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DVD-Besprechung

Gesungener

Film



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Sie sind ein Unikum innerhalb der Filmgeschichte: die Musikfilme von Jacques Demy. Gewiss, man kann sie der nicht unüblichen Gattung des Filmmusicals zuordnen, aber sie besitzen eine so ausgeprägte Eigenart, sind so unverkennbar französisch, dass man zögert, sie mit den amerikanischen Exemplaren der Gattung in einen Koffer zu packen.

Im amerikanischen Filmmusical wird in der Regel dramaturgisch motiviert, warum die Darsteller tun, was man im alltäglichen Leben nur selten tut: nämlich singen anstatt zu sprechen. Das amerikanische Filmmusical spielt häufig in Milieus, ersinnt häufig Situationen, in denen sich realistisch begründen lässt, dass jemand singt. Häufig haben die Gesangs- und erst recht die Tanznummern Einlagencharakter, sie sind tatsächlich „Nummern“ im Sinn des Varietés oder der Show.

Bei Demy, in Les Parapluies de Cherbourg (Die Regenschirme von Cherbourg), wird der gesamte Dialog gesungen. Sein Film ist durchkomponiert. Damit scheint er der Oper näher als dem Filmmusical amerikanischer Provenienz. Demy wollte ganz bewusst dem amerikanischen Vorbild ein europäisches Gegenstück liefern. Deshalb wählt er auch ein europäisches Sujet, das sich radikal von den Sujets amerikanischer Filme unterscheidet, eine sentimentale Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Algerienkriegs. Die Musical Comedy der amerikanischen Tradition wird bei Demy zum emotional aufgeladenen Melodram, das typisch amerikanische Happy End, die Heirat eines armen Mädchens mit einem reichen und erfolgreichen Mann, wird in sein Gegenteil verkehrt: Die Hochzeit mit dem reichen Mann ist kein glückliches Ende. Den Regeln des Melodrams entsprechend darf die Liebesverbindung, die, wie man mutmaßen soll, tatsächlich glücklich gewesen wäre, nicht zustande kommen. An die Stelle der Überwindung von Klassengegensätzen durch Ehe, bei der allerdings der Schweinehirt und die schöne reiche Königstochter des Märchens in Hollywood zugunsten des patriarchalischen Modells der Versorgungsehe abhanden gekommen sind, tritt bei Jacques Demy am Ende der halbtröstliche Gegensatz zwischen bescheidenem Familienidyll auf der einen Seite, grandios in der Schlusstotale vor der weihnachtlichen Tankstelle ins Bild gesetzt, und – als Strafe für mangelnde Treue gegenüber dem Mann, der im Krieg sein Leben riskiert – dem angedeuteten Unglück einer materiell begründeten Vernunftehe auf der anderen. Dass Geld allein nicht glücklich mache, diese Formel, mit der die Reichen die Armen vor Begehrlichkeiten warnen, ist freilich ebenso Bestandteil der amerikanischen Ideologie wie die Illusion von der Versöhnung der Klassengegensätze durch private erotische Annäherung.

Eigentlich hatte Demy bereits seinen ersten abendfüllenden Film Lola von 1961 als Musikfilm geplant, konnte ihn aber als solchen nicht finanzieren. Mit der Figur des Roland Cassard und einer kurzen Rückblende erinnert Jacques Demy in Les Parapluies de Cherbourg an Lola – eine der vielen intertextuellen Anspielungen, die Demy, in Übereinstimmung mit zahlreichen französischen Filmen der späten fünfziger und der sechziger Jahre, liebt.

Bereits der Vorspann von Les Parapluies de Cherbourg ist höchst originell und kann als Glanzstück in der Geschichte des Trailers betrachtet werden. Schon vor dem Auftauchen der Regenschirme hat die Musik von Michel Legrand eingesetzt, mit einem markanten Motiv, das sich durch den ganzen Film hindurchzieht und bald nach der Premiere zu einem Evergreen wurde. Anders aber als bei den unsterblichen Hits aus amerikanischen Musicals handelt es sich nicht um eine isolierte Nummer, einen Song, der einen deutlich markierten Anfang und ein ebenso deutlich markiertes Ende hat, sondern um ein Segment innerhalb der durchkomponierten Partitur.



Catherine Deneuve und Nino Castelnuovo in Jacques Demys Die Regenschirme von Cherbourg | (C) D.R.


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Drei Jahre nach Les Parapluies de Cherbourg versuchte Jacques Demy mit Les Demoiselles de Rochefort (Die Mädchen von Rochefort) noch einmal einen gesungenen Film durchzusetzen. Mit Catherine Deneuve und ihrer zwei Jahre älteren, bald darauf tödlich verunglückten Schwester Françoise Dorléac knüpfte er sogar unmittelbar an die Parapluies an, mit Gene Kelly als männlichem Partner verneigte er sich vor der amerikanischen Tradition, doch ohne den Überraschungseffekt des vorangegangenen Filmmusicals konnte dieser Film nur den engeren Kreis der Liebhaber begeistern. In Les Demoiselles de Rochefort wird auch gesprochen, vorübergehend sogar in gereimten Versen. Zugleich nähert sich dieser Film mit Tanzszenen der amerikanischen Musical Comedy an. Und in diesem Film kriegen sich am Ende, wie es sich für das Genre gehört, alle, die für einander bestimmt sind. Die Choreographien von Norman Maen allerdings bleiben hinter den Standards zurück, die von Busby Berkeley bis Jerome Robbins gesetzt wurden.

1982 variierte Demy die Versuchsanordnung in Une chambre en ville, aber dieser Film blieb vollends ein Geheimtipp. In Europa hat seither, mit Dancer in the Dark (2000), einzig Lars von Trier dem Filmmusical Reverenz erwiesen, wenn man nicht auch den schwer einzuordnenden Film On connait la chanson (1998) von Alain Resnais in diesem Kontext berücksichtigen will. Das extrem melodramatische Drehbuch und die Besetzung einer wichtigen Rolle mit Catherine Deneuve lassen es zu, Dancer in the Dark obendrein als Huldigung an Jacques Demy und Les Parapluies de Cherbourg zu verstehen. Das war’s aber auch schon. Eine Tradition konnte Jacques Demy nicht begründen. Bei der Verbindung von Musik und Film denkt man heute auch in Europa an Videoclips. Die mögen gelegentlich ihren eigenen Reiz haben. Vom Geniestreich der Parapluies de Cherbourg allerdings sind sie Welten entfernt.



Françoise Dorléac und Catherine Deneuve in Jacques Demys Die Mädchen von Rochefort | (C) D. R.


Übrigens: zwischen den Parapluies de Cherbourg und dem allgemein bejubelten La La Land liegen 52 Jahre. Merkt man das?

Thomas Rothschild – 10. August 2019
ID 11611
Jetzt hat Arthaus STUDIOCANAL Les Parapluies de Cherbourg und Les Demoiselles de Rochefort in einem DVD- bzw. Blu-ray-Schuber neu herausgebracht. Am 22. August kommen sie in den Handel. | T.R.

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