiligten ist es daher höchste Priorität, diese Aufnahmen in die Hände zu bekommen.

*

Die Wütenden ist ein vielschichtiger Film voller authentischer Charaktere, der sich einfachen Antworten enthält. Stattdessen stellt er die Frage, inwieweit in einer Welt, in der die ethnischen Unterschiede und sozialen Gräben undurchlässig zu Beton und Stein geronnen sind, normale, mitmenschliche Kommunikation überhaupt funktionieren kann. Ein Miteinander, in der also nicht das Oben und Unten, die Abhängigkeit und Machtlosigkeit, die Einschüchterung und die Angst als Struktur über die Inhalte dominieren. Abseits aller Aufklärung und Bildung, die offenkundig schon über Jahrzehnte ohne nennenswerte Effekte versickert, wäre eine Feminisierung der Verhältnisse nötig, denkt man(n) sich als Zuschauer beim Sehen des Films. In deutschen Großstädten laufen dazu seit einigen Jahren soziale Projekte. In Frankreich hoffentlich auch.



Die Wütenden - Les Misérables | (C) Wild Bunch Filmverleih

Max-Peter Heyne - 23. Januar 2020
ID 11953
Weitere Infos siehe auch: https://www.wildbunch-germany.de/movie/die-wuetenden


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