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ACHTUNG BERLIN | 10. - 17. April 2019

Zwei Beziehungskomödien und ein Blutrachedrama im Spielfilm-Wettbewerb




Am Mittwoch startete die mittlerweile 15. Ausgabe des ACHTUNG BERLIN new berlin film awards im Kino International.

Eröffnet wurde das Festival mit dem vierten Langspielfilm des Regisseurs Philipp Eichholtz, seit Jahren ein recht erfolgreicher Gast im Spielfilmwettbewerb. In seinem neuem Film Kim hat einen Penis spielt Martina Schöne-Radunski (Luka tanzt leise) wieder eine jener Frauenfiguren, die relativ selbstbewusst ihren Platz im Leben suchen. Regisseur Eichholtz dreht hier die normierte Geschlechterkonstellation aber mal völlig um. Titelheldin Kim ist erfolgreiche Pilotin, während ihr etwas schluffiger und knuffiger Freund Andreas (Christian Ehrich) beruflich nicht so recht voran zu kommen scheint. Nun stellt Kim Andreas auch noch vor vollendete Tatsachen (auch eher so ein Männerding) und lässt sich in einer Klinik in der Schweiz von heute auf morgen einen Penis machen, was das arme „Bärchen“ daheim vor ein nicht ganz kleines Sexualproblem stellt.

Wie geht Mann also mit einer Frau mit männlichem Sexualorgan um? Was scheinbar zunächst in Richtung Transsexualität verweist, entpuppt sich allerdings schnell als bloßer Gag, um eine relativ normale Beziehungskomödie aufzuziehen. Transsexualität hat den Regisseur, wie er selbst nicht müde wird zu betonen, auch gar nicht interessiert. Die Idee entspringt eher einem Traum seines Freunds und Produzenten Oliver Jerke. Das klingt dann leider verdammt nach Freud. Aber nicht erst seit dem Buch Der kleine Unterschied und seine großen Folgen von Alice Schwarzer ist (auch wenn‘s langweilt) die Sexualität ein „Angelpunkt der Machtverhältnisse zwischen den Geschlechtern und der Unterdrückung der Frauen“. Wäre also interessant, diese Machtverhältnisse mal gehörig durcheinander zu wirbeln.

Hier erwächst aber im wahrsten Sinne des Wortes aus Kims Penis nichts wirklich Neues. Im Gegenteil, bis auf anfängliche Irritationen, die durchaus für ein paar Gags gut sind, wenn z.B. Kim den ihr nachpfeifenden Bauarbeitern einfach mal vor den Bauzaun pinkelt, traut sich der Film relativ wenig und fällt damit deutlich hinter Eichholtz‘ auf der Berlinale 2018 gezeigten und recht erfrischenden letzten Streifen Rückenwind von vorn zurück. Kim sieht sich immer mehr in die Defensive gedrängt, auch weil plötzlich das eigentlich bereits abgehakte Kinderthema wieder hochkommt. Zwei weitere Paare im Umfeld von Kim und Andreas runden die Geschlechterklischees ab. Kims spießiger Bruder Tim (Matthias Lier) und seine schwangere, Kuchen backende Frau Judith (Lilli Meinhardt) sowie Kims beste Freundin Anna (Stella Hilb), die ihren Freund Marlon (Sebastian Fräsdorf) verlassen hat, weil der anstatt sie, eine andere schwängerte.

Daraus entwickeln sich nun lediglich die recht erwartbaren Beziehungskrisen und ein paar Eifersuchtsszenen, da sich der nicht einbezogen fühlende und sichtlich überforderte Andreas einfach als Erzeuger bei seiner alten Flamme Anna anbietet. Trotz eines One-Night-Stands von Kim mit einer lesbischen Automechanikerin (Lana Cooper) plantscht man hier dann doch mehr oder minder freudig im heteronormierten Flachwasser der Mainstreamunterhaltung. Eigentlich schade.

Bewertung:    



Kim hat einen Penis | (C) Fee Scherer


*

Die zweite Liebeskomödie im Spielfilm-Wettbewerb, die auch noch Liebesfilm heißt, ist zumindest von einem Regie-Paar gedreht. Robert Bohrer & Emma Rosa Simon stellen allerdings wieder den sich suchenden Mann in den Mittelpunkt ihres Films. „Lenz ist Mitte 30 und weiß nicht, was er will“, heißt es da. Diese Konstellation ist auch nicht gerade neu, aber wie dieser Lenz (Eric Klotzsch) sich so durch den Berliner Sommer treiben lässt, ist dann zunächst durchaus ungewöhnlich eingespurt.

Lenz ist ein Tagträumer, träumt aber alles andere als von einer Frau mit Penis. Als relativ typisches Exemplar Mann ist er allerdings schon auch mit ein paar Komplexen belegt. Da ist zunächst sein Übervater (Hartmut Becker), ein alternder Macho, für den 30jährige Frauen schon zu alt sind, und der bereits vor 15 Jahren von seiner Frau (Sabine Vitua) verlassen wurde. Jeden Montag ruft er Lenz an, der ihm dann immer wieder lustig ein paar Lügen über seinen nicht vorhandenen Job auftischt. Mit WG-Kumpel Kenn (Gerdy Zint) macht er Party oder zieht mit britischen Touristinnen durch Berlin. Er liebt sein freies Leben ohne lästige Zwänge und Verpflichtungen.

Auf einer drogenschwangeren Techno-Party lernt er die geheimnisvolle Ira (Lana Cooper) kennen und zieht total verliebt relativ schnell bei ihr ein. Ira muss immer wieder für kurze Jobs nach Afghanistan, um dort VPN-verschlüsselte Netzwerke für irgendwelche Firmen und Hilfsorganisationen herzustellen. Wenn sie nicht da ist, träumt sich Lenz in eine Welt mit GIs, afghanischen Mudschahedins und verschwunden Flugzeugen. Irgendwann erscheint auch noch der italienische Kapitän (Roberto Guerra) des gesunkenen Luxusliners Costa Concordia, die hier wie selbstverständlich in der Spree liegt. Ein Geisterreigen männlicher Rollenklischees.

Trotzdem ist dieser Liebesfilm nicht ganz realitätsfern. Die selbstbewusste Ira ist nicht so wie seine bisherigen Beziehungen. Da muss sich Lenz schon ein bisschen anstrengen, was er auch mit einem kleinen, witzig erzählten Auto-Trip in die Brandenburger Natur macht. Allerdings ist er nach wie vor nicht bereit, sich endgültig zu binden. Und das Thema Kind erzeugt auch hier eine Krise, bei der sich Lenz zunächst wieder in sein altes Leben zurückzieht. Was der Film in seinen surrealen Momenten ganz wie nebenbei mit erzählt, ist die Dominanz männlicher Idealvorstellungen, von denen sich Lenz in seinen träumerischen Reflexionen wie von seinem Vater langsam verabschieden muss, um mit Ira eine gemeinsame Zukunft beginnen zu können.

Bewertung:    



Liebesfilm | (C) Sina Eslami


*

Ein Regie-Duo gibt es auch beim ersten Spielfilm von 4 Blocks-Star Kida Khodr Ramadan, der auch gleich noch selbst produziert und eine der beiden Hauptrollen übernommen hat. Gemeinsam mit Regisseur Til Obladen hat sich Ramadan filmisch mit der albanischen Blutrache genannt Kanun auseinandergesetzt. Der Film ist im Prinzip komplett improvisiert in nur 16 Drehtagen entstanden. Das ist schon eine beachtliche Leistung, bei der man über ein paar qualitative Mängel gerne hinweg sieht. Beeindruckend ist dann aber schon die Kamera von Chris Caliman, die die Protagonisten vom verschneiten Nordalbanien über die Großstadt Berlin wieder dorthin zurück begleitet.

Nach einer kurzen Rückblende, bei der ein vor einem Haus in Albanien ausgesetztes Baby dann von der Mutter doch wieder zurückgeholt wird, springt der Film in die Jetztzeit und folgt dem obdachlosen Flaschensammler Agim (Kida Khodr Ramadan) bei der Verrichtung seines Tagwerks durch Berlin. Wie wir später erfahren, ist er das Kind vom Anfang. Mit dem ebenfalls in Berlin lebenden albanischen Geschäftsmann Yon (Blerim Destani) verbindet Agim die noch heute praktizierte, schreckliche Tradition der Blutrache. Als er von Yons Ankunft in Berlin erfährt, kommt in Agim die alte Angst wieder hoch, und er beschließt Yon, dessen Bruder sein Vater einst tötete, aufzusuchen, um entweder den Kreislauf der Gewalt zu brechen, oder das Leben des anderen auch zu zerstören.

Yon der kein Interesse an der alten Tradition hat, nimmt den verwahrlosten Agim bei sich und seiner Freundin Hannah (Sinha Melina Gierke) auf und kauft ihm sogar neue Klamotten, versucht das Problem aber weiter zu verdrängen, bis Agim darauf besteht, dass Yon seinen Vater anruft, um dann mit ihm zur Beilegung der alten Fehde nach Albanien zu reisen. Was beide dann schließlich auch tun.

Ramadans Film soll authentisch wirken, aber wie er sich so als flaschensammelnder Underdog ins Leben des Geschäftsmanns Yon drängt und ihm wenigstens für einen Tag sein Leben erfahrbar macht, ist doch ganz im typischen Kumpelton erzählt, wobei eine ganze Schar von coolen Kieztypen aufgefahren wird. Eindrücklicher dann wieder die fast erdrückenden Bilder vom trostlos verschneiten Dorf in Albanien, wobei Ramadan hier meistens Pause hat, während der Bruder von Yon (Xhevdet Jashari) immer wieder über die ärmlichen Verhältnisse in Albanien klagt. Die Angst ist Agim aber schon allein im Gesicht abzulesen. Ein kurzer Stopp führt ihn noch zu einem Gebet in die Moschee.

So schleppt sich das Blutrachedrama langsam seinem Finale zu, was die Spannung zwar hochhält, aber mit der Ankunft von Hannah, die Yon nachgefahren ist, noch einen weiteren Handlungsstrang öffnet, den der Film aber nicht mehr ausagiert. Da ist viel gewollt, aber letzten Endes wird der Film seinem Thema nicht wirklich gerecht, da relativ schnell klar ist, wo das Ganze hinführt. Da hätte man sich schon ein paar Dialoge mehr gewünscht, die dann allerdings ein besseres Skript erfordert hätten.

Bewertung:    



Kanun | (C) Sami Kida Produktion

Stefan Bock - 15. April 2019
ID 11353
Weitere Infos siehe auch: https://achtungberlin.de/


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